Doppelt versagt

Was „wartungsfrei“ bedeutet, darüber scheint die Fahrradindustrie ganz eigene Ansichten zu haben.

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Schon zwei Jahre nach dem Kauf begann das Tretlager meines Fahrrads ein leichtes Spiel zu entwickeln. Aus Bequemlichkeit bin ich noch zwei weitere Jahre damit gefahren, bis sich das Spiel zu einem massiven Klappern ausgeweitet hatte. Keine Frage: Das Ding musste raus. Der erste Händler gab mir das Bike unverrichteter Dinge wieder zurück. Er hatte den Rahmen erhitzt, mit Kriechöl geflutet, geflucht und geschwitzt – nichts zu machen, das Lager saß fest. Ich solle mir einen neuen Rahmen besorgen, empfahl er mir. Der zweite Händler setzte einen Schraubenschlüssel an, so lang wie mein Unterarm. Daran kam noch eine ähnlich dimensionierte Hebelverlängerung. Die Konstruktion war damit länger als der ganze Rahmen. Nun hängte sich der Monteur mit seinem gesamten Gewicht an den Hebel, und irgendwann bewegte sich die festsitzende Schraube tatsächlich. Der Rahmen war gerettet.


Wie kann es sein, dass ein recht neues Fahrrad, das übrigens keineswegs aus dem Baumarkt stammt, mit so extremen Mitteln repariert werden muss? Ich dachte immer, die geschlossenen Patronenlager, die mittlerweile überall verbaut werden, seien wartungsfrei. Aber das ist wohl ein Missverständnis. Mit „wartungsfrei“ meint die Fahrradindustrie offenbar keineswegs: „Dieses Lager braucht nicht gewartet zu werden.“ Sondern: „Dieses Lager kann nicht gewartet werden.“ Das ist ein ziemlicher Unterschied.


Nun gut: Ein Austausch-Lager kostet vielleicht 15 Euro, und wenn alle paar Jahre mal ein neues fällig wird, bringt das keinen um. Wenn es sich denn wenigstens austauschen ließe. Der Hersteller hat also gleich doppelt versagt: Erstens ist das Lager nicht ausreichend abgedichtet, um mehr als nur ein paar Winter lang Spritzwasser, Dreck und Salz zu trotzen. Und zweitens hat er keine Vorkehrungen dagegen getroffen, dass sich das Stahllager im Alurahmen festfrisst. Da alle Hersteller im Wesentlichen die gleichen Komponenten verbauen, betreffen solche Probleme die ganze Branche. Irgendwie scheint sie es noch nicht begriffen zu haben, dass Räder Alltagsprodukte sind, die zuverlässig zu funktionieren haben, und die nicht automatisch im Keller bleiben, wenn in der Ferne mal eine Schneeflocke zu sehen ist. (jlu)