Buchrezension: Steve-Jobs-Biografie im Taschenbuchformat

Wer den 700 Seiten starken Wälzer von Walter Isaacson nicht lesen oder bezahlen möchte, dem liefert die US-Journalistin Karen Blumenthal nun eine Steve-Jobs-Biografie im Taschenbuchformat.

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Karen Blumenthal: "Steve Jobs. Think different – Die Welt anders denken." Aus dem Amerikanischen von André Mumot. Bloomsbury Verlag, Berlin 2012. 346 Seiten, 9,95 Euro

Steve Jobs wurde geliebt und ebenso gehasst. Mit Nachdruck bewundert und abgelehnt. "Die Menschen wählten große Worte, wenn sie ihn beschrieben. Visionär. Showman. Künstler. Tyrann. Genie. Mistkerl." Vier Monate nach der Veröffentlichung der "autorisierten Biografie" durch Walter Isaacson versucht sich die Journalistin Karen Blumenthal an einem Porträt.

Den Rahmen für ihr Buch "Steve Jobs. Think different – Die Welt anders denken" bildet die Rede vor Absolventen der Stanford-Universität im Juni 2005, in der der Apple-Mitbegründer den Studenten drei Geschichten erzählte. Er hatte gerade eine erste Krebsbehandlung überstanden – ahnte aber vielleicht damals auch schon, dass ihm noch ein schlimmer Leidensweg bevorstehen würde.

In der ersten Geschichte sprach Jobs damals in einer ungewohnten Offenheit vom "Verbinden der Punkte", über seine Adoption und seine Selbstzweifel als junger Schüler, der sich verstoßen und gleichzeitig auserwählt fühlte. Blumenthal schildert, wie Steve Jobs später dann seinem genialen Gegenspieler und Kumpel Steve Wozniak begegnete und sich daraus die faszinierenden Anfänge von Apple Computer entwickelten.

Die zweite Geschichte in Stanford handelt von Liebe und Verlust. Hier beschreibt Blumenthal im Detail den Aufstieg und Absturz des jungen Apple-Mitbegründers, der 1985 aus seinem inzwischen an der Börse notierten Unternehmen gedrängt wurde, weil die Geschäfte mit dem ersten Apple Macintosh nicht so gut liefen wie erhofft. "Apple zu verlassen, tat Jobs sehr weh. Aber, sagte er, 'es stellte sich heraus, dass bei Apple gefeuert zu werden das Beste war, was wir jemals hätte passieren können'. Von diesem Tiefpunkt konnte er ganz neu anfangen. Er gründete NeXT, finanzierte Pixar und traf eine 'erstaunliche Frau', seine Ehefrau Laurene."

Die dritte Geschichte in Stanford handelte vom Tod. Blumenthal kommt wie Steve Jobs in seiner Rede zu dem Schluss, dass die Konfrontation mit dem Tod ihm half, sich auf das zu konzentrieren, was ihm am wichtigsten war. Und das war nicht etwa seine Familie mit seinen drei Kindern, sondern Apple. Ihm ging es vor allem darum, eine Antwort auf die Frage finden, wie er den Konzern auf die Ära nach seinem Tod vorbereiten kann.

Im Vergleich zu dem opulenten Werk von Walter Isaacson ist das Buch von Karen Blumenthal eine einfache Lektüre. Man spürt, dass die Autorin Erfahrungen als Kinderbuchautorin gesammelt hat. Dem 346 Seiten starken Taschenbuch fehlt aber dafür die Direktheit und Detailverliebtheit der viel umfangreicheren "offiziellen Biografie". Walter Isaacson hatte Steve Jobs in über 40 Gesprächen auch unangenehme Fragen gestellt und zum Teil bemerkenswerte Antworten erhalten. Karen Blumenthal dagegen ist Jobs nie persönlich begegnet. Sie hatte nach eigenen Angaben noch nicht einmal die Gelegenheit, ihn auf einer Messe oder Apple-Veranstaltung live zu erleben. Immerhin hat sie das Buch von Isaacson nicht nur gelesen, sondern bis an die Grenzen des Erlaubten für das eigene Werk ausgewertet, sodass mancher Leser den Eindruck gewinnen könnte, bei ihrem Buch handele es sich um eine leichter verständliche Readers-Digest-Ausgabe des dicken Isaacson-Wälzers.

Der Verlag wirbt damit, Karen Blumenthal erzähle "kompakt und anschaulich das außergewöhnliche Leben eines begnadeten Erfinders, der mit seinem mitreißenden und kompromisslosen Führungsstil Apple an die Spitze gebracht hat." Die Attribute "kompakt und anschaulich" beschreiben tatsächlich den Charakter dieses Buches sehr gut. Blumenthals Biografie bietet allerdings nicht den vom Verlag versprochenen "überraschenden Blick hinter die Kulissen der Computerindustrie", weil hier kaum etwas zu finden ist, was nicht Isaacson oder andere Autoren schon viel detailreicher aufgeschrieben hätten. (se)