Die Vermessung des Selbst

In der „Quantified Self“-Bewegung sammeln Menschen Daten über ihr Leben, um mehr über sich selbst zu erfahren – oder vage Einschätzungen bestätigt zu finden wie TR-Autorin Rachel Metz im Selbstversuch.

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  • Rachel Metz

In der „Quantified Self“-Bewegung sammeln Menschen Daten über ihr Leben, um mehr über sich selbst zu erfahren – oder vage Einschätzungen bestätigt zu finden wie TR-Autorin Rachel Metz im Selbstversuch.

Bis vor kurzem habe ich mir keine Gedanken über die Daten meines Alltags gemacht. Habe nicht gezählt, wie viele Schritte ich am Tag gehe, wie oft ich meinen Facebook-Status aktualisiere, mich gestresst fühle oder einen Drink nehme. Genau damit beschäftigt sich die „Quantified Self“-Bewegung. Ihre Anhänger quantifizieren akribisch jede Stimmungsschwankung, jede sportliche Betätigung, jede Mahlzeit. Die Idee dahinter ist, dass diese Daten uns neue Einsichten über uns selbst vermitteln, aus denen wir dann wieder lernen können. Denn das Tracking des Alltags birgt einige Überraschungen.

Noch vor einigen Jahren wäre es kaum möglich gewesen, diese Daten zu sammeln. Eine Fülle von Apps wie RunKeeper, Daytum oder Foursquare sowie tragbare Sensoren wie Fitbit oder Zeo – das Gerät überwacht den eigenen Schlaf – haben das geändert. Online-Dienste und Apps wiederum helfen, die Daten aufzubereiten, um Schlüsse aus ihnen ziehen zu können.

Anfangs stand ich dieser Idee skeptisch gegenüber. Ich konnte mir nicht vorstellen, welchen Nutzen ein Gewohnheitstier wie ich aus all diesen Daten ziehen könnte. Ich radele jeden Tag auf demselben Weg zur Arbeit, schlafe grundsätzlich acht Stunden.

Sei’s drum, dachte ich und rang mich dazu durch, mein Leben für ein paar Wochen zu quantifizieren. Ich meldete mich beim Beta-Test von Tictrac an. Das Londoner Start-up hat sich vorgenommen, die verschiedenen Datenquellen, Facebook eingeschlossen, so miteinander zu verbinden, dass die „Selbst-Quantifizierung“ möglichst einfach wird. Einige Quellen speisen ihre Daten automatisch ins Tictrac-System ein, während man sie bei anderen aktiv hinzufügen muss – etwa, wann man am Tag Hunger hat.

Noch ist die Tictrac-Seite recht grob gestrickt, aber schon jetzt zeigt sie auf einen Blick alle wichtigen Daten graphisch aufbereitet an. Man kann „Projekte“ anlegen, in denen bestimmte Datenquellen zusammengelegt werden. Im Projekt „Zeitmanagement“ werden dann zum Beispiel Kalenderdaten, Emailverkehr, Google-Suchen und Besuche im Fitness-Studio erfasst.

Ich stellte also verschiedene Datenquellen zusammen: die Häufigkeit von Twitter-Mitteilungen, von Facebook-Veröffentlichungen, die zurückgelegten Fahrrad-Kilometer, meine Stress-Niveaus, meinen Alkoholkonsum und vieles mehr.

Schnell merkte ich, dass ich die manuelle Eingabe von Daten hasse, denn einiges musste auf der Tictrac-Seite selbst eintippen. Ich hatte mir vorgenommen, mit der RunKeeper-App mein FuĂźwege und Radfahrten aufzuzeichnen. Doch es blieb beim guten Vorsatz.

Leichter wurde es mit dem Fitbit-Sensor, der automatisch alle Schritte zählt, die man im Laufe des Tages macht. Die Zahlen waren nicht ganz akkurat, weil ich das Gerät auch während des Radfahrens trug. Und damit es die zurückgelegte Strecke richtig wiedergibt, müsste man schon regelrecht über den Bürgersteig stampfen, während man durch die Stadt geht.

Aber ich bekam doch eine gewisse Vorstellung davon, wie aktiv ich im Alltag bin – was sich mit meiner Selbsteinschätzung deckte. In der Woche vom 14. bis 20. Mai legte ich zwischen 2,5 und 12,5 Kilometer am Tag zu Fuß zurück. Und weil man das Fitbit am Handgelenk tragen kann, ist es ein praktische Erinnerung daran, Dinge zu notieren, die man selbst manuell erfassen muss: etwa wie häufig und wie lange man Kopfschmerzen hat oder sich gestresst fühlt.

Tictrac bringt all diese Daten zusammen und hilft, Korrelationen zu erstellen. So versuchte ich abzugleichen, wie Stress mit der Häufigkeit von Tweets zusammenhängt. Vermutlich war mein Experiment zu kurz, um einen aussagekräftigen Befund zu bekommen, doch zeigte sich immerhin, dass ich mehr twittere, wenn ich unter Stress stehe. Verschiedene Datenquellen miteinander in Beziehung zu setzen, fand ich im Tictrac-System aber noch verwirrend.

Mehr Spaß hatte ich an den Analyse-Werkzeugen, die Datenpunkte über einer Zeitleiste auftragen. Für eine längere Selbst-Quantifizierung könnte das durchaus nützlich sein. Ich könnte dann vielleicht genauer herausfinden, wie das, was ich esse, oder die Musik, die ich höre, mein Radfahr-Verhalten beeinflusst, wie das Wetter sich auf meine Stimmungen auswirkt.

Laut Tictrac-CEO Martin Blinder sollen die graphischen Analysen und Vergleiche noch vereinfacht werden. In der Endversion kann man sie dann auch abspeichern. Der Dienst werde auch Elemente aus sozialen Netzwerken übernehmen, sagt Blinder, aber „im Moment sind wir noch in der Lernphase“. Im Herbst soll Tictrac für alle Nutzer freigeschaltet werden.

In einer Lernphase bin ich auch. Denn ein paar Dinge habe ich doch über mich herausgefunden. Zum Beispiel, dass ich eine Art Hassliebe für Twitter empfinde – ich schwanke zwischen einem regelrechten Abfeuern von Tweets in kurzer Zeit und längeren Stillephasen. Auch bin ich nicht so gestresst, wie ich dachte. Im Tictrac-System kann man sein Stress-Niveau auf einer Skala von eins bis fünf einordnen. Ich gab immer nur zwei für „beschäftigt“ oder drei für „angespannt“ an. Die beiden Endpunkte der Skala habe ich hingegen kein einziges Mal gewählt.

Die wichtigste Erkenntnis war für mich jedoch, dass ich spontaner werden sollte. Viele meiner Einträge zeichneten sich nämlich durch Gleichförmigkeit aus: Werktags fahre ich 12,5 Kilometer mit dem Rad – zum Büro und wieder zurück –, an Wochenenden deutlich mehr. Zuhause trinke ich Weißwein, in Bars den Cocktail Dark and Stormy.

Ich wusste das alles zwar irgendwie schon vorher. Aber als ich meine Gewohnheiten in Kurven und Grafiken vor mir sah, wurden sie mir erst richtig bewusst. Ich werde nun nicht damit fortfahren, mein ganz Leben in Datenpunkten aufzuzeichnen. Doch etwas Abwechslung will ich schon hineinbringen – zum Beispiel, indem ich öfter mal auf einem anderen Weg vom Büro nach Hause fahre. (nbo)