Was war. Was wird.
Aus gegebenem Anlass tickt bei Hal Faber heute die Bombe. Er meldet sich von der anderen Seite der roten Linie.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Und aus gegebenem Anlass tickt bei Hal Faber heute die Bombe. Er meldet sich von der anderen Seite der roten Linie.
Was war.
*** Süßer die Schlagzeilen nie klingeln, und in meinem Kopf dröhnt es auch schon, was nicht etwa an übermäßigem Punsch- oder Glühweinkonsum am Vorabend dieses ersten Weihnachtstages liegt. Manche Leute haben Hegel falsch verstanden und verwechseln Dialektik mit Sophistik. Ist unser aller Staatstheoretiker Hegel in Ferien und nicht erreichbar, dass jeder gerade so argumentieren darf, wie's ihm passt? Die Folter ist mal wieder in aller Munde, die Zeitungen sind schwer beschäftigt, das richtige Foltern zu erklären und das Schäublen, die politisch korrekte Übernahme von erfolterten Aussagen. Vom Elektroschock und der Vergewaltigung bis zum bewussten Wegsehen, wenn irgendwo auf der Welt mal wieder ein Völkermord passiert, reicht die ganze Spannbreite der Folter. Folter findet überall statt, sie ist keine Anomalie oder eine Perversion von durchgeknallten sadistischen Menschen. Folter ist einfach eine Befragungstechnik, die etwas weiter geht, als wir es von den Tatort-Kommissaren gewohnt sind. Wer Stromstöße durch die Genitalien eines Gefangenen schickt, arbeitet halt mit einem schnellen Interrupt und will den Direct Memory Access. "Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee", ja, ja, gut gebrüllt, alter Löwe.
*** Für einige mag Foltern Spaß machen, weil sie Spaß daran haben, den Willen eines Menschen zu brechen, für die meisten ist Folter aber eine normale Arbeit, die sich kaum vom Telefonieren in einem Call-Center unterscheidet. Auch dort muss man etwas aus dem Anrufer herauskitzeln, mit anderen Methoden. Die Folter ist ein Kulturprodukt, der Ausdruck einer Zeit, die keine Zeit hat. Es ist halt einfacher, das Kind mit ausgekugelten Armen an einen Haken in den Keller zu hängen, als lange auf dem PC zu suchen, was es wieder im Internet angestellt hat. Die Folter ist einfach effizient, sonst würde sie ja nicht eingesetzt werden, und ja, sie ist natürlich ein Effekt der Globalisierung: Wer will sich denn noch vor Folter drücken? Folter hat natürlich mit knappen Ressourcen zu tun, denn ein Mensch lässt sich nicht ewig foltern, sondern stirbt. In Syrien wurde beispielsweise Mohammed Haydar Zammar "landestypisch behandelt", wie es das Auswärtige Amt formuliert. Es bedurfte des bundesdeutschen Opfers in Form des Abbruchs von neun Strafverfahren gegen Syrer, ehe BKA-Beamte auch mal zu dem Gefolterten durften.
*** Man denke nur, wie schnell Ruhe in der Bude ist, wenn Foltern im Betrieb, in der Schule und in der Universität eingeführt ist. Je nach Milieu wird man von Daschnern oder Scharffern reden, um endlich einmal Hans Joachim Scharff zu ehren, den Chef-Verhörer der Nationalsozialisten, der rote Linien ziehen konnte wie sonst nur noch Fischer. Natürlich muss man Grenzen ziehen, wenn man Folter salonfähig machen will. Ein demokratischer Rechtsstaat sollte schon darüber diskutieren und abstimmen, ob man auf einem Gefangenen noch die Zigarette ausdrücken kann oder ob das schon zu viel ist. Ob man zur kleinen Anfangsfolter für Einsteiger schon das Aushungern zählen möchte oder ob das noch eine legitime Hartz IV-Maßnahme ist, wie die Landverschickung von Arbeitslosen zum Bücklingsunterricht auf Spargelfeldern.
*** Je schneller wir in diese Debatte einsteigen, desto klarer signalisieren wir den Terroristen, dass wir keinen Deut anders sind als sie, dass wir keine weichen Eier haben und dass auch wir nur tickende Bomben der Extraklasse sind. So einfach ist das. Notfalls können auch wir im Eilverfahren Gesetze ändern, die das Land verändern.
*** Bei Lichte betrachtet ist das Foltern ein EDV-Problem. Da mögen alle Echelons der Welt mit ihrem von SAIC programmierten TeraText mit Latent semantischen Indices sich durch Mails und Telefonate pflügen, da mag besagte SAIC die irakischen Medien kontrollieren oder unser BKA sich über seine tolle IBM-Websphere-Installation ETWAS (Early Threat Warning Analysis Systems) freuen, da mögen alle KFZ unter Aufsicht gestellt werden, es reicht alles nicht aus, die Informationen über die tickende Bombe zu finden. Wo die Rechner versagen muss Folter her, die Hirne öffnen.
*** Ja, man merkt's, auch an dieser Wochenschau: Weihnachten ist's und überall wird das Lied des jüdischen Komponisten Israel Balline a.k.a Irving Berlin gespielt, der von einer White Christmas träumte. In diesem Jahr fallen Weihnachten und Chanukka zusammen, was datumsmäßig selten ist, doch inhaltlich kaum problematisch. Zu Erinnern wäre an die Jüdin Fanny Arnstein, die 1814 den ersten Weihnachtsbaum in Österreich aufstellte, komplett mit Kugeln und Davidsternen. Oder wie wäre es mit dem ersten "deutschen" Weihnachtsbaum, der vor 400 Jahren zu Straßburg auftauchte? Nichts dergleichen. Ich melde mich von der anderen Seite der roten Linie, von dort, wo Weihnachtsmänner den Fummel ausziehen, wo kein tröstliches Chanukka-Lichtl brennt, wo nicht einmal die Spreewaldgurken der Ostheisten von den Zweigen hängen. Von dort, wo schon das kleinste Jammern für den Rausschmiss reicht, weil Jammern nun mal kein betrieblichen Nutzwert erzeugt. Freut euch kann auch eine Folter sein.
*** Mit dem Stichwort Rausschmiss bin ich schon beim letzten Punkt der weihnachtlichen Wochenschau angelangt. Für Journalisten ist Weihnachten die Zeit der Toten und Vergessenen. Kinder, Ehefrauen und Mütter schicken ihre bitteren, verzweifelten Briefe zum traulichen Fest. Die Hinterlassenen derer, die nach einer Meldung des Heisetickers den Freitod gewählt haben, wollen Trost, Reue oder zumindest eine Ahnung davon bekommen, was sich da abgespielt hat. Da muss ich meine Hilflosigkeit gestehen: Das Nachrichtengeschäft ist hart und vergisst oftmals die Menschen hinter den Nachrichten. Wenn Journalisten brisante Mails verschlüsseln, Unterlagen bei Dritten verstecken, bei gefaxten Dokumenten sofort die Senderkennung vernichten und zum nächsten Copyshop laufen, um anschließend das Original zu vernichten, so vergessen wir schnell, dass sich nicht jeder Mensch so verhält. Und dass es Menschen gibt, die daran zerbrechen. Weil ich eher ratlos diese Sorte Weihnachtspost öffne, und noch ratloser der Entwicklung gegenüberstehe, dass manche Nachrichten zu Querschlägern mutieren, erinnere ich heute an einen der tödlichen Fälle. An Thomas Milatz, Mitarbeiter der DATEV-Pressestelle, dem nach dieser Meldung gekündigt wurde, dem dann die Ehe zerbrach und der sich daraufhin im Reichelsdorfer Wald bei Nürnberg erhängte. Nach neun Tagen wurde er gefunden. Die bittere, die böse und die banale Wahrheit ist, dass sich an den Tippelschritten Richtung digitale Signatur nichts, aber auch gar nichts geändert hat. Jetzt soll sie 2007 im großen Stil mit den Personalausweisen kommen, die biometrisch sicher sind. Dass die ungeheure Macht, mit der die DATEV ihre Steuerberater auf Linie hält, zum 40. Jubiläum dieser Organisation im kommenden Jahr weiter zugenommen hat und zunehmen wird.
Was wird.
Das Einstein-Jahr geht zu Ende, doch ehe wir das neue, das Jahr der Informatik feiern können, in der jede Subroutine mit Lametta behängt wird, gibt es noch einen Jahresrückblick. Und einen Kongress über Private Investigations, durchgeführt vom einzigen Verein, der in der Lobbyliste des neuen Bundestages offiziell als Vertreter der Interessen von Hackern, Netzwerkern und Online-Bürgern ausgewiesen ist, in dieser Reihenfolge.
Nach der Kampagne "Du bist Deutschland" (heute ohne Link, schließlich ist Weihnachten) geht es im neuen Jahr mit Deutschland, Land der Ideen weiter. Deutschland, du Land der Gummibärchen, Funkuhren, Currywürste und Aspirintabletten, du hast doch mehr zu bieten! Den Anfang macht im Land der Zukunft der Informatik-Wettbewerb Deutschland braucht Deine Ideen. Wo Ideen und keine Inder mehr gefragt sind, ist der Hauptpreis angemessen: Statt deutscher "Green Card" gibt es ein vierwöchiges Praktikum für die beste Antwort auf die Frage "Welche Aufgaben würdet ihr mit Virtueller und Erweiterter Realität angehen? Welche intelligenten Produkte fehlen uns noch?" Ja, was fehlt uns noch? Ein bisschen "intelligent design"? Ein bisschen Verstand? Ein bisschen mehr Mut, sich seines Verstandes zu bedienen? "Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr." Begeben wir uns also in die Vacanze di Hegel und überlegen uns unter Begleitung des Quartetto Magritte zwischen den Jahren, wo denn im nächsten Jahr die Weisheit des Weltgeistes walten und ihr möglicherweise entgegen aller Erwartungen doch noch segensreiches Wirken entfallten sollte: Es dämmert auf der Welt. Wo bleibt die Eule der Minerva? (Hal Faber) / (jk)