Der Geist in der Maschine
In Lausanne wollen Biologen und Informatiker auf einem Blue-Gene-System eine detailgetreue Simulation der GroĂźhirnrinde installieren. In ersten Versuchen hat das Team um Henry Markram bereits Simulationen mit 25.000 Neuronen laufen lassen.
An der Technischen Hochschule in Lausanne wollen Biologen und Informatiker auf dem Supercomputer "Blue Gene" eine detailgetreue Simulation der Großhirnrinde installieren. Auch wenn sich die Forscher erst einmal nur einen halben Millimeter Rattenhirn vorgenommen haben, geht das Projekt weit über das hinaus, was bei bisherigen Arbeiten zu sehen war: Das ausgewählte Hirnstück, die "Kortikale Kolumne" gilt als universeller Schaltkreis von Intelligenz schlechthin, als entscheidender Baustein in der Evolution des Primatengehirns. "An der einen Stelle verarbeitet sie visuelle Eindrücke, aber wenn man sie herausnimmt und an eine andere Stelle platziert, kann sie genauso gut über Mathematik nachdenken", erklärt Projektleiter Henry Markram das Hirnmodul. Das aktuelle Heft der deutschen Ausgabe von Technology Review enthält Details über den Stand des Projektes und die Zweifel der Kritiker.
In ersten Versuchen hat das Team um Markram bereits Simulationen mit 25.000 vereinfachten und 10.000 komplexeren Neuronen laufen lassen. In technischen neuronalen Netzen werde die "komplexe Biologie des Neurons auf einen Punkt reduziert", kritisiert Markram, der mit seinem Team nun möglichst viel dieser Komplexität erfassen will. Sein Modell sei "mehrere Millionen Mal komplexer als alle Simulationen, die bislang gemacht worden sind."
Pure Rechenkraft gepaart mit detaillierten Aufzeichnungen – fertig ist das künstliche Menschenhirn? Andere Forscher sind skeptisch. "Wir sammeln jetzt seit hundert Jahren Daten, ohne wirkliches Verständnis", beschreibt der theoretische Physiker Klaus Pawelzik die Fleißarbeit der Neurobiologen. "Als Galilei seine erste Formel hingeschrieben hatte, da verstand man plötzlich besser, was fallende Steine so machen. Wir aber befinden uns noch in einer prä-galileiischen Phase. Markram will alle Daten in eine massive Computersimulation stecken, und er hofft, dass dadurch auf mysteriöse Weise plötzlich Verständnis entsteht." (wst)
- Siehe dazu auch das Interview in Technology Review aktuell: "Das ist nicht der Zugang der Physik"