Clash of Technologies
Während wir über die Haustechnik der Zukunft sinnieren, holen uns wankelmütige Jalousien zurück in die Gegenwart.
Während wir über die Haustechnik der Zukunft sinnieren, holen uns wankelmütige Jalousien zurück in die Gegenwart.
Neulich kam es in unserer Redaktion zu einem Zusammenstoß der Technologien: Wir grübelten gerade darüber nach, als was wir die Qivicon-Plattform der Telekom bezeichnen sollen. Als neues Betriebssystem fürs Haus? Als App-Plattform für Gebäudetechnik? Als digitaler Butler? Oder eher als virtueller Hausmeister? Jedenfalls hatten wir alle den Kopf voller Visionen über ein Gebäude, dessen Software in vorauseilendem Gehorsam die richtige Lichtstimmung wählt, die passende Musik auflegt, uns mit frischem Kaffee umsorgt und unseren Kopf von so profanen Dinge frei hält wie der Frage, ob wir den Herd ausgeschaltet haben.
Plötzlich holt uns ein dumpfes Surren zurück in die Gegenwart der Haustechnik: Den Jalousien wird es zu windig, und sie ziehen sich zurück. Da es gleichzeitig immer noch sehr sonnig ist, zieht sich auch die TR-Redaktion zurück, und zwar an das schattige Ende des Konferenztisches. Also zurück zu Qivicon – was ist davon zu halten? Ist das vollautomatische Haus eher eine Versprechung oder eine Drohung?
Wieder dieses Surren. Die Jalousien strecken noch einmal ihre Fühler aus. Brav, denn es ist mittlerweile echt warm geworden im Büro. Unten angekommen, denken sie „och nö, nicht mein Tag heute“ und verziehen sich wieder. Kurze Zeit später bekommen sie ob ihrer Pflichtvergessenheit offenbar doch noch ein schlechtes Gewissen, denn sie trauen sich zurück an die frische Luft. Dort stellen sie fest, dass der Wind immer noch nicht nachgelassen hat, und fahren erneut hoch. So geht das in Fünf-Minuten-Intervallen weiter bis zum Abend.
Mittlerweile scheint die Sonne so flach in die Räume, dass wir auf den Bildschirmen kaum noch etwas erkennen können. Die Kollegen greifen zu einer etwas trashigen, aber leidlich wirksamen Lösung: Sie kleben mit Tesafilm Zeitungsseiten an die Scheiben. Jetzt sieht die Redaktion zwar aus wie eine Imbissbude während der Renovierung, aber man kann immerhin in Ruhe arbeiten. Wenn da nicht dieses permanente Auf und Ab der Jalousien wäre. Erinnerungen an die Zeit nach unserem Umzug ins neue Verlagshaus werden wach: Auch damals entwickelten die Jalousien über Wochen hinweg ein Eigenleben, das Außenstehenden durch den schlichten Fluss elektrischer Ströme kaum noch erklärbar schien.
Fassen wir zusammen: Jalousien haben eigentlich nur drei Regeln zu gehorchen - fahr hoch, wenn jemand auf die „Hoch“-Taste drückt, fahr runter, wenn jemand auf die „Runter“-Taste drückt, und bleibe oben, wenn es zu windig ist. Und schon das funktioniert nicht. Jetzt will die Telekom eine Plattform etablieren, mit der die Bewohner ganze Karawanen von Wenn-dann-Regeln auf ihr Haus loslassen können: Wenn Sonntag ist, möchte ich meinen Kaffee gerne um morgens zehn, außer am ersten Sonntag im Monat, dann ist Frühschoppen, nur nicht in den Schulferien, da fällt der Frühschoppen aus, aber in diesem Fall brauche ich den Kaffee eine Stunde früher, denn dann gehe ich Joggen, außer das Wetter ist schlecht, oder mir ist gerade nicht danach.
Da frage ich mich: Welches Haus würde bei solchen Anforderungen nicht anfangen, zu spinnen? Und haben wir es dann in Zukunft nicht mehr nur mit wankelmütigen Jalousien zu tun, sondern auch mit desorientierten Rasenmähern, ausgebrannten Heizungen, verwirrten Fernsehern? Wie reboote ich ein Haus, wenn es soweit ist? Und kann ich es dann im abgesicherten Modus wieder hochfahren?
Ach ja: was es nun genau mit Qivicon auf sich hat, erfahren Sie im nächsten Heft, das am 28. Juni am Kiosk liegt.
(jlu)