Warum Nippons Elektroräder so langsam sind

Japan war einst die fĂĽhrende E-Bike-Nation der Welt. Aber durch gesetzliche Regelungen und die ureigene Fahrradkultur sind die Hersteller im globalen MaĂźstab zurĂĽckgefallen.

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Von
  • Martin Kölling

Japan war einst fĂĽhrende E-Bike-Nation der Welt. Aber durch gesetzliche Regelungen und die ureigene Fahrradkultur sind die Hersteller im globalen MaĂźstab zurĂĽckgefallen.

Elektrische Fahrräder sind ziemlich heiß in Europa, so scheint es aus der Ferne. Besonders erstaunlich für mich ist, dass das Abendland inzwischen den Pionier in Sachen E-Bikes, Japan, überholt hat. In Japan beträgt der Marktanteil der Gefährte etwa 4 Prozent, sagte man mir während meines Besuchs bei Japans größtem E-Bike-Hersteller, dem Elektronikkonzern Panasonic, abstattete. In Europa liegt der Anteil bereits bei fünf Prozent. Und damit nicht genug: Auch die Anforderungen der Mitteleuropäer an die Leistungsfähigkeit der Batterien würden rasanter als in Japan wachsen, erklärte mir Kazuhiro Suzuki, der bei Panasonics Fahrradsparte den Verkauf für Auslandsmärkte abdeckt. In Japan seien 25V/8Ah-Akkus Standard, in Deutschland eher 36V/12Ah-Akkus. Außerdem gebe es in Japan keinen Markt für E-Bikes mit 400-Watt-Motoren, die selbst bei Geschwindigkeiten von mehr als 25 km/h und bis zu 40 km/h beim Treten helfen.

Die Gründe dafür liegen in unterschiedlichen Kundenwünschen, Radfahrkulturen, Gesetzen und Marktstrukturen. In Japan sind die Kunden eher auf einen niedrigen Preis als auf hohe Leistung aus. Nutzungsverhalten und Erwartungen sind grundsätzlich verschieden, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Als ich nach Japan kam, überraschte mich die Zweiteilung des Marktes in Billigfahrräder für 100 bis 200 Euro und High-End-Rennräder für das Zehnfache des Preises. Dazwischen gab es so gut wie nichts.

Das Segmentloch wurde zwar geschlossen. Aber grundsätzlich ist es weiterhin so, dass Fahrräder traditionell für Kurzstreckenfahrten zum Pendlerbahnhof, zur Schule oder zum Supermarkt verwendet werden. Zur Arbeit radelt kaum jemand – die Entfernungen sind zu groß, auch Fahrradtouren macht keiner. Denn erstens kommt für die Städter die Freude am Radeln in Tokio und anderen Millionenmetropolen nur entlang einiger Flüsse auf. Zweitens vergehen Stunden, bis man mit dem Fahrrad in die Natur kommt. Drittens darf man in Zügen nur Klappräder in der Tragetasche mitnehmen. Und viertens ist die Natur da, wo es sie im Überfluss gibt, extrem bergig.

Dies hat natürlich Auswirkungen auf die Preiserwartungen: Deutsche sind im Schnitt bereit, doppelt so viel für Fahrräder auszugeben wie Japaner, sagte Panasonic-Mann Suzuki. Und natürlich wollen sie auch weiter und schneller fahren als die meisten Japaner. Darüber hinaus schieben restriktive japanische Gesetze jedem Temporausch einen Riegel vor. Fahrräder mit 250-Watt-Motor und dem Einsetzen der Motordrossel bei 25 km/h sind erlaubt, 400-Watt-Motoren hingegen nicht. Auch dürften die Motoren im Gegensatz zu Deutschland die Fahrräder nicht einen Meter alleine antreiben.

Für Panasonic ist das Auseinanderklaffen der Kulturen ein Problem. Denn der Konzern ist einer der größten Lieferanten von E-Bike-Systemen (Akkus und Motoren) und kann nicht voll die Kostenvorteile seiner riesigen Massenfertigung in Japan im europäischen Markt nutzen, weil andere Produkte gefragt sind. Rivalen wie Bosch aus Deutschland, JD Components aus Taiwan oder Bionics aus Kanada knöpfen den Japanern daher Marktanteile ab. Und das ist ein Glück für die anderen Hersteller, denn die Japaner sind ein Bauteilegigant im Fahrradbereich.

Anders als in Deutschland mit seiner Vielfalt an Fahrradschmieden ist der Markt in Japan hochkonzentriert. Von den im vorigen Jahr rund 430.000 verkauften E-Bikes produzierte Panasonic Konzernschätzungen zufolge die Hälfte, 25 Prozent stammten von Yamaha und 23 Prozent vom Reifenhersteller Bridgestone. Dementsprechend riesig ist auch das Modellangebot der einzelnen Hersteller. Auf der Händlerausstellung, die ich am Montag besucht habe, zeigte Panasonic 44 verschiedene Modelle, vom elektrischen Klapprad über elektrische Kurzstreckenräder und elektrische Kindertransporträder (das neue Boomsegment) bis hin zu Touren- und absoluten High-End-E-Bikes. Die Preise reichen von knapp unter 900 Euro bis zu einem 7000 Euro teuren 16 Kilogramm leichten Tourenrad mit 12Ah-Akku und Titanrahmen.

Dessen Motor schiebt zwar auch nur bis 25 km/h mit. Aber immerhin ist das E-Bike leicht genug, dass ich es auch darüber hinaus ohne weiteres per persönlicher Muskelkraft durch Tokio bewegen mag. Aber auch die nur ein paar Kilogramm schwerere, aber mit 1800 Euro fast schon erschwingliche Massenvariante eines sportlichen E-Bikes radelt sich verführerisch leicht. Wie dem auch sei, ich bleibe – noch wenigstens – hart und vorerst meinen alten Rädern treu, einem Alu-Mountainbike eines deutschen Autobauers und einem Klapprad eines deutschen Herstellers, das ich auch in den Zug mitnehmen kann. Ein E-Bike kommt mir erst ins Haus, wenn die Knie zwicken. (bsc)