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Wenn ein IT-Sicherheitsunternehmen den digitalen Untergrund analysiert, verrät es auch etwas über sich selbst.

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„So wie einige Aktivisten illegal in Atomkraftwerke oder Privatbesitz eindringen, dringen Hacktivisten illegal in private digitale Bereiche ein“, schreibt Francois Paget in einem Whitepaper des Sicherheitsspezialisten McAfee über Hacktivismus.

Ich stelle mir dabei sofort bildlich vor, wie der Sicherheitsexperte versucht, den versammelten Managern von - sagen wir mal Foobar-Bank - zu erklären, was es mit diesen Internetaktivisten eigentlich auf sich hat. Diesen seltsamen Mischwesen aus Politik und Technik, dem schwarzen Block des Internet Underground - Anonymous und wie die sich alle noch nennen. Mit Charts und Tabellen, Timeline, Organigrammen und allem, was so dazugehört.

Das muss er ganz langsam machen, ganz vorsichtig - denn die kulturelle Lücke, die es dabei zu überwinden gilt, ist riesig. Manchmal so riesig, dass Erkenntnisse darin verloren gehen. „Diese Hacker-Angriffe“, schreibt Paget - und ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge ein wenig hilflos die Hände wringen - „sind häufig von zweifelhaftem Wert und schwer zu verstehen.“

Natürlich hat all das mit politische Zielen zu tun, mit vagen Vorstellungen von „Freiheitsrechten“, mit ökologischen oder sozialen Ziele wie bei der Occupy-Bewegung. Aber es ist doch immer durchsetzt, mit einer kräftigen Portion Spaß am Chaos, mit Respektlosigkeit vor Autoritäten und einem vagen Sinn für Gerechtigkeit, der sich nur schwer in eine Präsentation packen lässt.

Richtig spannend wir es allerdings bei der Frage, wie es mit dieser Bewegung weitergehen wird. Denn gerade die strategische Einschätzung der Gegenseite verrät oft genauso viel über den Analytiker, wie über den Gegenstand der Analyse. „Nachdem sie sich als Vandalen und lautstarke Demonstranten ausgetobt haben, arbeiteten Hacktivisten mit einem echten politischen Bewusstsein an einer gemeinsamen Entwicklung und Organisation“, schreibt Paget.

„Ein der Gruppe nahestehender Kontakt bestätigte gegenüber McAfee Labs, dass die Verunstaltung einer Webseite analog zur Anzeige eines Banners sowie die Ausführung eines DDoS- Angriffs als vergleichbar mit einem Sit-In betrachtet wird, bei dem der Eingang eines Gebäudes blockiert wird. Die zweite Generation von Anonymous stellt sich vor, dass wie bei einem Antrag auf Demonstration Datum, Ziel und Dauer eines DDoS-Angriffs angegeben werden sollten.“

Ein Raunen geht durch die Reihen der Zuhörer. Online-Demonstrationen legalisieren - wohin soll das führen? Und was das kostet? Andererseits - hat man nicht mit dem Demonstrationsrecht in der Offline-Welt ganz gute Erfahrungen gemacht? Ist zwar bisweilen alles ein bisschen kitzlig, aber wer Transparente schwenkt, bastelt wenigstens nicht an einem Umsturz.

„Wenn es die Hacktivisten von 2012 jedoch schaffen, erwachsen zu werden, sich zu organisieren und auch außerhalb des Internets zu mobilisieren, können wir uns Anonymous als Version 2.0 von Nichtregierungsorganisationen vorstellen, die ideologisch zwar vielleicht fragwürdig handelt, von unseren Demokratien aber doch respektiert wird“, schreibt Paget. Aus Anonymous wird eine Art Online-Greenpeace? Warum nicht, denken die versammelten Banker. Mit diesen Öko-Radikalen haben wir ja auch unseren Frieden gemacht. Und manchmal haben die sogar ganz gute Ideen - mit denen man richtig profitable Geschäfte machen kann. (wst)