Weltraummacht Indien?
Der Subkontinent hat ein ambitioniertes Raumfahrtprogramm aufgelegt, das aber auch militärischen Zwecken dienen könnte.
Wenn es um die Konkurrenz zu den Raumfahrernationen USA und Russland geht, findet in den Medien vor allem das aufstrebende Riesenreich China häufig Erwähnung – schließlich will man dort bis 2026, wenn nicht gar schon 2017 auf den Mond. Wie das Technologiemagazin Technology Review in seiner Online-Ausgabe schreibt, verfolgt aber auch der zweite große asiatische Aufsteiger, Indien, hochfliegende Weltraumpläne.
Ex-Präsident A.P.J. Abdul Kalam kündigte bereits im Frühjahr vor internationalen Experten eine Ausweitung des breiten Satellitenprogrammes des Landes an. Aber auch Mondmissionen und ein wiederverwendbares Raumfahrzeug (Reusable Launch Vehicle, RLV) plane das Land – mit einem innovativen "Hyperplane"-Scramjet-Antrieb. Indien sei klar, dass die globale Bevölkerung die in der Erde befindlichen fossilen Brennstoffe noch im 21. Jahrhundert aufbrauchen werde. Deshalb sei eine "industrielle Revolution im Weltraum" notwendig, um dort Energiequellen zu erschließen. Er denke dabei an gigantische Sonnenkollektoren im Orbit, die sein Land eines Tages bauen werde.
Besonders die Bemühungen um das indische RLV mit dem Rufnamen "Avatar" werden von internationalen Weltraumexperten aufmerksam verfolgt – sollte es tatsächlich funktionieren, könnte der flugzeugähnliche Launcher die Kosten für die Satellitenausbringung ins All deutlich reduzieren. Allerdings merken Kritiker an, dass die Inder ihrer nationalen Weltraumbehörde ISRO bis dato nur ein vergleichsweise geringes Budget zugestehen – so könnte das RLV ohne ausländische Partner kaum abheben. Außerdem erreicht Avatar nur Höhen um 100 Kilometer – zu niedrig für einen verlässlichen Satellitenbetrieb.
Zwar könnte eine weitere Stufe der Nutzlast den notwendigen zusätzlichen Schub in die Umlaufbahn verpassen. Doch der Grund, dass Avatar nur so niedrig fliegt, könnte auch ein anderer sein: Das RLV ließe sich dann zumindest als weltweite Startplattform für Cruise Missiles nutzen. Sollte sich das Projekt tatsächlich als militärisches Vorhaben erweisen, wären die indischen Weltraumforscher aber sicher nicht die ersten Möchtegern-Raumfahrer, die ihre hochfliegenden Träume vom Aufbruch ins All anfänglich mit Hilfe des Verteidigungsministeriums umsetzen würden – dort gibts schlicht mehr Geld als bei zivilen Institutionen.
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(bsc)