Euro-OSCON 2006: Von Open Source 2.0 zur Zivilisation 2.0

Auch die zweite European Open Source Convention, der europäische Ableger von O'Reillys Open-Source-Konferenz OSCON, stand im Zeichen von Web 2.0.

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Von
  • Detlef Borchers

Mit einer Keynote des Ubuntu-Projektgründers Mark Shuttleworth von der Firma Canonical ist gestern in Brüssel die zweite European Open Source Convention (EuroOSCON) zu Ende gegangen. Shuttleworth witzelte über die Einkaufsmentalität etablierter Firmen und empfahl seinen Zuhörern, darauf zu warten, dass Oracle Red Hat aufkauft, nur um an JBoss heranzukommen. Tatsächlich gelten die Euro-OSCON und ihr US-amerikanisches Gegenstück OSCON als Konferenzen, auf denen Investoren junge Firmen aus der Open-Source-Szene beäugen können, die expandieren möchten. Sleepycat-Referenten berichteten auf der Vorjahreskonferenz noch von den Erfahrungen, zwischen MySQL und Oracle mit einer Datenbank zu existieren. Heute gehört die Firma der Truppe von Larry Ellison. Heißer Kandidat in diesem Jahr: die quietschgrüne Firma Fotango, die zur Konferenz mit Zimki im Internet eine JavaScript-Entwicklerplattform freischaltete.

Im Vergleich zur ersten EuroOSCON war die vom O'Reilly-Verlag veranstaltete Konferenz etwas kleiner ausgefallen. Knapp 500 Teilnehmer kamen laut der Organisation nach Brüssel, bekamen aber an drei Tagen ein volles Konferenzprogramm präsentiert. Das Gedrängel der ersten Euro-OSCON entfiel, eine volle Hütte gab es nur bei den Auftritten des dänischen Soziobiologen Tor Nørretranders. Ähnlich wie Lawrence Lessig bei der Wizard of OS die Verfechter des freien Wissens fasziniert, fasziniert Nørretranders die Programmierer mit seiner Philosophie des Schenkens und Vertrauens. "Helping Others Is the Sexiest Thing You Can Do", so der Untertitel seines Hauptwerkes "Generous Man", kommt mit seiner Philosophie den "Geeks" entgegen, die mit einem Potlach-Ringtausch von möglichst kompliziertem Sourcecode die Zivilisation 2.0 vorbereiten.

Etwas unglücklich für den freundlichen Yoda der Digerati, dass seine Weisheiten auf einer Konferenz vorgetragen wurden, in der vor allem Vertreter aus den USA die ganz harte Tour präsentierten. "Wir sind im Krieg mit Microsoft. Im Kampf mit dem Feind zählt jeder Terrain-Gewinn", postulierte etwa Jim Zemlin von der Free Standards Group. Wenn um Linux ein Ökosystem einander ergänzender Standards errichtet werde, müsse Microsoft einen Brocken schlucken, an dem es ersticken könne. Der aggressive Vortrag mit Beispielen aus dem amerikanischen Bürgerkrieg kam bei den europäischen Zuhörern nicht richtig an, während er US-Teilnehmern gefiel. Kampflustig kurz vor einer Aktion im Patentstreit auftretend, deutete Florian Müller, Gründer der Antipatent-Lobby-Organisation NoSoftwarePatents.com in seiner Keynote europäisch-amerikanische Dissonanzen an. Müller beklagte die überzogene Rhetorik und das fundamentalistische Gehabe von Patentgegnern, das es schwer mache, Erfolge wie Limux als richtungsweisende Business-Strategien zu feiern. Stattdessen führe die Rhetorik dazu, dass die Bewegung gerade von den USA aus als linke anti-amerikanische Organisation wahrgenommen werde.

Auch Mårten Mickos, Chef von MySQL, machte in seiner Keynote auf transatlantische Differenzen aufmerksam. So habe Open Source zwar europäische Wurzeln, weil Programmierer in Europa besser ausgebildet und von der Zivilgesellschaft geprägt seien, doch werde das richtige Business mit Open Source eben im Silicon Valley gemacht. Nur dort habe man einen Sinn für die Dringlichkeit der Sache, nur dort könne man wirklich nach den Sternen greifen. Mit seiner Keynote "Architecting Babel" ermahnte Robert Lefkowitz die Programmierer dazu, wirklich international zu denken und den Sourcecode, die Variablen, Bibliotheken und Kommentare international anzulegen. Zweihundert Versionen von "Hello World" seien nicht so wirkungsmächtig wie eine Version, die "Salute tout le Monde" oder "Hallo Welt" produziert. "Wenn wir es Ernst meinen mit der Befreiung von Unterdrückung, dann müssen wir Code produzieren, den Minderheiten einfach an ihre Sprache anpassen können."

Abseits der programmatischen Reden gab es auf der Euro-OSCON zahlreiche Workshops und Tutorien für Programmierer, die meisten davon auf mittlerem Niveau, der Rest für Neueinsteiger in die Welt der Open Source. Einige Workshops fielen ohne Angaben von Gründen aus, etwa die Präsentation des Bundesamtes für Strahlenschutz, das als erste deutsche Behörde die komplette Umstellung auf Linux abgeschlossen hat. Dafür entpuppten sich andere Workshops als vergnügliche Sache, etwa die Vorstellung von Hyperscope, einem mit Ajax und Dojo realisierten möglichst originalgetreuen Nachbau des legendären NLS/Augment-Systems von Douglas Engelbart, mit dem die Mutter aller Demos wieder lebendig wird. So kann man an einem Rechner sitzen, der immer noch glaubt, er wäre der zweite Host im Internet.

Wie bei der ersten EuroOSCON gab es auch diesmal eine von O'Reillys Make veranstaltete Party namens Make Fest, auf der die Bastler und Erfinder ihre Ideen präsentierten. Die Spannweite reichte von einer drahtlosen 1-Hand-Tastatur für Nokias 770-Terminal bis zum Do-it-yourself-Baukasten für Einsteiger, um embryonale Stammzellen zu produzieren. Viele Projekte aus dem vergangenem Jahr waren wieder vertreten und zeigten verbesserte Versionen. Ob die EuroOSCON Chancen hat, die Version 3 zu erleben, ist indes ungewiss. Offenbar ist das amerikanische Original für viele Geeks attraktiver, dort versammeln sich 2000 statt 200 Teilnehmer für den Griff nach den Sternen. (Detlef Borchers)/ (akl)