ProSiebenSat.1-Übernahme: Springer setzt alles auf eine Karte
Ob der Schachzug des Axel Springer Verlags, ProSieben aus dem Übernahmepaket herauszulösen, das Kartellamt beruhigen kann, ist fraglich. Und wie die Abspaltung realisiert werden soll, ist vielen Beobachtern ein Rätsel.
Im Kampf um die Übernahme von ProSiebenSat.1 hat die Axel Springer AG das Blatt dramatisch gewendet: Bisher kämpfte das Medienhaus um den Kauf der gesamten ProSiebenSat.1-Gruppe. Nun will Springer ausgerechnet ProSieben, den Stammsender von Deutschlands größtem TV-Konzern, aus dem Übernahmepaket lösen und damit doch noch eine Erlaubnis für den Einstieg in das TV-Geschäft bekommen. Ob dieser Schachzug zum Ziel führt, ist fraglich.
Springer will ProSieben erst nach einer Übernahme der Gruppe verkaufen. Das Kartellamt fordert dagegen, dass das Medienhaus vor Vollzug des Geschäfts auf ProSieben verzichtet. Für diesen Fall müssten die Verhandlungen mit den Investoren um den Amerikaner Haim Saban neu aufgerollt werden. Die Wettbewerbshüter ließen durchblicken, dass eine an Bedingungen geknüpfte Zustimmung denkbar wäre. Demnach könnte die Übernahme von Sat.1, Kabel eins, Neun Live und N24 wirksam werden, wenn Springer den Verkauf von ProSieben vollzieht. Es soll bereits mehrere Interessenten geben.
Der Verzicht auf ProSieben dürfte Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner nicht leicht fallen. Monatelang hatte Springer mit der Medienfusionskontrolle KEK und dem Kartellamt um ein Gesamtpaket gestritten. Nun will Springer ausgerechnet den Geldbringer ProSieben aufgeben. Der Schritt löst bei Analysten Rätselraten aus. Zwar dürften die Zweifel der Behörden mit dem Angebot theoretisch aus der Welt zu schaffen sein, auch die Ablehnung der Übernahme durch die KEK würde dann wohl hinfällig: Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich hatte den Verzicht auf den Kauf eines der beiden großen Sender der ProSiebenSat.1-Gruppe als Alternative bezeichnet.
Doch wie eine Trennung praktisch aussehen könnte, darüber herrscht Rätselraten. ProSieben und Sat.1 sind eng verzahnt. N24 ist Nachrichtenlieferant für alle Sender des Konzerns, die Filmrechte liegen bei der Holding und in der Vermarktung von Werbezeit ziehen alle Kanäle an einem Strang. "Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie das laufen soll. Der Deal müsste komplett neu aufgedröselt werden", sagte Analyst Florian Leinauer von der hessisch-thüringischen Landesbank Helaba. Mit einem Wegfall von ProSieben als profitabelsten Sender würde der gesamte Konzern erheblich an Attraktivität verlieren. "Siege, wenn Du kannst, verliere, wenn Du musst, kapituliere nie", hatte Döpfner die Marschroute im TV-Projekt ausgeben.
Falls der zukunftsweisende Weg versperrt bleibe, Druckerzeugnisse und Fernsehen unter einem Konzerndach zu vereinen, will Döpfner das Glück woanders suchen – "in digitalen Märkten und im Ausland". Auf beiden Gebieten ist Springer bereits aktiv und erfolgreich. In Polen besitzt Europas größtes Zeitungshaus "Fakt", das auflagenstärkste Boulevardblatt des Landes mit rund einer halben Million verkaufter Exemplare und mehr als 3,5 Millionen Lesern. Auch in anderen osteuropäischen Staaten, in Spanien und Frankreich ist Springer mit eigenen Produkten und Lizenzausgaben präsent. Knapp 16 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Springer außerhalb Deutschlands.
Auch im Internet sieht sich Springer gut aufgestellt. Mit "Bild.T.Online" verfügt das Haus über eine starke Marke, die es für neue Inhalte wie Sport oder Filme nutzen kann. Bei anderen Online- Angeboten für Immobilien oder Autos ist Springer führend. Andere große Zeitungshäuser wie die New York Times machen mit Online-Portalen bereits lukrative Geschäfte.
Nach Ansicht von Experten würde Sat.1 als Springer-Flaggschiff im frei empfangbaren Fernsehen eine gute Figur machen. Mit den selbstproduzierten Filmen und Familienshows, den Telenovelas, Quizsendungen und Boulevardmagazinen passe der Berliner Sender gut zum Medienhaus und seinen Publikationen. ProSieben hat sich dagegen als Abspielsender für Serien und Filme profiliert. Angesichts der Entwicklung des Bezahlfernsehens, der Gründung neuer Film-Kanäle und der rasanten Fortschritte beim Internet-TV könnte diese Stärke immer unwichtiger werden. (Esteban Engel, dpa) / (jk)