Alexander Graham Bell: "Mit dem Telefon will ich nichts mehr zu tun haben"
Er wurde vom Gehörlosenlehrer zum berühmtesten Erfinder der Welt, doch Historiker zweifeln mittlerweile an der Rechtschaffenheit von Alexander Graham Bell.
Er wurde vom Gehörlosenlehrer zum berühmtesten Erfinder der Welt, doch Historiker zweifeln mittlerweile an der Rechtschaffenheit von Alexander Graham Bell.
Alexander Graham Bell wurde am 3. März 1847 in Edinburgh geboren und beginnt 1868, in London als Gehörlosenlehrer zu arbeiten. 1870 wandert die Familie nach Kanada aus, zwei Jahre später gründet Bell in Boston eine Gehörlosenschule. Am 14. Februar 1876 reicht er sein Telefon-Patent ein, doch erst am 10. März gelingt es Bell erstmals, sein Telefon funktionstüchtig zu machen.
1877 erfolgt die Gründung der Bell Telephone Company, aus der 1885 AT&T hervorgeht, lange Zeit die größte Telefonfirma der Welt. Aber das war nicht alles: 1883 gründet Bell die Zeitschrift "Science" und 1886 erfindet er einen Vorläufer des Grammophons. 1896 bis 1904 ist er zudem Präsident der National Geographic Society. Am 1. August 1922 stirbt er im kanadischen Baddeck.
Technology Review: Herr Professor Bell, was hat Sie als Gehörlosenlehrer bewogen, sich mit der Übertragung von Sprache zu beschäftigen? Gehörlose können damit doch gar nichts anfangen.
Alexander Graham Bell: Schon früh hat mich die menschliche Stimme fasziniert. Ich habe zum Beispiel aus Gummi, Holz und Drähten eine Maschine gebaut, die wie ein Baby schreien konnte. Dabei habe ich viel über Akustik gelernt. Das hat mir später geholfen, Gehörlosen beizubringen, sich zu artikulieren. Und es war die Grundlage für die Erfindung des Telefons.
TR: Wie das?
Bell: Stellen Sie sich vor, zwei Menschen singen gleichzeitig zwei unterschiedlich hohe Töne. Nun legen Sie Ihre Finger auf die Saiten eines Flügels: Jeder Ton bringt eine ganz bestimmte Saite zum Schwingen. Wenn Sie elektrische Schwingungen nehmen, können Sie so auf diese Weise mehrere Nachrichten gleichzeitig durch einen Draht schicken. Gardiner Hubbard, der Vater einer Schülerin von mir, war ganz aufgeregt, als ich ihm das Phänomen vorführte. Er suchte nämlich dringend nach einem Weg, Telegrafenkabel besser auszunutzen. Also sollte ich ihm einen solchen "harmonischen" Telegrafen bauen.
TR: Damit Sie seine Tochter Mabel heiraten durften?
Bell: Und damit ich mir eine Existenz aufbauen konnte – mein Einkommen als Gehörlosenlehrer hätte nicht ausgereicht, Mabel das Leben zu bieten, das sie gewohnt war. Alles, was ich getan habe, habe ich für sie getan.
TR: Und wie kamen Sie vom Telegrafen zum Telefon?
Bell: Mir ist aufgefallen, dass man mit dem Prinzip auch Sprache übertragen kann. Den Rest kennen Sie ja: Ich habe darauf ein Patent bekommen und eine Firma gegründet.
TR: Im Patent ist von Sprache nur sehr verklausuliert die Rede. Ihr Konkurrent Elisha Gray hingegen hat am gleichen Tag einen viel konkreteren Patententwurf für das Telefon eingereicht.
Bell: Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Gray und mir. Er kannte sich weitaus besser mit Elektrizität aus als ich. Aber dafür wusste ich mehr über Akustik. Und schließlich haben wir – mein Gehilfe Thomas Watson, Hubbard, seine Geschäftspartner und ich – gewonnen. Gray kam mit seinem Patent zwei Stunden zu spät.
TR: Woher wissen Sie das eigentlich so genau? Es gab beim US-Patentamt in Washington damals doch nur einen Eingangsstempel für das Datum, aber nicht für die Uhrzeit.
Bell: Was spielt das heute noch für eine Rolle? Das Patentamt hat jedenfalls mir das Patent zugesprochen, nicht ihm. Und überhaupt: Entscheidend ist nach US-Patentrecht nicht, wann der Antrag eingereicht wurde, sondern wann die Erfindung stattfand. Und meine Idee war schon älter, sie lag nur so lange in der Schublade, weil wir zuerst ein Patent in England erwirken wollten.
TR: Warum gelang es Ihnen dann erst vier Wochen nach Einreichen des Patents, Ihr Telefon zum Laufen zu bekommen?
Bell: Ich musste eben noch ein paar Feinheiten austüfteln, die Grundzüge waren mir schon lange vorher klar.
TR: Die erste funktionierende Version Ihres Telefons arbeitete mit einer Flüssigkeit als elektrischem Widerstand. Genau so, wie es Elisha Gray in seinem Patententwurf beschrieben hat.
Bell: Wenn Sie es sagen. Sein Entwurf war doch vertraulich – wie hätte ich von solchen Einzelheiten erfahren sollen?
TR: Eben das frage ich mich auch.
Bell: Hören Sie, was wollen Sie mir hier eigentlich unterstellen – dass ich Grays Ideen geklaut hätte? Das ist infam!
TR: Der Prüfer von Grays Patent, Zenas Fisk Wilber, war erstens Alkoholiker, zweitens ein Jugendfreund Ihres Anwalts und drittens bei diesem verschuldet. Er hat doch später zugegeben, von Ihnen bestochen worden zu sein und Ihnen die Unterlagen von Gray gezeigt zu haben.
Bell: Nichts dergleichen ist wahr. Sie sagen es selbst: Er war ein Trinker. Und er hat schon alles Mögliche behauptet und widerrufen. Wollen Sie sein Wort höher stellen als das eines Gentleman von untadeligem Ruf?
TR: Ihr Patent wurde nach nur drei Wochen bewilligt – normalerweise dauerte das Monate. Sie brauchten kein funktionierendes Modell vorzuführen – obwohl das zu diesem Zeitpunkt noch vorgeschrieben war. Und Ihre später nachgelieferte Lösung hatte verblüffende Ähnlichkeit mit der von Gray. Sie müssen zugeben: Das sind ziemlich viele seltsame Zufälle.
Bell: Mag sein. Aber wenn die Zeit reif ist für etwas, dann kommen Menschen eben auch unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis. Ich versichere Ihnen: Alles, was es bis zum Jahr 1876 an mir bekannten Veröffentlichungen und Experimenten gab, hat nicht ausgereicht, um Sprache klar verständlich auf elektrischem Wege zu übertragen – bis ich in meinem Patent einen Weg dafür aufgezeigt habe.
TR: Und was ist mit Philipp Reis? Er hat schon 1861 öffentlich einen funktionierenden Fernsprecher vorgeführt und dafür das Wort "Telefon" geprägt.
Bell: Ach, richtig, ich erinnere mich.
TR: Und? War das nun ein funktionierendes Telefon oder nicht?
Bell: Diese Fragerei zermürbt mich. Entscheidend ist doch: Das Telefon verbindet Menschen miteinander. Warum ist es denn so wichtig, wer genau was erfunden hat?
TR: Zum Beispiel, weil es bei dieser Frage um eines der lukrativsten Patente aller Zeiten geht.
Bell: Was das Geschäftliche betrifft: Die Bell Telephone Company hat mehrere Hundert Prozesse über diese Frage geführt – und alle gewonnen. Sie können dieses Gespräch auch gern mit unseren Anwälten weiterführen. Die haben sicherlich auf alles eine Antwort.
TR: Und was das Persönliche betrifft?
Bell: Mit dem Telefon will ich nichts mehr zu tun haben. Diese dauernden Verdächtigungen machen mich krank. Meine Firmenanteile habe ich Mabel zum Hochzeitsgeschenk gemacht. Künftig will ich mich wieder mehr meiner eigentlichen Berufung widmen. Ich möchte der Nachwelt lieber als guter Gehörlosenlehrer in Erinnerung bleiben denn als Erfinder des Telefons. (grh)