Graue Welt

Einige Grippeforscher haben sich dafür ausgesprochen, die Arbeit an mutierten Vogelgrippe-Erregern wieder aufzunehmen. Andere halten das für einen gefährlichen Irrweg. Wem kann man glauben?

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Einige Grippeforscher haben sich dafür ausgesprochen, die Arbeit an mutierten Vogelgrippe-Erregern wieder aufzunehmen. Andere halten das für einen gefährlichen Irrweg. Wem kann man glauben?

Wir haben an dieser Stelle schon öfter über den Fall berichtet: Zwei Forschergruppen wollten unabhängig voneinander 2011 jeweils ziemlich brisante Aufsätze in Science und Nature veröffentlichen: Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam war es in Tierversuchen mit Frettchen gelungen, das Virus vom Typ H5N1 genetisch so zu verändern, dass er anders als bisher auch per Tröpfcheninfektion übertragen werden konnte, also ohne direkten Kontakt der Tiere. Yoshihiro Kawaoka von der Universität Wisconsin erzeugte ebenfalls eine hochansteckende Form der Vogelgrippe. Beide Arbeiten wurden erst 2012 veröffentlicht, nachdem Detailinformationen aus den Manuskripten entfernt wurden.

Der Fall löste eine heftige Diskussion unter Wissenschaftlern aus, weil er grundsätzliche Bedeutung hat. Darf man Forschungsergebnisse, die vielleicht missbraucht werden könnten, frei veröffentlichen? Oder müssen sie unter Verschluss gehalten werden? Die Frage ist noch immer nicht beantwortet. Vorsichtshalber hatten sich die Grippeforscher aber darauf geeinigt, die Forschung an gentechnisch veränderten Vogelgrippe-Viren vorerst zu stoppen.

Ich selbst habe, unter Verweis auf Parallelen aus der IT-Sicherheit, an dieser Stelle für eine Veröffentlichung plädiert: Dort hat sich die Erfahrung durchgesetzt, dass Sicherheit durch Geheimhaltung einfach nicht funktioniert, weil die Schurken immer Mittel und Wege finden, an die geheimen Informationen zu kommen, die möglicherweise Betroffenen aber keine Möglichkeit haben, sich auf einen Angriff vorzubereiten.

Jetzt bin ich allerdings noch mal ins Grübeln gekommen. Dafür gibt es zwei Anlässe. Zum einen berichtet die britische Zeitung „Independent“ über ein internationales Treffen der Grippe Community, auf dem es heftigen Streit gegeben haben muss: Ein Teil der Wissenschaftler will die Forschung wieder aufnehmen, andererseits sprechen sich eine ganze Reihe von führenden Experten auch dagegen aus. Sie befürchten mittlerweile offenbar nicht mehr so sehr, dass Bio-Terroristen die Viren als Waffe verwenden könnten. Vielmehr machen sie sich Sorgen, dass diese Viren aus den Laboren entweichen könnten.

Der andere Punkt, der mich ins Grübeln gebracht hat, ist die Sache mit der IT-Sicherheit. Denn ein Experte, mit dem ich zwischenzeitlich diskutiert habe, meinte, die Sache mit der Veröffentlichung sei keineswegs so einfach, wie ich immer dachte: Natürlich würde eine veröffentlichte Sicherheitslücke die Betroffenen theoretisch dazu zwingen, die Lücke zu schließen. Ob aus Kostengründen, technischer Inkompetenz oder was auch immer gäbe es aber nicht wenige Unternehmen, die auch Jahre nach Bekanntwerden einer Sicherheitslücke noch nichts unternommen hätten. Und die würden dann relativ schutzlos dastehen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Die Welt ist grau. Es gibt offenbar gute Gründe für eine Veröffentlichung und einen Stopp des Embargos. Und es gibt Gründe dagegen. Was also tun? Der Independent zitiert Paul Berg, einen emeritierten Professor für Biochemie der Universität Stanford mit einer ganz brauchbaren Idee: „Es sollte eine ernsthafte Überprüfung und Auswertung der Befürchtungen, die zum Moratorium führten, stattfinden und es sollte wissenschaftlich streng geprüft werden, ob man die Bedenken bewältigen kann, bevor das Moratorium aufgehoben werden könnte. Eine solche Analyse würde logischerweise untersuchen, welcher Art die von den Forschern geplanten Experimente sind, welcher wissenschaftliche Nutzen aus diesen Experimenten gewonnen werden kann, wie die Ergebnisse kommuniziert würden und, ganz wichtig, wie die Produkte dieser Experimente (die neu produzierten Stämme) überwacht und unter Kontrolle gehalten werden, um eine unbeabsichtigte Freisetzung zu verhindern.“ Und diese wissenschaftliche Untersuchung müsste auf jeden Fall veröffentlicht werden. Vielleicht sind wir dann ja schlauer. (wst)