Heinrich Hertz: "Atome sind keine starren Kugeln"
Er hat die elektromagnetischen Wellen nachgewiesen, war aber an ihren technischen Anwendungen nicht interessiert: Der Physiker Heinrich Hertz.
Er hat die elektromagnetischen Wellen nachgewiesen, war aber an ihren technischen Anwendungen nicht interessiert: Der Physiker Heinrich Hertz.
Heinrich Hertz wird am 22. Februar 1857 in Hamburg geboren. 1875 legt er sein Reifezeugnis ab, 1876 beginnt er sein Studium des Bauwesens am Polytechnikum Dresden. 1877 geht er als Freiwilliger zum Militärdienst und beginnt ein Physik-Studiums, das er 1879 mit einer Doktorarbeit abschließt. 1883 wird er habilitiert, zwei Jahre später übernimmt er eine Professur in Karlsruhe. 1886 führt er Experimente zur Ausbreitung von "schnellen elektrischen Schwingungen" durch, im folgenden Jahr untersucht er den fotoelektrischen Effekt. Ihm gelingt der Nachweis Ausbreitung von elektromagnetischen Wellen. 1890 wird er mit der Rumford-Medaille der britischen Royal Society ausgezeichnet. Seit 1892 leidet er jedoch an einer hartnäckigen Nebenhöhlen-, Mittelohr- und Kieferentzündung. Am 1. Januar 1894 stirbt Heinrich Hertz schließlich mit nur 36 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung in Bonn.
Technology Review: Professor Hertz, wir waren verabredet.
Heinrich Hertz: Bleiben Sie da stehen. Ja, genau da. Nicht bewegen! Ich habe gleich Zeit fĂĽr Sie.
TR: Professor Hertz, ich möchte einen Artikel über die Strahlen elektrischer Kraft...
Hertz: Treten Sie jetzt einen Schritt nach rechts. Danke! Ja, ich wusste es. Kein Funke!
TR: Professor Hertz, Sie hatten mir nur eine halbe Stunde zugestanden. Ich wĂĽrde jetzt wirklich gern mit meinen Fragen beginnen.
Hertz: Dann legen Sie mal los. Ist ja ohnehin kaum zu glauben, dass die deutsche Presse jetzt über meine Arbeit berichten will. Über die jährliche Versammlung der deutschen Naturforscher wird doch sonst nur geschrieben, dass die Versammelten dem Kaiser gehuldigt hätten.
TR: Warum ist Ihre Entdeckung der elektrischen Strahlen so bemerkenswert, dass selbst die Londoner "Times" ĂĽber Sie schreibt?
Hertz: Kennen Sie James Clerk Maxwell? Nein? Schottischer Naturforscher. Er hat die Erscheinungen der Elektrizität und des Magnetismus in mathematische Formeln gefasst. Ist leider vor neun Jahren gestorben.
TR: Und was hat das mit Ihren Strahlen zu tun?
Hertz: Maxwell hat aufgrund seiner Gleichungen vermutet, dass sichtbares Licht ein Teil des elektromagnetischen Spektrums ist. Das heiĂźt, es muss auch noch andere elektrische Wellen geben neben dem Licht. Man muss sie nur nachweisen.
TR: Da kommen Ihre berĂĽhmten Apparate ins Spiel?
Hertz: Richtig. Das da drĂĽben ist ein elektrischer Funkeninduktor. Nicht anfassen! Das Ding versetzt Ihnen einen Schlag, dass Ihnen die Haare zu Berge stehen. Sehen Sie hier, da springen die Funken ĂĽber.
TR: Und das da?
Hertz: Das ist der Empfänger. Ein ähnlich aufgebauter elektrischer Kreis. Dazwischen ist nichts. Nur Luft, keine Kabel. Ich wusste: Wenn es diese Wellen wirklich gibt, müssten sie im Empfänger ebenfalls einen Funken erzeugen.
TR: Was Sie dann auch nachgewiesen haben.
Hertz: Richtig. Hier in Karlsruhe habe ich endlich genug Zeit, um zu forschen und zu experimentieren.
TR: Und das Experiment eben?
Hertz: Nun, sehen Sie, zunächst war nur der Nachweis erbracht, dass es sich hier um Wellen handeln muss. Aber Wellen welcher Art? Wie der Schall? Wie im Wasser? Wenn die elektrischen Wellen so etwas wie Licht sind, muss es möglich sein, sie zu reflektieren und in einem Prisma zu brechen.
TR: Und warum musste ich dort stehen bleiben?
Hertz: Wir untersuchen hier, wo im Raum elektrische Felder stark sind und wo schwach. Und ob ein Mensch, wenn er in den Weg des Strahls tritt, diesen blockieren kann, so wie einen Lichtstrahl. Genau das haben Sie getan.
TR: Faszinierend. Haben Sie jemals daran gedacht, Ihre Entdeckung auch technisch zu nutzen?
Hertz: Ich verstehe Ihre Frage nicht.
TR: Die amerikanischen Zeitungen berichten, dass Nikola Tesla auf offener Bühne elektrische Lampen zum Leuchten bringt. Ohne dass ein Draht die Elektrizität dorthin leitet.
Hertz: Tesla! Der Mann hält keine wissenschaftlichen Vorträge, sondern veranstaltet Spektakel, um Geld einzusammeln. Er tritt auf wie ein drittklassiger Zauberkünstler – erzeugt Blitze auf offener Bühne. Aber was noch viel schlimmer ist: Der Mann ist ein totaler Fantast. Ich habe erst kürzlich mit ihm diskutiert. Skalare Wellen! Freie Energie! Das ist Unsinn, keine seriöse Wissenschaft.
TR: Aber Tesla hat einen Generator erfunden, der funktioniert und kommerziell sehr erfolgreich ist. Und der dazu beiträgt, die Elektrizität in ganz Amerika zu verbreiten. Könnte man das nicht auch mit Ihren Wellen machen? Wie wäre es mit einem Telegrafen ohne Drähte?
Hertz: Interessante Idee. Aber Sie müssen sich klarmachen, dass wir hier über allerkleinste Effekte sprechen. Die nachzuweisen erfordert die allergrößte Präzision. Den winzigen Funken im Empfänger haben wir zunächst gar nicht gesehen. Bis wir ein Okular vor die Funkenstrecke gesetzt haben. Außerdem reicht die Wirkung nicht sehr weit – nur einige Meter. Aber wie ich schon sagte: Ich bin Wissenschaftler und kein Techniker.
TR: Das betonen Sie ja immer wieder. UrsprĂĽnglich sollten Sie aber doch Bauingenieur werden, nicht wahr?
Hertz: Das war der Wunsch meines Vaters. Und ich habe es ernsthaft versucht. Aber es hat mich schrecklich gelangweilt. Und was die Mathematik des Ingenieurberufes anbelangt, auch davon hatte ich mir mehr versprochen. Ganze zwei Integralrechnungen haben wir pro Woche in aller AusfĂĽhrlichkeit durchgesprochen. Da habe ich an einem Tag aus privatem Interesse schon weit mehr gerechnet.
TR: Was also fangen Sie an mit Ihrer Entdeckung?
Hertz: Nun, Sie verrät mir zum Beispiel sehr viel über die Natur der Materie.
TR: Die Natur der Materie?
Hertz: Denken Sie doch nur: Wenn Atome die Quellen von Lichtwellen sind, dann muss es sich um schwingungsfähige Gebilde handeln. Es müssen also auch im Inneren der Atome gegeneinander bewegliche Massen vorhanden sein. Folglich darf man sich Atome nicht als starre Kugeln vorstellen. Ist das nicht aufregend?
TR: Etwas spekulativ, aber – doch, die Idee hat was.
Hertz: Na und? Was ist die Wirklichkeit? Ich vergleiche unser wissenschaftliches Modell der Welt gern mit Papiergeld. Seine Beschaffenheit ist gleichgültig – ob ein Geldschein diesen oder jenen Stich enthält, in roter oder blauer Farbe bedruckt, groß oder klein ist, darauf kommt es nicht an. Das Wesentliche ist, dass er geeignet ist, unsere Beziehungen zu den Dingen zu regeln.
TR: Professor Hertz, ich danke Ihnen für das Gespräch. (wst)