Taschenrechner statt "Tank oder Teller"

Die aktuelle Biosprit-Debatte ist wichtig, geht aber in die falsche Richtung.

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Die aktuelle Biosprit-Debatte ist wichtig, geht aber in die falsche Richtung.

Der Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) hat mit seinem Vorschlag, E 10 abzuschaffen, eine lange überfällige Diskussion angestoßen. Nichts von den Argumenten ist wirklich neu – TR berichtet bereits seit mehreren Jahren regelmäßig über die Fallstricke des Biosprits. Allerdings blieb die regelmäßig aufpoppende Debatte um Sinn und Zweck von Bioethanol und Biodiesel bisher immer weitgehend folgenlos. Hoffen wir mal, dass es dieses Mal anders wird.

Allerdings hat die Diskussion meines Erachtens auch diesmal eine gewisse Schieflage. Die oft kolportierte Alternative "Tank oder Teller" suggeriert, es handele sich um eine ethische Frage, die sich nicht mit dem Taschenrechner lösen lässt, um ein Abwägen zwischen verschiedenen Werten und Prioritäten. Das sehe ich anders. Zunächst einmal geht es darum, ob der Biosprit sein primäres Ziel, das Klima zu schonen, überhaupt erreicht. Erst wenn dies zweifelsfrei geklärt ist, sollte man sich Gedanken machen, welche Risiken und Nebenwirkungen man für den Klimaschutz in Kauf zu nehmen bereit ist.

Doch gerade beim Biodiesel sieht es in puncto Klimafreundlichkeit zappendüster aus, wie eine Studie der Uni Jena kürzlich noch einmal erhärtete. Bei Bioethanol ist die Lage nicht ganz so trostlos, aber immer noch trübe.

Zwar schreibt die Nachhaltigkeitsverordnung vor, dass Biosprit mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgase emittieren muss als fossile Kraftstoffe, und dass für den Anbau kein Wald gerodet oder kein Moor trockengelegt werden darf. Wenn aber Energiepflanzen Nahrungspflanzen vom Acker verdrängen, und für letztere dann doch wieder Wald abgeholzt wird, dann wird dies nicht von der Nachhaltigkeitsverordnung erfasst. Mit dieser sogenannten "indirekten Landnutzungsänderung" (ILUC) steht und fällt aber die Ökobilanz von Biosprit. Um die wahren Auswirkungen von Biosprit abschätzen zu können, braucht man also keine Ethik-Debatte, sondern seriöse Zahlen und Berechnungen. Allerdings sind die nur schwer zu bekommen.

Nun würde eine seriöse Politik mit einer solchen Unsicherheit so umgehen, dass sie erst entsprechenden Studien in Auftrag gibt und erst dann anhand der Ergebnisse entscheidet. Die EU macht es umgekehrt: Die Nachhaltigkeitsverordnung war längst in Kraft, als die ersten Ergebnisse von ILUC-Studien hereinkamen. Und eine seriöse Politik würde auch die Konsequenzen aus wissenschaftlichen Erkenntnissen ziehen. Wie viele Untersuchungen müssen denn noch nachweisen, dass Biodiesel aus Rapsöl kein einziges Problem löst, bis sich etwas bewegt? Hoffentlich dringt die Biosprit-Debatte diesmal wirklich zum Kern dieser seltsamen Politik vor und bleibt nicht wieder bei der Tank-oder-Teller-Frage stehen. (grh)