Politikverdrossenheit 2.0?
Das Netz wird politischer – nicht erst seit den Erfolgen der Piratenpartei. Doch die tatsächlich Aktiven unterscheiden sich kaum von früher, wie eine neue Studie zeigt.
Das Netz wird politischer – nicht erst seit den Erfolgen der Piratenpartei. Doch die tatsächlich Aktiven unterscheiden sich kaum von früher, wie eine neue Studie zeigt.
In der Politik wächst der Respekt vor dem Internet – spätestens seit den Wahlerfolgen der Piratenpartei wird wahrgenommen, was Nutzer bei Twitter, Facebook oder in Blogs diskutieren und welche Meinungen sich hier herauskristallisieren. Die Politikwissenschaftler Gary Schaal, Claudia Ritzi und Vanessa Kaufmann von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg haben nun in einer neuen Studie analysiert, ob sich durch das Netz tatsächlich eine neue politische Öffentlichkeit bildet, die nach Teilhabe strebt oder sich nur alte Mechanismen auf das Netz übertragen.
Dazu befragte das Forscherteam eine repräsentative Gruppe von Nutzern des sozialen Netzwerks Facebook im Alter von 21 und 35 Jahren zu ihren politischen Aktivitäten im Internet und außerhalb. Die Ergebnisse der Untersuchung scheinen die Annahme zu widerlegen, dass die zunehmende Internet-Nutzung durch politische Aktivisten den Politikbetrieb verjüngen.
Probleme wie der Mitgliederverlust bei den Parteien, die zurückgehende Wahlbeteiligung oder die Politikverdrossenheit werden demnach nicht durch die neu aufflammenden Internet-Aktivitäten ausgeglichen. Stattdessen handele es sich oft um ein und die selbe Personengruppe, die sich engagiere, meint Studienautorin Claudia Ritzi. "Junge Menschen, die online politisch aktiv sind, sind es in den meisten Fällen auch offline – und umgekehrt." Das Netz dient also nur als weiteres politisches "Outlet" für diese Menschen.
In ihrer Untersuchung sprechen die drei Forscher gar von einer "symbolischen Teilhabe ohne politische Wirkung", die sich in den Netzwerken entfalte. "Rein rezeptive politische Kommunikation (Informationsaufnahme) steht undifferenziert neben interpersonalen Aktivitäten (Chats, Emailkontakt zu einem Politiker) oder aktivistischer politischer Kommunikation (Onlinepetitionen erstellen)", so die Wissenschaftler über bisherige Studien zum Thema.
(Bild: Helmut-Schmidt-Universität)
Im direkten Vergleich zwischen politischer Tätigkeit "offline" und Partizipationsbemühungen "online" ergab die empirische Analyse, dass es offenbar in vielen Fällen nur im echten Leben ausreichend Motivation gibt, politisch etwas zu ändern. "Es zeigte sich, dass politische Aktivität außerhalb des Internets tatsächlich maßgeblich durch den Wunsch begründet wird, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen." Politik allein im Internet sei dagegen davon geprägt, dass deutlich mehr Menschen zwar ein Zeichen setzen wollten, aber letztlich doch nicht daran glaubten, dass sie tatsächlich Einfluss auf Politik nehmen könnten.
Allerdings bleibt unklar, ob sich das Problem der symbolischen Teilhabe online nicht durch neue technische Verfahren lösen lässt: So setzt etwa die Piratenpartei eine eigene Software namens "Liquid Feedback" ein, um im Netz tatsächlich Stimmungsbilder zu ermitteln, die dann auch zur Richtlinie der Politik werden können. Die Mitarbeit bei solchen Systemen ist so einfach, dass die Mitmachschwelle sinkt – im besten Fall werden sie zu Werkzeugen der direkten Demokratie.
(Bild:Â Liquid-Feedback-Projekt)
Die Studie der Helmut-Schmidt-Universität untersuchte auch den Organisationsgrad innerhalb der Gruppe jener Personen, die sich selbst als Netzaktivisten einordnen. Dieser ist offenbar erstaunlich hoch: 48,9 Prozent sind demnach Parteimitglied, 20 Prozent gehören einer Gewerkschaft an und 35,6 Prozent sind in einer anderen politischen Organisation engagiert.
Die direkte Mitarbeit in einer Partei betreiben 47,1 Prozent. Trotzdem bewerteten die Netzaktivisten die Internet-Kompetenz der politischen Parteien in Deutschland hauptsächlich als schlecht. Nur 10 Prozent der Befragten sahen diese bei der CDU, 9,1 Prozent bei den Linken und 17,7 Prozent bei der FDP. Für überdurchschnittlich Online-affin werden dagegen die Grünen (52,2 Prozent) und vor allem – es erscheint logisch – die Piratenpartei (75,2 Prozent) wahrgenommen. Die SPD liegt mit 32,3 Prozent im Mittelfeld. (bsc)