Der zweirädrige Fallout von Fukushima
Tokio entdeckt ein Problem neu: das Fahrradfalschparken. Die Atomkatastrophe gilt als Auslöser. Dabei ist es das Resultat einer langen Ignoranz.
- Martin Kölling
Tokio entdeckt ein Problem neu: das Fahrradfalschparken. Die Atomkatastrophe gilt als Auslöser. Dabei ist es das Resultat einer langen Ignoranz.
Früher schrieb ich mal, dass ich Tokio für eine der fahrradfreundlichsten Städte der Welt halte. Die Straßen sind schlaglochfrei. Und das Fehlen von Radwegen und damit der Zwang für Schnellradler, auf die Straße auszuweichen, wird durch die im internationalen Vergleich zahmen Auto-, Brummi- und Taxifahrer ausgeglichen. Und besser noch: Oft wird die äußere Spur vielerorts sporadisch von Auslieferungslastern zum Kurzzeitparken genutzt und daher von den Autofahrern gemieden. Einen besseren Radweg kann man sich eigentlich nicht wünschen. Freie Fahrt ohne Angst vor Fußgängern und immer im Blick der Autofahrer – super, finde ich.
Verstärkt von der Atomkatastrophe im März 2011 scheint sich diese Erkenntnis auch immer mehr bei den Japanern selbst durchzusetzen. Immer mehr Fahrräder bevölkern selbst Tokios Zentrum. Nur wissen die Radler schon lange nicht, wohin mit den Drahteseln, da das Abstellen von Rädern in vielen Gebieten des Stadtzentrums – vor allem in den Geschäftsvierteln – generell verboten ist. Die Bevölkerung soll halt wie vor Jahrzehnten mit dem Fahrrad zu einem Pendlerbahnhof und von dort mit der Bahn in die Innenstadt fahren – oder dem Auto. Andere Vorgehensweisen sind nicht vorgesehen. An den Pendlerbahnhöfen werden daher keine Kosten gescheut, unter- oder oberirdisch Fahrradparkplätze anzulegen, wo die Zweiräder für 100 Yen pro Tag oder eine Monatsgebühr abgestellt werden können. In der Innenstadt jedoch hat niemand einen Gedanken daran verschwendet, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß.
Bislang wurde dieses Problem weitgehend ignoriert. Doch diese Woche Montag hat der eklatante Mangel an Fahrradstellflächen in der Innenstadt es sogar prominent in Japans größte Wirtschaftszeitung "Nikkei" geschafft. Der Grund: Die jährliche Zählung illegal geparkter Fahrräder hat für 2011 ergeben, dass der Tokioter Zentralbahnhof plötzlich die zweithöchste Anzahl an illegal geparkten Fahrräder aufweist. 830 waren es am Zähltag, nur knapp hinter Spitzenreiter Akabane mit 838 falschgeparkten Rädern.
Interessanterweise wird dafür die Atomkatastrophe verantwortlich gemacht. Immer mehr Menschen würden mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, weil sie nach dem Erdbeben wegen des Zusammenbruchs des Zugverkehrs in der Stadt gestrandet waren, meint die "Nikkei". Meiner Meinung nach ist dies reine Spekulation. Wichtiger ist da schon der zweite Grund, den die Zeitung nennt: der Fitnessboom. Und nicht erwähnt sind zwei Faktoren, die meines Erachtens die Hauptgründe darstellen. Erstens: Anders als vor zehn Jahren, als der Markt in Billigst- und superteure Sporträder zerfiel, gibt es inzwischen eine erschwingliche Klasse von Touren- und Mountainbikes. Zweitens: Dank dieses Angebots entdecken immer mehr Japaner das Fahrradfahren auf der Mittelstrecke in der Stadt. Dass immer mehr Menschen in die Stadtbezirke zurückziehen, weil die Mieten und Wohnungspreise gefallen sind, hat den Trend noch verstärkt. Das Erdbeben hat damit also gar nichts zu tun.
Die Lösung des Problems ist weniger einfach, als man annehmen möchte. Da schon in den Vorstädten den Parkern Geld abgeknüpft wird, ist es schwer vorstellbar, dass die Stadtväter und -mütter in der Innenstadt schlicht die von Parkern usurpierten Stellen schnell und unbürokratisch mit kostenlosen Fahrradständern vollstellen. Erstens müssten erst einmal Flächen in der Stadtplanung dafür gefunden und ausgewiesen werden. Zweitens wird der Planungsaufwand dadurch höher, dass dann bezahlte Fahrradplätze eingerichtet werden würden, die mehr Infrastruktur erfordern. Und drittens ist der Bau von Fahrradparkhäusern oder passenden Tiefgaragen wie in der Vorstadt wegen des fehlenden Raumes und extrem hoher Landpreise kaum denkbar.
Mein Tipp an die Stadtregierung ist daher, so schnell wie möglich Fahrradparkplätze in der Innenstadt zu planen (vielleicht auf dem Asphalt der Seitenstraßen und durch Umwidmung von Autotiefgaragen) – und bis dahin wie bisher die Räder zu dulden. Derzeit binden Kontrolleure Schildchen ans parkende Rad, auf denen der Besitzer gewarnt wird, dass das Fahrrad abgeschleppt wird, wenn es morgen immer noch hier steht. Das ist nett. Gleichzeitig wird so sichergestellt, dass die Stadt nicht mit vergessenen oder geklauten Rädern zugemüllt wird. Meine persönliche Lösung: Ich habe mir ein Klapprad angeschafft, das ich im Prinzip überall mitnehmen kann. Dieser Ansatz ist zukunftssicher: Selbst wenn die gebührenpflichtigen Parkplätze kommen, brauche ich kein Geld zu bezahlen. (bsc)