CEATEC 2006: Warten auf den großen Sprung
Das große Thema der größten asiatischen Konsumelektronikmesse Ceatec ist die Konvergenz. Doch der Durchbruch auf dem Markt lässt noch auf sich warten.
- Martin Kölling
- Dr. Wolfgang Stieler
Canon und Toshiba hüten die Weltpremiere ihres 55-Zoll-SED-Flachfernsehers wie einen Schatz. Während die Konkurrenz auf der gestern eröffneten japanischen Konsumelektronikmesse CEATEC das Messepublikum mit Wänden aus riesigen Flachfernsehern begrüßt, hat das Duo gerade drei seiner neuartigen Flachfernseher in einer Burg mit zwei Amazonen als Torwachen eingeschlossen. Die drei SEDs (Surface-Conduction Electron-Emitter-Displays) im schummrigen Burgsaal erzeugen ihre Bilder nicht mit Plasma oder Flüssigkristallen, sondern wie Röhrenfernseher. Der Unterschied: Statt einer feuern nun über eine Millionen Elektronenkanonen aus kaum messbarem Abstand auf die Leuchtschicht.
Das Ergebnis entlockte den ausgewählten Zuschauern im abgedunkelten Burgsaal hin und wieder ein Raunen. Die Bilder sind enorm bunt und kontrastreich, verglichen mit der Konkurrenz außerhalb der Mauern. In 50.000 Stufen kann der Fernseher den Übergang von schwarz nach weiß darstellen, zehnmal mehr als ein Plasma-Fernseher und 25-mal mehr als ein Flüssigkristallbildschirm. Nur kaufen kann man die Geräte noch nicht. Der Beginn der Massenproduktion sei – nach diversen Verschiebungen – vorsichtig für das vierte Quartal 2007 angepeilt, verrät eine Canon-Angestellte. Das Schicksal des SED-Fernsehers steht für einen Trend auf der CEATEC: Die Zukunft lässt länger auf sich warten, als gedacht. Viele der Schaustücke wirken sattsam bekannt. Sony zeigt einige der ersten Exemplare der Spielkonsole PS3. Auf den Markt kommt das Gerät ebenfalls nach diversen Verschiebungen erst im November, in Europa sogar erst im kommenden Jahr. Und der Chip-Hersteller Intel wirbt wieder für die neuen Möglichkeiten, die sein neuer Viiv-Chip mit seinen zwei oder vier Rechenkernen eröffnet. Geräte mit dem Chip gibt es jedoch erst wenige.
Das vollvernetzte digitale Heim mit dem Wohnzimmer als Kommandozentrale hat offenbar höhere Anforderungen an Hard- und Software gestellt als ursprünglich geplant. "Digitale Geräte sind ein großer Hit, aber Netzwerke sind noch nicht zu einem großen Geschäft geworden", gesteht Kazuhiro Tsuga, Executive Officer des weltgrößten Konsumelektronikherstellers Matsushita Electric Industrial (Panasonic). "Die Vernetzung geschieht nicht über Nacht, dazu sind die Geräte zu verschieden." Zuerst mussten die Chips die notwendige hohe Rechenleistung erreichen. Auch musste ein Standard für die Vernetzung von Geräten gefunden werden. Das ist seit vorigem Jahr durch die Digital Living Network Alliance (dlna) vollbracht.
Und noch fehlen wichtige Aspekte, die der Vision zum Durchbruch verhelfen: Urheberrechtsschutz ist ein großes Thema, zudem sollte die Software so robust und einfach zu bedienen sein wie ein Radio. Außerdem wollen die Gerätschaften mit dem Internet verbunden werden, sodass der Kunde möglichst vom TV und PC wie auch vom Handy Zugriff auf die unterschiedlichsten, teilweise kostenpflichtigen Dienste haben kann, ohne sich zig Passwörter merken zu müssen. Als Lösung entwickelt der japanische Mobiltelefonanbieter KDDI eine Plattform, über die mit einer Kennung Daten und Geld auch zwischen Privatleuten sicher ausgetauscht werden können.
Besonders für Handys gilt das Digital-TV als kommende Killerapplikation. Der TV-Dienst, der nach den Plänen der Mobiltelefonanbieter ab kommenden Jahr zum Massenhit werden soll, heißt in Japan One-seg. Anders als die gebührenpflichtigen Angebote in Deutschland können Handys die Programme kostenlos empfangen. Die Anbieter wollen dann durch Zusatzdienste wie Bestellungen über das Handy verdienen.
Das Ziel ist, das Handy zum Hauptinstrument des vernetzten Menschen zu machen, sagt Kunio Ishikawa, Vizepräsident von Japans größtem Netzbetreiber NTT Docomo und zuständig für die Dienste der Zukunft. "Wir wollen alle Dienste anbieten können, damit das Handy zur absoluten Notwendigkeit im Alltag der Menschen wird." Der Aufwand ist enorm. 50 Modelle wird Docomo dieses Jahr auf den Markt bringen, Tendenz steigend. Denn die Zeit der Einheitsmodelle mit großen Stückzahlen ist vorbei, meint Ishikawa. "Die Mannigfaltigkeit der Geräte wird zunehmen", sagt Ishikawa voraus.
Jenseits der großen Visionen finden sich auf den 2936 Messeständen von 807 Unternehmen aus 26 Nationen jedoch diverse Perlen: Toshibas Entwickler beispielsweise warten mit einem Schlafsensor im Armbanduhrformat auf. Der kann die Daten auf eine Mini-SD-Karte oder drahtlos über Bluetooth an ein Handy übertragen, das die Daten via Internet an einen Server weiterleitet. Der Sensor ermittelt die Schlafphasen durch das Abtasten des Pulses und die Erfassung der Handbewegungen mit einer Genauigkeit von 70 bis 80 Prozent. Ausreichend für den Heimgebrauch, meint Kenichi Kameyama, Forscher an Toshibas humanzentrischen Labor. Gedacht sei der Sensor als telemedizinisches Angebot für Japans rapide alternde Gesellschaft. Aber weil Gesetze derzeit die Telemedizin aus Gründen der Datensicherheit erschweren, denkt er darüber nach, den Schlafsensor mit Haushaltsgeräten zu vernetzen. Licht oder Klimaanlagen könnten dann entsprechend der Schlafphase geregelt werden.
Natürlich dürfen in Japan auch Roboter nicht fehlen. Pioneer stellt ein Roboterküken als Fahrbegleiter im Auto vor. Das etwa zehn Zentimeter hohe Wesen sitzt auf dem Armaturenbrett. Sein Lebenszweck sei, den Fahrer zu einer sanften Fahrweise zu erziehen, sagt ein junger Ingenieur. "Wenn Sie unruhig oder schnell fahren, wird der Roboter nervös." Hektisch piepst er dann, schlägt mit den Flügeln und schaut mit seinem einen Kameraauge den Fahrer an. Es kann dazu Gesichter erkennen – und auch Ampeln, um den Fahrer daran zu erinnern, bei Rot zu halten. Dazu besitzt es eine Fotofunktion, um während der Fahrt Bilder von der Landschaft zu machen. "Wir können mit ihm das Fahren noch mehr genießen", glaubt der Ingenieur. "Wenn die Leute ihn mögen, machen wir ihn zum Produkt."
Siehe dazu in Technology Review:
(Martin Kölling) / (wst)