CeBIT-Impressionen im Zeichen der WM: Das Runde, das Flache und das Eckige
Den Computerfans, die Fußball hassen, steht eine harte CeBIT bevor – unter anderem Sharps LCD-TVs, Toshibas neue Laptops oder Rolleis Media Center unter Linux werden ganz im Zeichen der kommenden WM vermarktet.
Den Computerfans, die Fußball hassen, steht eine harte CeBIT bevor. Wie die CeBIT-Previews des Hamburger Hightech-Presseclubs zeigten, spielt die kommende Fußball-Weltmeisterschaft eine zentrale Rolle in den Vermarktungsstrategien vieler CeBIT-Teilnehmer. So soll die WM 2006 dafür sorgen, dass in Deutschland 2,6 Millionen LCD-TV verkauft werden. Diese Zahl, die über den Angaben der Marktforscher liegt, nannte Sharp auf der Pressevorschau. Mit dem Slogan "Das Runde muss aufs Flache!" bestreitet die Firma ihren CeBIT-Auftritt. Die Fußball-WM soll die Verkäufe von HD-Panels ab 32 Zoll in ungeahnte Höhen bringen. Sharp selbst will die Stimmung in Kooperation mit Sat.1 extra anheizen und die Übertragung des Endspiels in der Champion League im Mai in Paris auf Sat.1 HD in HDTV-Qualität übertragen lassen, um die letzten Zweifler zu überzeugen. Mit insgesamt zwölf neuen Geräten vom 18.999 Euro teuren 65-Zoll-Monstrum (die komplette Jahresproduktion soll bereits ausverkauft sein) bis zum portablen LCD-TV, mit dem die "deutsche Elf beim Grillen im Garten" betrachtet werden kann, möchte Sharp alle Verkaufsrekorde brechen.
Auch bei Toshiba tritt man zur CeBIT kräftig gegen den Ball. Beherzt verkündete die Firma den sofortigen Ausstieg aus der Produktion von Rückprojektions- und Plasma-TV, "weil der Markt zusammengebrochen ist". Ebenfalls gestoppt ist die Röhren-TV-Produktion, weil sie für die Firma bedingt durch die neue Elektronikschrottverordnung eine einzige Belastung im wörtlichen Sinne ist – die Firmen werden bei Schrottgeräten bei der Rücknahme nach Gewicht belastet. Zur WM setzt Toshiba also auf 27''- und 32''-LCD-TVs, die in England produziert werden. Doch weitaus mehr will man mit dem "Consumer-Laptop" Qosmio G30-137 "Part of the Game" sein, wie es der CeBIT-Slogan von Toshiba anpreist. Qosmio ist ein Laptop mit einem Hybrid-Tuner (Analog-TV und DVB-T), bei dem das Fernsehteil funktioniert, ohne dass zuvor der ganze Rechner mit Windows hochgefahren werden muss: Unter "Fußball, ohne auf Windows zu warten" wird das Ganze angepriesen. Außerdem gibt es einen Modus, bei dem der Käufer sogar mit ausgeschaltetem Qosmio unvergessliche Stunden erleben kann: Bis zur WM erhält jeder Qosmio-Käufer ein Gutschein für ein WM-Spiel (nur Vorrundenspiele). Schließlich ist Toshiba einer der Hauptsponsoren des FIFA-Kicks mit einem riesigen Kartenkontingent.
Bei den anderen Laptop-Reihen von Toshiba liegen die Verbesserungen eher in Details, die Fußballern egal sind. In der Satellite-Reihe kommt ein A-100 mit "Spritzwasser-Schutz" – ausgeschüttete Getränke landen in einem "Reservoir" und erzeugen keinen sofortigen Kurzschluss. Der Rechner kann bis zum Kurzschluss heruntergefahren und zum Händler gebracht werden, der dann die Tastatur austauscht. Außerdem gibt es ein Gerät mit zwei Festplatten, die als RAID1-System arbeiten können. In der Tecra-Reihe kommen zeitaktivierte BIOS-Passwörter zum Zuge, die auch nicht durch Abziehen der Batterie gelöscht werden können: Während bei normaler Benutzung nur das Windows-Passwort abgefragt wird, wird beim Rechnerstart außerhalb definierter Uhrzeiten das BIOS-Passwort abgefragt.
Wo viel von Windows die Rede ist, sollte Linux nicht fehlen. Rollei wird zur CeBIT das 2000 Euro teure Media Center MC1 vorstellen, bei dem das Brennen und zeitversetzte Fernsehgucken unter Linux läuft. Das Gerät, das mit fünf Jahren "Update-Garantie" ausgliefert wird, besitzt als Besonderheit eine "Arbeitspartition", auf der die ganze Familie unter OpenOffice ihre Schreibarbeiten erledigen soll.
Mag die ganze Familie für den Bürokrams noch mit einem Media Center auskommen, so sieht das bei dem Familientelefon ganz anders aus. Wenn jeder ohnehin sein eigenes Mobiltelefon hat, möchte niemand zur zentralen Quatschbüchse laufen, die draußen im Flur steht oder zu einem schrägen DECT-Telefon greifen. "Dual Play" nennt darum Arcor ein Angebot, das aus der "Misere der Familie" helfen soll. Im Kern geht es darum, dass die Familie einen breitbandigen DSL-Anschluss bei Arcor bestellt und im Paket dazu für jedes Mitglied eigens für Arcor gefertigte GSM-Handys bekommt, die zu Hause über das WLAN "kostenlos"telefonieren: "Wenn die Kinder auf der Flatrate von Mama und Papa telefonieren, ist der Kampf ums Taschengeld vorbei." Eine verwunderliche Aussage, die wahrscheinlich nur kinderlosen Managern einfällt: Wer heute Kinder und Flatrate hat, kennt die Situation, dass gleich nach dem Mittagessen das Headset aufgesetzt, der Chat gestartet und der Nachmittag verquasselt wird, alles unter dem Deckmantel von "Schularbeiten machen". Ebenso verwunderlich auch die Aussage, dass auch das Telefonieren unterwegs entscheidend billiger wird, weil es so viele freie WLANs gibt, die einfach so genutzt werden können. So mag es dem "Dual Play" gehen wie der Videotelefonie, mit der Arcor im letzten Jahr einen riesigen Boom einläuten wollte; eine nette Idee, doch leider verfrüht.
Wie die Sache vielleicht funktionieren kann, will Fujitsu-Siemens auf der CeBIT unter dem Slogan "Pragmatic Mobility" demonstrieren, der ohne WM-Bezug auskommt (wer wünscht schon einem Fußballteam pragmatic mobility?). Zum Pragmatismus unterwegs gehört für die Augsburger der Laptop mit integriertem UMTS, aber auch ein neuer Handheld aus der Pocket Loox-Reihe, als GSM/UMTS/WLAN-Gerät mit integriertem VoIP, einem GPS-Modul und einer E-Mail-Push-Lösung im Blackberry-Stil. Das Ganze dürfte kaum für ein Taschengeld zu haben sein, aber Eltern haben ja auch ihre Bedürfnisse. (Detlef Borchers) / (jk)