Was war. Was wird.
Schafe blicken auf und hören das Summen der Drohnen über der norddeutschen Tiefebene. Hal Faber arbeitet derweil weiter an der eigenen Legende, schließlich ist das hier der Westen.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Nein, ich habe kein iPhone. Mir ist es sogar völlig egal, was für ein Telefon ich habe, solange es noch telefonieren kann und Evernote auf dem Ding funktioniert. Damit wäre alles zu dem Ereignis gesagt, das wahre Kommentarschlachten auf heise online auslöste, Freundschaften zerstörte und Ehen zerrüttete. Dabei wird dies alles eines Tages völlig egal sein, wenn sich die seriöse historische Forschung über unsere Zeiten hermacht und über Apple streng wissenschaftlich schreiben wird, wie diese Konsumterrororganisation einstmal begann. Wenn heute schon Historiker allen Ernstes glauben, dass der erste Apple auf dem Altair basierte, besteht Hoffnung, dass später ohnehin nur noch Märchen erzählt werden. Wie war das noch? "This is the West, Sir. When the legend becomes fact, print the legend." Eines Tages wird Opa den Enkeln beigeistert davon erzählen, wie er seine ersten EarPods-Kabel an die Unterseite (toll, toll) des iPhones steckte - und sie werden ihn nicht verstehen, weil Kabel längst verschwunden sind. Komischer alter Mann.
*** Was sind schon Fakten? Wer will schon heute, am Geburtstag von James Cash "J.C." Penney etwas über den Gründer einer Kaufhauskette und den Banker lesen, der (nach heutigen Maßstäben) Milliarden im Börsencrash von 1929 verlor und bis zu seinem Tode aus allen 50.000 Angestellten "Associates" machte, die am Gewinn der Firma beteiligt wurden? Viel lieber liest man amüsante Geschichten von einem Mark Zuckerberg, der beim Börsengang von Facebook Milliarden verloren haben soll und erleben darf, wie er beim Summer of Zuck in Unterhosen dasteht. Nur Bilder mit korrekten EXIF-Daten werden akzeptiert, die dann nach allen Regeln der OSINT-Kunst (PDF-Datei) von einer Software namens Maltego Radium "transformiert" werden, um den Besitzer des Aufnahmegerätes zu identifizieren. Ja, ja, der Datenschutz, das ist auch so ein Konzept komischer alter Männer.
*** Bald wird so ein alter Mann, der Bundesdatenschützer Peter Schaar, in den Ruhestand gehen und wieder bei seiner Firma PrivCom arbeiten müssen. Seine Kapitulation vor dem NDA und den Gebühren der Firma DigiTask ist denkwürdig. Dass der ranghöchste Datenschützer der reichen Deutschen Bundesrepublik mit seinem Stab von Mitarbeitern nicht 1200 Euro "Consultinggebühren" zahlen kann oder will, macht stutzig, auch wenn die Logik klar ist: BKA, Bundespolizei und Zoll, mit denen DigiTask gute Geschäfte macht, halten schließlich auch nichts von einem Blick auf den Quellcode der Schnüffelsoftware. Was bleibt, ist das seltsame Argument "Die Polizei stellt ja auch sonst ihre Ausrüstung nicht selbst her." Wer weiß, wie penibel Waffen und anderes technisches Gerät vor dem Einsatz bei der Polizei getestet wird, darf einen Fünfer in das Schweinderl beim heiteren Beruferaten werfen. Softwaretester beim BKA? Bei Vertragsgestaltung ein Prüfungsrecht für die Programmdokumentation und den Quellcode festlegen, wie von Schaar gefordert, das überforderte die deutschen Behörden, die lieber schicke Sachen nachkauften, etwa das Schnüffelmodul für das Sicherheitsrisiko namens WhatsApp, für schlappe 2.535,48 Euro pro Monat und für jedes Zollfahndungsamt der Bundesländer einzeln lizensiert.
*** Ein Blick auf WhatsApp ist übrigens in vielfacher Hinsicht interessant, nicht nur wegen der vorgetäuschten Sicherheit oder den haarsträubenden Lizenzbedingungen. Zu den Erkenntnissen einer kleinen Konferenz über Menschenrechte und Internet gehörte die Erzählung von Menschenrechtlern, dass von ihnen WhatsApp in Ländern benutzt wird, in denen Aktivisten systematisch verfolgt werden. Eine Warnung aus erzieherischen Gründen ist das Mindeste, was ausgegeben werden kann. Die Forderung, dass Menschenrechtler programmieren lernen müssen, um nicht abgewatscht zu werden, ist seit Morozovs "Net Delusion" ein schöner Traum. In den USA erschien das Buch mit dem Untertitel "The Dark Side of Internet Freedom", in Europa mit "How Not to Liberate the World". Schon diese Differenz in der Verkäuflichkeit lässt aufhorchen. Ein Ende des Dilemmas ist nicht abzusehen, denn auch die Forderung, dass gute Hacker die Exporteure von Überwachungstechnik überwachen sollen, delegiert das Problem. Man lese nur das geradezu kindliche Erstaunen von Hackern, die jetzt im Maschinenraum die Problematik der ETSI-Schnittstellen entdecken und von perfiden Zwängen phantasieren. Ein bisschen Verschwörungstheorie gefällig? Die schaar-schurkische Firma Digitask kassierte im Jahr 2008 beim Auftrag "Kapazitätsanpassung der ETSI-Schnittstellen" 2.057.256,07 Euro.
*** Wenn man sich über ganz Deutschland einen großen Pfeilbalken vorstellt, dessen Spitze irgendwo vor Helgoland liegt und zum Nordpol zeigt, hat man ungefähr die Flugroute, auf der bei Tag und bei Nacht demnächst die Euro Hawk kreisen wird, um Terabytes an Kommunikationsdaten mit ihren Sensoren abzugreifen. Noch ist nicht ganz klar, wie diese Informationsmassen praktikabel transportiert werden. Das wurde auf der ILA in Berlin klar. Man hofft auf die IT und auf neue Lösungen wie den Einsatz von Lasern in der Kommunikation zwischen Satelliten und Drohnen. Und man hofft auf Akzeptanz in der Bevölkerung, dass eine ziemlich große Drohne auf einem Lauscherposten kreist, die bei ihrem Überführungsflug über kanadische Ödnis und den Nordatlantik mehrmals den Kontakt zu Steuermannschaft abreißen ließ, aber auf vorprogrammierter Route weiterflog. Unter diesem Aspekt ist ein Interview mit unserem Verteidigungsminister bemerkenswert, der seine frühere Position zu "ethisch neutralen Waffen" revidiert, aber den Drohnen freies Geleit gibt: "Ich bleibe aber dabei, dass sich ein unbemanntes Flugzeug von einem klassischen Kampfflugzeug ethisch nicht unterscheidet. Es kommt auf Menschen an – und es ist irrelevant, ob der Mensch im Cockpit sitzt und eine Bombe auslöst, oder vor einem Monitor auf dem Boden. Insoweit sind Drohnen und Flugzeuge ethisch neutral." Bezogen auf eine Bombenauslösung mag so eine Drohne von ausgesucht höflicher Neutralität sein, bezogen auf das Fliegen eines Gerätes sieht es anders aus. Da kann man schon etwas riskieren, wenn man nicht im Flieger sitzt. Erst recht über dem menschenleeren Deutschland, in 14.000 Metern Höhe.
Was wird.
Zur Abwechslung mal einen Blick in die unbestimmte Zukunft, die eigentlich smart aussehen könnte, doch momentan von dicken grauen Rauchwolken getrübt wird. Denn zum Jahrestag des 11. September begann ein "verabscheuungswürdiges Video" (Westerwelle) in arabischer Übersetzung im Internet zu kursieren, dass ein gewisser "Sam Bacile" erstellt haben soll. Der Inhalt ist wüst, die arabische Übersetzung soll um etliche Grade wüster sein und bestens geeignet sein, unbedarfte Gemüter und religiöse Fanatiker von Null auf doppelte Überschallgeschwindigkeit zu beschleunigen. Aufgebrachte Menschen belagern in der islamischen Welt westliche Botschaften, in Libyen starben US-Diplomaten an Rauchvergiftungen nach einer Attacke mit einer raketengetriebenen Nebelbombe. Derzeit ist noch nicht bekannt, wer diesen Dreck von einem Hetzvideo fabriziert hat, doch mangelt es nicht an Verschwörungstheorien. Eine dieser Theorien verweist auf Israel und die verworrene Geschichte des israelischen Angriffes auf das SIGINT-Aufklärungsschiff USS Liberty als Versuch, die USA in einen bewaffneten Konflikt mit den arabischen Ländern zu ziehen. Was damals Ägypten war, ist heute der Iran. Prompt sind in dieser Woche Berechnungen veröffentlicht worden, was ein Angriff Israels und was ein Angriff der USA bewirken könnten, durchgeführt mit konventionellen Waffen. Israel könnte die Nuklearproduktion im Iran um ein oder zwei Jahre zurückwerfen, die USA könnte ein Moratorium um zehn Jahre herbeibomben, mit ihren B-2 und ethisch neutralen Drohnen. Ob Israel, ob USA, in beiden Fällen würden zu einer Guerillataktik des Irans führen, der die Verbündeten der USA angreifen würden und die Ölversorgung. Und was passiert im Cyber-War? "Wir werden uns noch wünschen, dass Stuxnet noch besser funktioniert hätte", hatte ein IT-Spezialist der US-Armee auf Münchener Sicherheitskonferenz behauptet. Wie war noch das Kanzlerinnen-Wort vom Cyber-War, gefährlich wie ein kleiner Krieg? (vbr)