Gesucht: ein Problem
Das britische Start-up Marblar will mittels Crowdsourcing Anwendungen für brachliegende Erfindungen und angestaubte Patente von Universitäten finden.
- Jessica Leber
Das britische Start-up Marblar will mittels Crowdsourcing Anwendungen für brachliegende Erfindungen und angestaubte Patente von Universitäten finden.
Im harten Wettbewerb um gute Ideen wird in den letzten Jahren zunehmend die „Weisheit der Vielen“ angezapft. Anstatt sich nur auf die Expertise von Entwicklungsabteilungen zu verlassen, beteiligt man im so genannten Crowdsourcing die interessierte Öffentlichkeit daran, die Lösung für ein technisches Problem zu finden. Das britische Start-up Marblar stellt diesen Ansatz nun auf den Kopf: Es sucht nach Problemen, die vorhandene Technologien lösen könnten. Damit wollen die Gründer brachliegende Erfindungen und angestaubte Patente vor allem von Universitäten zum Leben erwecken.
Die Erfindungen, die Marblar bereits auf seiner Webseite präsentiert, sind vielfältig: Da warten etwa ein neuartiger Schaum, ein Sauerstoffsensor oder eine Technik zum Bohren in harte Oberflächen auf passende Problemstellungen. Um die aufzuspüren, baut Marblar derzeit eine „Crowd“ aus technisch versierten Nutzern auf. Wer einen gut vermarktbaren Einsatz der Erfindungen entdeckt, kann Geldpreise – von einigen hundert bis einigen tausend Dollar – oder Bonuspunkte im Marblar-System – „Marbles“ genannt – gewinnen.
„Es gibt einen Berg ungenutzter Innovationen“, sagt Daniel Perez, CEO von Marblar. Er schätzt, dass bislang 95 Prozent aller Patente, die von Universitäten angemeldet wurden, es nicht zu Produkten bringen. Zwar gebe es inzwischen universitäre Einrichtungen, die sich um einen Technologie-Transfer aus den Laboren auf den Markt bemühen. Aber weder sie noch die Forscher selbst könnten sämtliche potenziellen Anwendungen überblicken.
Einen ersten Erfolg kann Marblar bereits vorweisen. In der Beta-Testphase im Frühling hatte das Start-up eine Erfindung des Biochemikers Tom Brown von University of Southampton zur Exploration ausgeschrieben. Mit dem „DNA Click Ligation“ genannten Verfahren lassen sich DNA-Stränge ohne die Hilfe von Enzymen zusammenfügen. Das sei bis dahin hübscher Trick ohne offensichtliche Anwendung gewesen, so Perez.
Die britische Venture-Capital-Firma IP Group stiftete ein Preisgeld, das schließlich ein Doktorand der Cambridge University gewann. Er konnte Marblar und die IP Group davon überzeugen, dass Browns Verfahren für seine Forschung an Medikamenten hilfreich ist, die mittels DNA-Material verabreicht werden sollen. Inzwischen arbeiten Brown und der Doktorand an einem Prototyp, während die IP Group die Möglichkeit einer Ausgründung prüft.
(Bild:Â Marblar)
Die Wagniskapitalgeber haben zudem selbst 600.000 Dollar in Marblar investiert. Das Start-up arbeitet auĂźerdem mit verschiedenen britischen Forschungsinstitutionen zusammen, darunter dem Medical Research Council und dem Imperial College London.
Marblar ist Teil eines Trends, gezielter die Früchte akademischer Forschung zu kommerzialisieren, die zu großen Teilen vom Steuerzahler finanziert werden. In den USA etwa erhielten Universitäten und Forschungseinrichtungen im vergangenen Jahr rund 40 Milliarden Dollar Fördergelder. Im selben Zeitraum wurden 670 Firmen ausgegründet, die 591 neue Produkte auf den Markt brachten, hat die Association of University Technology Managers dokumentiert.
Lita Nelsen, Direktorin des Technology Licensing Office des MIT, traut Marblar durchaus zu, einige interessante Innovationen ans Licht zu bringen. Dass sich mit dem Crowdsourcing-Ansatz die Zahl kommerzieller Anwendungen von akademischen Ideen drastisch erhöhen lasse, glaubt sie aber nicht. Denn viele Forschungsarbeiten seien bereits auf eine klare Anwendung hin ausgelegt, gerade in der Medizin. Es gebe andere Faktoren, die eine erfolgreiche Kommerzialisierung verhinderten, sagt Nelsen. „Marblar wird der Technologie-Lizenzierung von Universitäten helfen, sie aber nicht revolutionieren.“ (nbo)