Meinung: Aufstand gegen Algorithmen

Google wird vorgeworfen, eine Rufmordmaschine zu sein. Aber viele Vorschläge, die Websuche gesellschaftsfähiger zu machen, würden deren Qualität opfern. Dabei gäbe es einen Ausweg.

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Google wird vorgeworfen, eine Rufmordmaschine zu sein. Aber viele Vorschläge, die Websuche gesellschaftsfähiger zu machen, würden deren Qualität opfern. Dabei gäbe es einen Ausweg.

Gregor Honsel, TR-Redakteur, wĂĽnscht sich eine Schiedsstelle fĂĽr Suchmaschinen.

Bettina Wulff hat eine Debatte angestoßen, die lange überfällig war. Die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten klagt gegen Google, weil ihr Name von der "Autocomplete"-Funktion mit ehrabschneidenden Begriffen in Verbindung gebracht wird. Diese Funktion schlägt bei Suchanfragen automatisch weitere Schlagwörter vor, die von vielen anderen Nutzern zusammen mit dem Namen verwendet wurden – unabhängig davon, ob es einen sachlichen Zusammenhang zwischen Suchbegriff und Namen gibt.

Google stellt sich auf den Standpunkt, dass der Autocomplete-Algorithmus lediglich das Verhalten der Masse objektiv und wertfrei abbildet. Doch Google ist weder wertfrei noch objektiv: Wie "Spiegel Online" berichtet, hat der Konzern bereits des Öfteren manuell in die Vorschlagsfunktion eingegriffen – etwa um Nutzer, die nach einer bestimmten Software suchen, nicht auf illegale Downloadseiten hinzuweisen. Softwarepiraterie ist aus Googles Sicht also verwerflicher als eine Rufmordkampagne. Das ist eine klare Werte-Entscheidung, und eine ziemlich willkürliche noch dazu.

Doch das eigentliche Problem ist nicht Googles Gutsherrenart – es ist die Behauptung, dass Algorithmen überhaupt objektiv sein können. Jeder Software liegen eine Vielzahl von Annahmen und Prioritäten zugrunde. Sie fließen implizit und intransparent in die Programmierung ein und bestimmen, wie die Software benutzt werden kann. "Code is Law" hat der US-Jurist Lawrence Lessig dieses Phänomen genannt. Und der Code ist nicht nur Gesetz, sondern auch Richter und Vollstrecker in einem.

Das gilt nicht nur für die Autocomplete-Funktion, sondern – mit noch gravierenderen Konsequenzen – auch für Googles Suchergebnisse. Es kann zum Beispiel passieren, dass auf einer Suchergebnisliste prominent platzierte Seiten nach einem Umbau der Suchalgorithmen plötzlich verschwinden, und keiner weiß warum. Kleine Webshop-Betreiber kann das die Existenz kosten. Doch gegen die Beschlüsse des dienst-habenden Algorithmus gibt es keine Berufung.

Eine Lösung dieses Dilemmas ist schwer. Schafft Google Transparenz, indem es alle Details seiner Algorithmen veröffentlicht, wäre das eine Einladung zur Manipulation – die Trefferliste wäre bald zugemüllt mit Seiten, die zwar genau auf die populärsten Suchbegriffe zugeschnitten sind, aber dann doch nur Potenzmittel und Diätpillen verkaufen.

"Wenn Googles Produkt durch die algorithmische Transparenz beeinträchtigt wird (was wahrscheinlich ist), dann ist das der Preis, den ein Monopolist eben bezahlen muss", meint dazu der Blogger Sascha Lobo. Ich sehe das nicht ganz so simpel – schließlich ist die gesamte Gesellschaft auf eine möglichst gut funktionierende Websuche angewiesen. Und was den Monopolismus betrifft – konkurrierende Suchmaschinen hätten prinzipiell die gleichen Probleme wie Google.

Wäre Google hingegen bereit, noch stärker als bisher in die eigenen Algorithmen einzugreifen, würden die Suchergebnisse bald nur noch auflisten, wer oder was die lauteste Lobby im Land hat oder die besten Anwälte. Außerdem würde Google überrannt von Webseitenbetreibern, die nicht einsehen wollen, dass ihre Homepage nicht auf Platz eins steht. Es ist schon gut, dass Suchergebnisse nicht beliebig verhandelbar sind.

Ein guter Kompromiss scheint mir zu sein, eine öffentliche Schiedsstelle einzurichten, besetzt aus Vertretern von Google und der Allgemeinheit. Diese könnten darüber wachen, dass die Algorithmen möglichst fair und effizient arbeiten, ohne sie komplett preiszugeben. Und sie könnten gemeinsam Spielregeln festlegen, unter welchen Umständen ein Eingriff in die Suchergebnisse legitim ist. Dies wäre zwar eine Beschränkung der unternehmerischen Freiheit von Google, aber – hier stimme ich Sascha Lobo doch wieder zu – das ist dann eben der Preis, den ein Monopolist zahlen muss. (grh)