Was war. Was wird.
Unterwegs, auf Achse, on the road: Ach, nix wie weg hier, wo manchem ein Schräuble fehlt und verrutschte Maßstäbe nicht nur die jüngere Zeitgeschichtsschreibung dominieren, trotzt Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Die Leisen sind längst fort "Die Musik wurde unterbrochen, und es gab Nachrichten. Wieder gab es irgendein abscheuliches Verbrechen, und wieder rief man nach mehr Sicherheit. Andere riefen nach mehr Freiheit." Wieder andere bekommen hysterische Schreibanfälle. Ein besonders abstoßendes Beispiel bietet derzeit die Süddeutsche Zeitung, die nicht nur einen Ressortleiter Innenpolitik hat, der die Arbeit der Terroristen erklären kann, sondern eine Journalistin, die im Kommentar die Gegner der Online-Zugriffe als Hysteriker abwatscht. Wo sich der Nachbar als Terrorist entpuppt, muss die Privatsphäre abgeschafft werden. Was wären wir bloß ohne die guten Amerikaner, die uns mit der outgesourcten Online-Durchsuchung vor den usbekischen Bomben gerettet haben? Wie wären orientierungslos wie die Sätzer der taz, die den gedruckten Text zur Online-Durchsuchung mit dem Begriff W-Lan-Netze versalzten: "W-Lan-Netze Ziercke" ist jedenfalls ein schöner Name.
*** Vor 29 Jahren kam der von 11 Filmemachern gedrehte Film Deutschland im Herbst in die Kinos. Mit ihm wurde die Metapher vom Deutschen Herbst in Umlauf gebracht. Gemeint waren nicht die Aktionen der RAF, die Selbstmorde von Stammheim oder die Flugzeugentführung in Mogadischu, gemeint war damals zunächst nur der Gesinnungsterror in den Medien, der heute blondiert auftritt. "Diese Gemeinschaftsfilme waren nicht unsere Idee, sondern eine Reaktion auf diesen berühmten Deutschen Herbst, als die Medien plötzlich freiwillig wie gleichgeschaltet waren", erklärt Volker Schlöndorff in der nämlichen Süddeutschen Zeitung auf kostenpflichtigem ePaper.
*** Im gleichschaltungsfreien Ausland sieht man die Sache realistischer: 300 Beamte hatten die Terroristen gut unter Kontrolle, Festplatten inklusive. Am Freitag bemerkte der Züricher Tagesanzeiger in "Schäubles Spiel mit der Angst" (kostenpflichtig im Archiv), dass die Ermittler bereits über die nötigen Instrumente verfügen, um das Geschehen zu kontrollieren. "Dem deutschen Innenminister sind die Maßstäbe verrutscht." Wenn dem Schäuble ein Schräuble fehlt, wandert seine Version der Online-Durchsuchung bald in das BKA-Gesetz. Das Umfallen der 20-Prozent-Partei ist absehbar.
*** Zum Jahrestag der Entführung von Hanns Martin Schleyer feiert die deutsche Polizei also die Festnahme der Wasserstoffperoxidbomber und kann damit von ihrem größten Misserfolg ablenken. Bis heute ist ungeklärt, warum die Raster-Fahndung nicht funktionierte. Lag es nur an dem Fernschreiber aus Wehrmachtszeiten? Irgendwo in Südbayern erfahren wir in einem Interview über die Wehrmachtserinnerungen von Helmut Schmidt, lebt Horst Herold. Fast so etwas wie die letzte Geisel der RAF soll er sein. Er dürfte die Sache mit dem Wohnblock Zum Renngraben 8 erklären können, wird es aber nicht tun. Denn der Mythos RAF muss weiterleben, damit an der Gewaltspirale gedreht werden kann. Denn mit dem Ende der Entführung und dem Tod in Stammheim war die RAF befreit, alles neu zu entscheiden. Es passt zum Misserfolg der deutschen Polizei, dass die Überlebenden der RAF das Signal nicht verstanden.
*** Wer erinnert sich noch an den längst vergangenen Sommer und das kleine Sommerrätsel, in dem "White Rabbit" von Jefferson Airplane gesucht wurde? Das Lied ist ein Zeichen jener Gegenkultur, die nach den Thesen von John Markoff den Personal Computer und die Firma Apple hervorgebracht hat, die derzeit mit der iEntschuldigung eine völlig neue Produktreihe startet. Im nächsten Jahr soll White Rabbit zu völlig neuen Ehren kommen, wenn der Song in einem Film zur Feier der herannahenden Singularität von Ramona interpretiert wird, der weiblichen Seite von Raymond Kurzweil. Was machen wir bloß, wenn die Singularität nicht kommt?
*** Das Rechnen mit den Beständen ist immer eine mühselige Sache: Vor 50 Jahren erschien On the road und wurde ein riesiger Erfolg, den der Autor nicht verkraftete. Jack Kerouac soff sich zu Tode, vielleicht auch deshalb, weil sein zusammengeklebtes Manuskript über einen Trip aus dem Jahre 1947 erst nach mehreren Weichspülgängen als Buch erscheinen konnte. Zum Jubiläum ist die unverfälschte Version erschienen, ein wesentlich wüsteres Werk. "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein", die Losung der umherschweifenden Haschrebellen ist 60 Jahre alt, komplett mit der Aufforderung, sämtliche Intellektuellen zu killen. Und kein geringerer als Steve iJobs soll angeregt haben, Kerouacs Widmung an die Leser von On the road zur Widmung von Think Different umzuschreiben: "The only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn, like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes 'Awww!'"
Was wird.
Doch warum soll die kleine Wochenschau aus der norddeutschen Tiefebene nur vergangene Jubiläen behandeln? Was sind 20 Jahre GSM, 30 Jahre RAF oder 60 Jahre Trampen gegen 10 Jahre Ärgerverbot von einer Firma, die Flieger über der CeBIT kreisen ließ, weil sie sich so über einen kleinen Verlag in besagter Tiefebene ärgerte. Wer mit seiner patenten Anti-Ärger-Philosophie für Freude und Feinde immer ein frisches Wort und gar einen munteren Befehl wie Freut Euch! bereithält, dem muss man einfach ein kleines symbolisches Sträußchen überreichen. Sags durch die Blume, aber welche nehme ich denn da?
Ich muss gestehen, dass Chemie als Schulfach nicht zu meinen erfreulichen Erinnerungen gehört. Ich scheiterte damals schon an der Aufgabe, H2O in Wasser aufzulösen. Aus diesem Grunde mische ich mein Nichtwissen gerne mit Misstrauen, wenn ich Berichte lese, wie auf der Flugzeugtoilette mit ein paar Wässerchen und einem Zünder eine hochgefährliche Bombe gebastelt werden kann. Seitdem müssen wir Flüssigkeiten im Handgepäck in Beutelchen offenlegen und sind bekanntermaßen sicher einer großen Gefahr entronnen. Nun haben drei mutmaßliche Attentäter offenbar ohne Probleme unter Umgehung des Grundstoffüberwachungsgesetzes fässerweise einen Stoff kaufen können, der nach Angaben von Chemikern und Verschwörungstheoretikern nicht ohne Weiteres zu einer Bombe zusammengeschüttet werden kann. In der kommenden Woche treffen sich Chemiker, Physiker und Architekten in Karlsruhe zur Future Security, die sich mit allem beschäftigt, was knallt oder fliegt und großen Schaden in unserem Heimatland anrichten kann. Passenderweise ist eine Fachmesse für Zutrittskontrollen und Informationsschutz gleich nebenan, gesponsort vom Badischen Weinkontor und Coca Cola. Selbst ein Nicht-Chemiker wie ich erkennt die Gefährlichkeit dieser Verbindung. Außerdem gibt es da noch eine Fachkonferenz für Geld- und Werttransport: Man sieht, dass Baden-Württemberg mehr zu bieten hat als ein islamisches Multikulturhaus in Ulm.
Wenn jetzt noch die Polizei dieses Landes darin geschult wird, geheime PDF-Dateien über die Terrorabwehr nicht als E-Mail über einen Presseverteiler zu schicken, blicken wir alle einer sicheren strahlenden Zukunft entgegen. Dann brauchen wir uns nicht um Bomber zu sorgen und können uns mehr um die Forumskultur kümmern. (Hal Faber) /