Was war. Was wird.
Die Piraten saufen an der 5-Prozent-Klippe ab und Hal Faber erntet im im St. Oberholz Blicke, als er sein altes Thinkpad aufklappt. Zeit fĂĽr eine Lesung: "Die Gesellschaft der Suche".
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** So geht also Rücktritt 2.0, vorgeführt von den Piraten. Sie können alles, nur kein richtiges Deutsch: "Dass jedoch jeden Tag mehr die Anpassung meines Denkens und Handelns an eine alte Politikervorstellung notwendig zu werden scheint, die ich ablehne und nicht bereit bin zu vollziehen, ist ein Umstand, dem ich mich nicht länger aussetzen möchte", verklärt der rheinische Schwan Julia Schramm (PDF-Datei) ihren Rücktritt. Nicht bereit sein zum Vollzug einer alten Politikervorstellung, was immer das auch sein mag. Eine Vorstellung von Politik ist es sicher nicht. Auch der Sachlichkeitsbeauftragte der Piratenpartei flüchtet sich in grauenvolle Floskeln: "Der Weg geht nicht zurück. Er geht nur nach vorne." Sie wollen sympathisch sein, doch sind sie nur unfähige Nerds mit der seltsamen Forderung "Machtkämpfe durch Toleranz zum Blühen zu bringen." Auf solche Floskeln angemessen zu reagieren, fällt selbst den Humoristen schwer.
*** Ausgerechnet das Neue Deutschland, Zentralorgan der Linksfraktion, hat Recht: Die Piratenpartei ist deshalb groß geworden, weil sie die zentrale Frage problematisierte, "welche Wissensordnung sich in einer Phase des revolutionären Umbruchs der technologischen und sozialen Verhältnisse herausbilden wird, wer also künftig mit welchen Begründungen an den Hebeln von Zugang, Produktion, Speicherung und Verbreitung" von Informationen, dem Öl des 21. jahrhunderts zieht.
*** Was sich vor unseren Augen auf Twitter abspielt, hat Geert Lovink in seinem Essay "Die Gesellschaft der Suche" in diesem schärfstens empfohlenen Buch so gut beschrieben, dass ich es leistungsraubend mordkopieren muss: "Netzwerke fördern eine informelle Führung, und die kann man schwerlich ersetzen. Die Massen der alten Schule auf den Straßen projizierten einst ihre Sehnsüchte auf charismatische Führer, aber die Aktivisten von heute stehen vor der Tatsache, dass neue Medien zwar mobilisieren, aber auch dekonstruieren, zerlegen, fragmentieren und die alten Schulen ignorieren. Der vernetzte Computer ist eine zutiefst postmoderne, lähmende Maschine des Kalten Krieges. Vergeblich suchen wir nach einem Weg, die Massen wieder zu vereinen, und nutzen Netzwerke, um formale Systeme der Repräsentation zu konstruieren. Morozovs Vorschlag (dass es im Twitter-Zeitalter keinen Solschenizyn mehr geben kann) könnte auch als neuer Ausgangspunkt gelesen werden: Es wird keine Massen geben, wenn wir bereits die Hervorbringung von Führern sabotieren." TL,DR? Die Kurzfassung findet sich in jedem Asterix-Heft, in dem sich die Piraten selbst versenken, meistens von altlateinischer Weisheit begleitet: Exitus acta probat.
*** Wahlspaß beiseite, der Ernst des IT-Lebens gebietet es, von anderen Dingen zu berichten, als von den an der 5-Prozent-Klippe absaufenden Piraten. Immerhin wurde in dieser Woche auch geschossen, einen besonderen Treffer verbuchte dabei der Kommentar über die bebrillten Nerds mit ihren sozialen Phobien, die sich nun in eine No-Go-Area wie das Oberholz trauen können, in der sonst jeder Gast ohne Mac misstrauisch beäugt wird. Wenn sich die Aufregung über den hingekachelten Start mit den hübschen Smileys gelegt hat, kommt die Erinnerung wieder, dass sooo neu alles nicht ist unter 1000 Sonnen. Auch die Apps und der App-Store sind schon erfunden und nun braucht man nur mit ein bisserl Geduld auf den ersten Preis-Überfall von Microsoft zu warten, nach dem Vorbild von Apple. Wobei das böse Wort vom Preis-Überfall aus dem Sprachwörterbuch der Verleger stammt, die ihre Abzockerei vornehm den Namen Leistungsschutzrecht gegeben haben. Ein Blick nach Brasilien gefällig, die Herren? Dort soll nach dem Rauswurf der Zeitungen aus Google Noticias Brasil die Netzbesuche auf Zeitungsseiten nur um 5 Prozent zurückgegangen sein. Was erst einmal die alte Annahme bestätigt, dass Google News zu den hoffnungslos überschätzten Angeboten des unbösen Konzerns gehören. Achja, den in der letzten Wochenschau erwähnten Brief hat Google veröffentlicht. Er zeigt die Position auch gegenüber der deutschen Mogelpackung.
*** Die Feierlichkeiten zum Geburtstag des neuen, kontaktlosen Personalausweises haben begonnen, auch die derzeit noch kontaktbehaftete Gesundheitskarte wird zukünftig kontaktlos arbeiten können, doch die große unbekannte Karte ist Girogo. Noch in diesem Jahr werden rund zehn Millionen Bundesbürger entsprechende Karten von ihren Sparkassen erhalten. Dann startet im Januar das Wunder von Wolfsburg, wo sie dem Chef-Menschenhändler Felix Magath das Geldterminal gesperrt haben, dafür nun aber alle Stadionbesucher zum kontaktlosen Bezahlen erziehen. Im Unterschied zur BayArena-Card, die auf der aussterbenden Geldkarte basiert, will Wolfsburg zeigen, wie man blitzschnell kontaktlos Geld vertickt. Anders als die Geldkarte lädt sich die Girogo-Karte beim Bezahlen am POS dank einer mit dem Sparkassenkonto verbundenen Geldladeautomatik immer um einen Sockelbetrag auf, wenn das Guthaben auf der Karte nicht ausreicht. Default sind 35 Euro, das Maximum liegt bei 50 Euro. "Das neue Bezahlverfahren ist auf die Verdängung von Bargeld ausgerichtet", heißt es bei den Betreibern. "Haste mal nen Euro?", diese Schnorrerei soll der Vergangenheit angehören. "Girogo, ich bezahle so", singt der Breakdancer, der am Bettler vorbei durch die Fußgängerzone performt. Im Girogo Flagship Store am Rande der norddeutschen Tiefebene ist Bargeld immer schmutziges Geld. Willkommen bei der nächsten sozialen Kontrolltechnologie.
Was wird.
Wenn die Sommerzeit geht und die Winterzeit die Kühe früher in den Stall treibt, ist Halloween, ein US-amerikanischer Schlager. Aus aktuellem Anlass sei ein Blick in die USA erlaubt, wo Halloween für zombieartigen Schabernack sorgt. Man denke nur an die Halloween Dokumente von Microsoft von 1998 oder an das Halloween Massaker im Weißen Haus unter Präsident Ford. Erst heute weiß man, dass Ford niemals dieses böse "Drop Dead" gesagt hat, das zu den berühmtesten Schlagzeilen des Journalismus zählt und einem Berliner Festival den Namen gab.
Derweil schaut das heutige Amerika auf einen extra feinen Schmutzwahlkampf, ganz ohne Change you can believe in. In allerletzter Minute wurden die Verhandlungen gegen den mutmaßlichen Whistleblower Bradley Manning vor einem US-Militärgericht verschoben, die am 30. Oktober starten sollten. Dort soll es erst nach der Präsidentenwahl weitergehen. In dieser Woche tauchte im Web 2.0 dazu eine E-Mail von Assange an Adrian Lamo, die Spannung verspricht. Denn gegen den Failer Assange will Anonymous mit einer Leak-Plattform namens Tyler starten, am Tyler Durden-Day, wenn nach dem Maya-Kalender ein Weltzyklus endet und der Zyklus der Wahrheit (TM) beginnt. Wahrheit? Wie wäre es mit der Weisheit eines Churchills? "Ich brauche keine Wahrheit, ich brauche eine vernünftige Statistik." (vbr)