Was war. Was wird.
Wenn Herzen aus Stahl heiße Tränen vergießen, ist die Zeit gekommen, den Job an den Nagel zu hängen. Glücklicherweise aber ist Hal Faber nicht mit Superkräften ausgestattet und grübelt, was denn nun eine Rasterfahndung ist.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Es ist tatsächlich passiert: Clark Kent hat in der aktuellen Superman-Folge wie angekündigt seinen Job als Journalist beim Daily Planet gekündigt. Comic-Autor Scott Lobdell fand den Schreibtischjob des Kryptonit-Allergikers recht unpassend für die heutige Zeit. Ein Journalist am Schreibtisch anno 2012, das ist für heutige Leser des Comics einfach zu unrealistisch, zu brav und öde. Wer "was mit Medien machen" will, denkt an brenzlige Einsätze in Arabistan, oder an einen nicht abreißenden Strom von Gadgets, die gemeistert werden wollen, oder an Fefe. Dabei arbeiten echte Journalisten heute wie Supermänner, nur ohne das neckische Kostüm: Sie müssen auf Smartphones in Echtzeit mitschreiben, selbst Fotos machen und daneben mit dem großen Zeh eine Videokamera bedienen können. Sie müssen proggen können, eine fesselnde Live-Bildergalerie zehn Minuten vor dem großen Sturmunglück online stellen, sekundenschnell aus Big Data-Kreuzquer eine spannende Geschichte entwickeln und einen Doktortitel in interaktiven Visualisierungstechniken haben. In der nächsten Superman-Folge will Scott Lobdell das Geheimnis lüften, ob Superman bei der Huffington Post oder beim Drudge Report weiter macht oder gar zu ProPublica wechselt, die Fracker dieser Welt jagend, mit Superphone und Supergoogle im Superdress und einem Herzen aus Stahl, das heiße Tränen vergießt.
*** Scott Lobdell hat schon einmal seine Macht demonstriert und bei Marvel Comics das Coming Out des schwulen Superhelden Northstar durchgesetzt, der demnächst seinen Freund heiraten soll. Und wurde nicht der Spiderman ganz im Sinne des Obamismus zum Afroamerikaner? Amerika ist bekanntlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dass den Mond erobern konnte. Nur wer sich wirklich harte Ziele setzt, wird sie erreichen können, das wusste John F. Kennedy, als er vor 50 Jahren die Mission in einer berühmten Ansprache erläuterte: "We choose to go to the moon. We choose to go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard, because that goal will serve to organize and measure the best of our energies and skills." Und heute? "We wanted flying cars – instead we got 140 character." Ist das vielzitierte Silicon Valley wirklich nur eine Versammlung von Venture-Kapitalisten, die hasenherzig ihre Chancen verpassen? Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war, als Sandy tanzte. Ist Google die letzte Firma dieser Welt, die sich ein ausreichend anspruchsvolles Ziel gesetzt hat, "die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nützlich zu machen"? All your information are belong to us.
*** Vor einem Jahr patzten die Neo-Nazis der heute "Zwickauer Zelle" genannten Kleinkampftruppe. Und Deutschlands Sicherheitsbehörden begannen, ihr eigenes Versagen, "unseren 11. September" aufzuarbeiten. An den damals kommentierten Ungeheuerlichkeiten hat sich nichts geändert. Es hat sich eher zum schlechteren gewandelt, mit einem Innenminister, der frei dreht und punktuelle Verschlimmbesserungen einführt, wie eine Neonazi-Datei, in der die Versager vom Verfassungsschutz nicht einmal ihre dubiosen V-Leute einspeichern müssen. Wobei diese mit großem Aktionismus gestartete, tolle Datei angeblich schon Erfolge zeitigt, obwohl die gepriesene erweiterte Datennutzung laut offizieller Auskunft noch gar nicht programmiert ist.
*** Besonders bedenklich lesen sich die Erklärungen der Kriminalbeamten und der Polizisten, die jede Form von Einsicht in das Struktur- und Mentalitätsproblem vermissen lässt. Da trifft es sich prima, wenn die amtierende Regierung diesen Akteuren den Rücken stärkt und erst Rasterfahndungen dementiert, dann aber zugibt. Wobei die Fahndungen technisch gesehen recht erfolgreich waren, zeigten sie doch, dass die vermuteten Zusammenhänge nicht existierten. Womit die kleine Wochenschau schon in die düstere Zukunft blicken darf: Am 6. November verhandelt das Bundesverfassungsgericht über die Antiterrordatei, der Vorläuferin der Neonazi-Datei. "In grundsätzlicher Hinsicht ist insbesondere zu klären, ob, wieweit und unter welchen Bedingungen eine Zusammenführung von Daten der Nachrichtendienste mit denen von Polizeibehörden verfassungsrechtlich zulässig ist. Ein Problem liegt darin, dass die verschiedenen Behörden wegen ihrer unterschiedlichen Aufgaben ihre Informationen unter sehr verschiedenen rechtlichen Voraussetzungen erheben dürfen, und wieweit eine Zusammenführung dieser Daten die Unterschiede unterlaufen könnte." Wird Deutschland ein Polizeistaat?
Was wird.
Heute vor 60 Jahren hatte ein UNIVAC-Computer seinen großen Auftritt, als in den USA der Wahlkampf zwischen Dwight D. Eisenhower und Adlai Stevenson mit der Wahl von Eisenhower endete. Der von Grace Murray Hopper programmierte UNIVAC vollführte die ersten Hochrechungen auf der Basis von sieben Prozent der ausgezählten Stimmen und sagte frühzeitig den Erdrutsch-Sieg von Eisenhower (438:93) exakt voraus. Die Medien wollten in der Wahlnacht, beraten von Wahlforscher-Wünschelrutengängern, Stevenson zum Präsidenten machen. Besonders lustig die Rolle des Fernsehsenders CBS, der ausführlich über die UNIVAC-Berechnung berichten wollte. Eigens zu diesem Zweck wurde im Studio eine UNIVAC-Attrappe aufgebaut – mit vielen lustigen Lichtern und Schaltern, umschwirrt von Weißkitteln, die der Sender Informatroniker nannte. Die echte UNIVAC arbeitete im Verborgenen. Als die Prognose feststand, entschied sich CBS unter dem Nachrichtendruck der anderen Medien, keine Zahlen zu senden und sprach von einer Niederlage des Computers. Dumm nur, dass UNIVAC richtig gerechnet hatte. Mit Eisenhowers Sieg wurde UNIVAC zum Synonym für Computer überhaupt.
In Deutschland begann der Siegeszug der Hochrechnerei übrigens etwas später, als Sendeleiter Werner Höfer sich schützend vor den Computer stellen musste, der von SPD-Politikern unter "Beschuss" genommen wurde wie heuer nur die Stadtwerke Bochum. So kommt zusammen, was sich nicht gehört. Doch die Nacht der langen Messer ist bei uns noch fern, wenn Steinbrück gegen Merkel und den Uber-Deutschen (Wired) Kim Dotcom antritt. Der muss noch bei den Piraten aufgestellt werden, aber wenn man sieht, wie diese Partei ausschließlich Männer auf ihre Listenplätze setzt, ist das wohl eine Formsache. Kim Dotcom ist schließlich zwei Öltanks, äh...
Bei der Huffington Post, wo Superman bald mit location based heroing anfangen könnte, sind alle Prognosen zur aktuellen Wahl in den USA so hübsch gelistet und visualisiert, dass sich die deutschen Leistungsmedien ganz ohne Superman gerne bedienen. Aktuell führt Obama hauchdünn vor Romney mit 277:191. Zum Sieg braucht es 270 Stimmen. Was Obamas Sieg ausmachen kann, ist nicht die reine Freude, mit der er zu seiner ersten Wahl versprach die Folterpraxis zu beenden und Guantánamo zu schließen. Angesichts der Verwüstungen, die Sandy auf Kuba angerichtet hat, wäre dies ein logischer Schritt. Und Romney? Die Süddeutsche Zeitung beschreibt ihn als die US-Version von Bundeskanzlerin Merkel. 'Nuff said. Nein, ich will da nicht hin. (jk)