4W

Was war. Was wird.

Stammt der Mensch vom Affen ab? Nun, dafĂĽr, dass kein intelligentes Design hinter dieser unserer Konstruktion steckt, braucht es doch in diesen Tagen keiner weiterer Beweise, meint Hal Faber entdeckt zu haben.

vorlesen Druckansicht 149 Kommentare lesen
Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Heute ist der Darwin Day, an dem zelebriert wird, dass der Mensch vom Affen abstammt und keineswegs das Produkt eines intelligenten Designers ist, als das ihn verschiedene Religionen im Angebot haben. Wie nah am Affen wir dran sind, konnte man in der letzten Wochen merken, als meine Weigerung, etwas über eine reaktionäre Provokation zu schreiben, als Feigheit ausgelegt wurde. Mittlerweile ist die ausgeuferte Debatte mit Stürmer-Vergleichen und Hitler-Karikaturen im Bundestag angekommen. Die Politiker gaben derart viele Gemeinplätze in Serie von sich, dass Zweifel an Darwins Evolutionstheorie aufkommen: Nichts hören, nichts sehen und nichts verstehen, das tun doch eigentlich nur drei Affen. Im Oktober 2005 waren die Provokationen aus dem am Irak-Krieg beteiligten Dänemark in der arabischen Welt veröffentlicht worden, ohne großen Protest. Der nun von reaktionären Regimen angeheizte Proteststurm, das Getue um Karikatur und Gegenkarikatur samt schrägen Einwürfen zur Meinungsfreiheit mögen andere aufgeregt diskutieren – unter ihnen ausgerechnet auch solche Figuren, die in den 60er Jahren Pasolini verboten und in den 80ern Achternbusch als Blasphemiker verfolgt hätten. Interessen, die im Dunkeln bleiben sollen und die Diskussion ebenso wie die Protestierer zu steuern suchen, gibt es auf beiden Seiten. Ich halte es mit Harald Schmidt, dem Pfeilbuntbarsch und dem Zitronenbuntbarsch.

*** Ich gebe gerne zu, dass mein Sinn für religiöse Gefühle unterentwickelt ist, um nicht gleich von völliger Taubheit zu sprechen. Nicht das kleinste Gesäusel erreicht mein Ohr, das bei jedem Rechner aufmerksam lauscht. Es mag gut sein, dass das höchste Wesen als Spaghetti existiert und nützliche Dienste leistet. Regelmäßig schaue ich bei Godchecker vorbei und informiere mich über den G'tt des Tages. Auch unter den Zahlen findet sich nichts. In diesem Kontext bin ich ein einfach ein 404er.

*** Oder eben ein mit Voltaire getränkter Leser, ein Bezweifler höherer Wesen. Am Tag, an dem diese kleine Wochenschau entsteht, kehrte der große Aufklärer vor 228 Jahren aus dem 28 Jahre langen Exil nach Paris zurück und wurde jubelnd empfangen. Der amerikanische Revolutionär Benjamin Franklin reichte ihm seinen Enkel mit der Bitte, ihn zu segnen, doch Voltaire lehnte den religiösen Unsinn ab. In diesem Unsinne muss ich gleich noch einmal die handliche Wikipedia zitieren, klärt sie doch über den Begriff der Ochlokratie auf. Benutzt wird er in diesem wirren Pamphlet zur Entscheidung eines Gerichtes im Fall des toten Hackers Tron, bürgerlich Boris Floricic. Wer derart schief vom "Bedürfnis auf Privatsphäre" fabuliert, wird seinen Privatschrein aufgebaut haben und vor diesem mit geballter Faust "Tron, der Kampf geht weiter" skandieren. Für Vermittlungsversuche taub, muss nun die nächste Instanz heran. Irgendwann wird der große Wunsch eines Berliner Anwaltes aufgehen, im russischen St. Petersburg vor Gericht auftreten zu können. Gibt es dazu eine Steigerung? Vielleicht ein Theaterstück mit Sprechrobotern im Stil des Heddatron-Projekts, gewissermaßen ein Trontron-Drama.

*** Einer, der gerne mal den Hacker gab, war der Kryptologe Hans Dobbertin. Er starb nach einem harten Kampf gegen den Krebs am 2. Februar im Alter von 53 Jahren. Wer sich jemals mit MD4 und MD5 beschäftigt hat, wird seine Pionierarbeit kennen. Mit seiner Arbeit trug er viel zum Renommee des BSI bei, den die taz einmal zum freundlichsten Geheimdienst Deutschlands kürte. Bei der Entschlüsselung der Briefe des österreichischen Unabombers Franz Fuchs soll Dobbertin eine wichtige Rolle gespielt haben, doch wie das bei Geheimdiensten ist, ist die Sache nebulös. Ein Tod, ein Begräbnis muss an dieser Stelle noch erwähnt werden. Denn zum Begräbnis der amerikanischen Bürgerrechtlerin Loretta King erntete die amtierende US-Regierung nicht eben Lob für das Ausspionieren der eigenen Bürger. Die NSA-Mischung aus Kafka, Le Carré und Mel Brooks dürfte wohl noch ein paar Einlagen produzieren, bis in Amerika die Bürgerrechte wieder Beachtung finden.

*** Ich gebe ferner gerne zu, dass ich meine Schwierigkeiten habe, einen hastig zusammengeschraubten Artikel wie Fit trotz Fett zu verstehen, der eine wissenschaftliche Studie verhackstückt. Aber ich gebe auch zu, die Anzeige nicht zu verstehen, die ProSieben im Namen von Germanys Next Topmodels in allen Zeitungen (taz und Bild einmal ausgenommen) schaltete. Eine Bande von langhaarigen dünnen Frauen im BH, die ein leckeres Buffet loben und sich freuen, bis zur Rente mit 67 eine geile Zeit zu haben. Ich will aber eigentlich nur darauf hinweisen, dass mit Betty Friedan und Karin Struck zwei unbequeme Frauen gestorben sind, von denen auch Männer etwas lernen können.

*** Aber es gibt ja auch Geburtstage zu feiern. Ausgerechnet heute feiert das tapfere Team der Heise zugetanenen OffTopic-Rechenknechte bei Einstein@home den 1. Geburtstag. Chapeau! Wenn es nun schon Werbung gibt, die mit dem Heise-Effekt trommelt, dann muss es auch erlaubt sein, diesen Unentwegten zu danken und ihnen den goldenen Pandabär in Zwangsjacke zu wünschen. Einen knuffigen Heisig allen Teilnehmern!

Was wird.

Die olympischen Winterspiele sind da, einschließlich ersten nationalen Getöses um die Freuden und Leiden der doch als erstes zutiefst gekränkten deutschen Seele. Was soll erst werden, da die Fußball-WM näher rückt? Wer die aufgeregten Debatten verfolgt, bekommt den Eindruck, dass Deutschland großflächig mit Maschendrahtzaun abgesichert wird. Doch gemach, es geht weiter. Wir haben ein Maskottchen namens Galeo, das immer noch ohne Hose herumläuft und einen "Kaiser", bei dem der Verstand fehlt. Das dazu passende neue Polizeilogo ist auch nicht viel besser. Es wurde im ZIS, im "modernsten Taktikraum der Welt", bestückt mit den "besten Rechnern und Programmen", vorgestellt. Wie gut das System ist, wurde am letzten Wochenende in Stendal demonstriert: Brennende Autos, verletzte Polizisten und düpierte ZIS-Spezialisten, die die Fans begleitet hatten. Die Rechnerprognose von einer problemlosen Rückfahrt nach Spielabsage erfüllte sich nicht. In der kommenden Woche berät der Europäische Polizeikongress in Berlin die Maßnahmen zur Fußball-WM. Passend dazu lädt der Bundesverband der Deutschen Industrie zu einer Debatte über die neuen Bedrohungslagen: Wenn schon der Bitkom die Homeland Security als neues Geschäftsfeld entdeckt, darf doch der BDI nicht fehlen. Selbst die Sozen sind mit von der Partie und diskutieren die Abschussbefugnis des Luftsicherheitsgesetzes. Die gründlichen Deutschen sind auch im Ausleben ihrer Phobien gründlich. Bei diesem Aufwand braucht es keine Entschuldigung mehr, wenn Deutschland nicht Weltmeister wird.

Wo bleibt bloß das Positive? In diesen Tagen sicher nicht bei der Musik, bei der man sich zwischen kieksenden Superstars und vergreisten Musikmanagern, denen zur Grammy-Verleihung auch nur noch U2 einfallen, nur noch in bereits gewohnte avantgardistische   Gefilde flüchten kann. Das Positive also? Hach, es ist eine verführerische Obstschale in die ich mich romantisch stürzen kann. Gesund und leider unvergoren. Wer nicht mit Obst feiert, dem wünsche ich viel Energie. (Hal Faber) / (jk)