Guglielmo Marconi: "Mit kurzen Wellen geht es noch viel besser"

Schon früh im 19. Jahrhundert befassten sich Forscher mit elektromagnetischen Wellen. Doch ihren Wert für die Kommunikation erkannte erst Guglielmo Marconi.

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
Lesezeit: 7 Min.

Schon früh im 19. Jahrhundert befassten sich Forscher mit elektromagnetischen Wellen. Doch ihren Wert für die Kommunikation erkannte erst Guglielmo Marconi.

Marconi wird am 25. April 1874 als Sohn eines Italieners und einer Irin in Bologna geboren. 1895 gelingt es ihm erstmals, drahtlos Signale zu senden. Ein Jahr später erfolgt der Umzug mit seiner Mutter nach London, erstes Patent. 1901 überträgt er erstmals Funksignale über den Atlantik, vier Jahre später heiratet Marconi in erster Ehe Beatrice O'Brien. 1909: Gemeinsam mit Karl Ferdinand Braun erhält Marconi den Nobelpreis für Physik. 1914 baut Marconi für die italienische Armee ein Funknetz auf. Ein Jahrzehnt später wird Marconi zum "Marchese" (Markgraf) geadelt. 1927: Marconi heiratet zum zweiten Mal. Trauzeuge ist Benito Mussolini. Am 20. Juli 1937 stirbt Marconi in Rom. Ihm zu Ehren wird der weltweite Funkverkehr für zwei Minuten unterbrochen.

Technology Review: Signor Marconi, darf ich an Bord kommen?

Guglielmo Marconi: Ich bitte darum. Fühlen Sie sich auf der "Elettra" wie zu Hause.

TR: Schön, dass ich Sie in einem Hafen erwische. Sie sind ja dauernd auf hoher See.

Marconi: Nicht dauernd, höchstens die Hälfte des Jahres. Na gut, vielleicht auch mal ein, zwei Monate länger.

TR: Was treibt Sie immer wieder aufs Meer? Sind Sie auf der Flucht vor irgendetwas?

Marconi: Ach was. Schon als Kind wollte ich Seemann werden. Außerdem brauche ich Ruhe für meine Forschung. Nur hier auf meiner Jacht kann ich ungestört rund um die Uhr arbeiten. An Land gibt es dauernd Gesellschaften, Empfänge und neugierigen Besuch. Und bestimmte Experimente lassen sich auf See einfach besser durchführen als an Land.

TR: Zum Beispiel?

Marconi: Mit meiner Jacht kann ich einfach so lange weitersegeln, bis der Funkkontakt zum Land abreißt. Ich bin kürzlich schon auf 2500 Meilen gekommen – von den Kapverdischen Inseln bis nach Cornwall. Zu Land müsste ich ja die ganze Ausrüstung immer wieder auf- und abbauen.

TR: Mit Verlaub – was ist an 2500 Meilen so besonders? Sie haben doch vor gut 20 Jahren schon den gesamten Atlantik per Funk überbrückt.

Marconi: Ja, schon. Aber damals glaubte alle Welt, dass man für solche Entfernungen besonders lange Funkwellen braucht. Ich im Übrigen auch. Sagen Sie – können Sie ein Geheimnis für sich behalten?

TR: Klar, ich bin Journalist.

Marconi: Ich habe herausgefunden, dass es mit kurzen Wellen noch viel besser geht, und zwar mit einem Zehntel der Energie. Außerdem braucht man keine riesigen Antennen mehr aufzubauen, die bei jedem Sturm weggeblasen werden.

TR: Sehr beeindruckend. Aber was sagt denn Ihre Frau dazu, dass Sie praktisch nur noch auf Ihrem Schiff leben? Sie haben mit Ihren Erfindungen doch längst genug verdient, um sich auf einem hübschen Landgut zur Ruhe setzen zu können.

Marconi: Beatrice und ich haben uns leider auseinandergelebt. Außerdem kann ich jetzt nicht einfach aufhören zu arbeiten. Funkwellen haben ein so großes Potenzial, und wir haben noch so wenig von ihnen verstanden. Gerade erst habe ich mit Geschäftspartnern eine Firma namens "British Broadcasting Company" gegründet – sie sendet per Funk an jedermann. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet? Wenn wir Nachrichten per drahtloser Telegrafie verbreiten, brauchen wir bald keine Zeitungen mehr.

TR: Sie wollen also wieder einmal die Welt revolutionieren – ohne wissenschaftliche Ausbildung, allein in Ihrem schwimmenden Labor?

Marconi: So ganz allein bin ich ja nicht. Ich habe mir immer die fähigsten Mitarbeiter und Partner gesucht.

TR: Aber auf die Wissenschaft geben Sie wenig, sagt man.

Marconi: Oh doch. Die Arbeiten von Faraday, Maxwell oder Hertz – wie habe ich sie bewundert! Aber diese Theoretiker haben doch nie den praktischen Wert der Funkwellen erkannt. Und ganz unter uns: Sie haben auch viel dummes Zeug erzählt. Zum Beispiel hieß es immer, dass Funkwellen prinzipiell nicht weiter als ein paar Tausend Meilen tragen. Angeblich wegen der Erdkrümmung. Was für ein Unsinn! Ich habe es ausprobiert, und siehe da: Es geht doch. Wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann das: Glaube nie jemandem, der dir vorrechnet, irgendetwas sei völlig unmöglich.

TR: Ihr Rivale Nicola Tesla soll einmal gesagt haben: "Marconi ist auf dem richtigen Weg. Er benutzt 17 meiner Patente."

Marconi: Ja, ja, der hochverehrte Kollege Tesla mal wieder. Soll er doch klagen, wenn er glaubt, damit durchzukommen. Mir jedenfalls ging es nie ums Geld – ich wollte immer nur den Menschen helfen. Zum Beispiel Schiffen in Seenot, die nun per Funk Hilfe herbeirufen können.

TR: Anfangs waren alle Schiffsfunker bei Ihnen angestellt, nicht bei ihren Reedereien. Und sie kommunizierten nur mit Marconi-Stationen an Land. Ihre Firma hatte lange Zeit praktisch ein Monopol auf den gesamten Funkverkehr zur See. Das muss Ihnen doch schon ein Vermögen eingebracht haben.

Marconi: Daran ist nichts unehrenhaft. Außerdem hatten wir damals keine andere Wahl: Solange die Funker bei uns angestellt waren, handelte es sich um Kommunikation innerhalb einer Firma, und die fiel nicht unter die Posthoheit. Also gab es auch keinen Ärger mit der Post. Aber das Wichtigste ist doch: Meine Erfindung hat schon vielen Menschen das Leben gerettet. Beim Untergang der "Titanic" hätte es ohne unsere beiden Funker möglicherweise überhaupt keine Überlebenden gegeben.

TR: Sagen Sie.

Marconi: Nein, das sage nicht ich, das sagt der britische Postmeister.

TR: Trotzdem: Eine gute Nase fürs Geschäft hatten Sie immer schon.

Marconi: Ich musste halt früh lernen, Investoren zu überzeugen, denn mir ist nie etwas in den Schoß gefallen. Als Jugendlicher habe ich sogar einmal ein Paar meiner Schuhe verkauft, um mir Drähte und Batterien leisten zu können. Mein Vater, ein sehr konservativer Kaufmann, wollte immer, dass ich etwas Vernünftiges lerne. Deshalb wollte er von meinen Experimenten nichts wissen und hat mich erst unterstützt, als meine Apparate bereits funktionierten.

TR: Die italienische Regierung hat Sie kurz darauf trotzdem abblitzen lassen.

Marconi: Ja, mein eigenes Vaterland. Das schmerzt mich noch immer. Die Briten waren Gott sei Dank weniger kurzsichtig und haben mich mit offenen Armen empfangen. Ihnen habe ich viel zu verdanken. Doch je älter ich werde, desto mehr zieht es mich wieder nach Italien.

TR: Wo Ihr neuer Freund Benito Mussolini an der Macht ist. Er hat keine so humanen Ziele wie Sie. Warum unterstützen Sie einen Faschisten?

Marconi: Ich interessiere mich nicht für Politik. Aber der Duce ist ein Mann mit Macht und Visionen – und einer der wenigen, die den Wert des technischen Fortschritts erkannt haben. Er wird Italien und die Welt verändern.

TR: Das wird er, in der Tat. Aber nicht zum Guten. (grh)