Medienbranche wird neu geordnet
Die Informations- und Kommunikationslandschaft wird sich in den nächsten Jahren tiefgreifend wandeln, glauben Marktbeobachter. Dabei müssen sich die etablierten Spieler wohl auf ganz neue Konkurrenz und wechselnde Allianzen einstellen.
Noch weitgehend im Verborgenen wird derzeit die Neuordnung der deutschen Medienlandschaft eingeläutet. "Die Weichen werden jetzt gestellt", sagt Nikolaus Mohr, Geschäftsführer und Medienexperte bei der Beratungsfirma Accenture. Die Informations- und Kommunikationslandschaft werde sich in den nächsten Jahren tiefgreifend wandeln. Dabei müssen sich die etablierten Spieler auf ganz neue Konkurrenz und wechselnde Allianzen einstellen. Gerade Kabelnetzbetreiber und Telekom-Firmen drängen massiv ins Mediengeschäft. Im Zentrum vieler Spekulationen steht derzeit insbesondere Deutschlands größter TV-Konzern ProSiebenSat.1.
"Jeder spricht derzeit mit jedem", sagt ein Medienmanager. Dabei seien vor allem Inhalteanbieter mit den Besitzern der Zugangsplattformen im Gespräch, schätzt Medien-Experte Mohr. In den vergangenen Monaten hat sich in dieser Hinsicht bereits viel getan. Kabelnetzbetreiber sicherten sich die Rechte an der Fußball-Bundesliga, drängen mit Macht ins Bezahlfernsehen und bringen damit den Pay-TV-Platzhirsch Premiere in Bedrängnis. Zudem eröffnen schnelle Internetanschlüsse den Kunden und den Medienfirmen ganz neue Möglichkeiten. ProSiebenSat.1 habe sich mit T-Online auf die Einspeisung seiner fünf Konzernsender geeinigt, verkündete Vorstandschef Guillaume de Posch heute in München.
Im Zeitalter der Digitalisierung von Inhalten, rückläufiger Zeitungs-Abonnententenzahlen und stagnierender TV-Werbemärkte kann es sich kaum noch ein Medienunternehmen leisten, nur auf das klassische Kerngeschäft zu setzen. "Wir werden überlegen müssen, wie wir uns im Bereich Online entwickeln können", sagte zum Beispiel de Posch. Auch die ehemals geplante Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Springer bestätigte die Tendenz zu so genannten crossmedialen Aktivitäten. Durch das Scheitern der Übernahme sei dieser Trend keineswegs gebremst, sagt Mohr. "Man muss nicht alles besitzen, um die Märkte bedienen zu können." So seien etwa auch Kooperationen möglich.
Mit Spannung wird nun erwartet, wer sich als nächster aus der Deckung wagt. Viel spekuliert wird über eine Fusion von ProSiebenSat.1 und Premiere. "Strategisch wäre das sinnvoll", heißt es in beiden Häusern. Premiere ist ohne die Bundesliga-Rechte angeschlagen und könnte einen Partner gebrauchen. ProSiebenSat.1 wiederum könnte sich einen Verwertungskanal sichern und Synergien zum Beispiel beim Einkauf von Filmrechten sichern. Allerdings erteilte de Posch heute dem Bezahlsender eine Abfuhr: "Premiere ist kein Thema für uns. Premiere muss jetzt das Bundesliga-Problem lösen." Branchenexperten sehen bei einem Zusammengehen von Premiere und ProSiebenSat.1 ohnehin neue Kartellprobleme.
So werden auch ganz andere Konstellationen ins Gespräch gebracht. Die Süddeutsche Zeitung berichtete über Gespräche zwischen Premiere und der Deutschen Telekom. Eine Einigung über eine Allianz der beiden Unternehmen sei bereits relativ kurzfristig möglich, hieß es dazu in Branchenkreisen. Hintergrund dieser Spekulation: Die Telekom hat sich die Internetrechte für die Fußball-Bundesliga gesichert. Premiere steht ohne die Rechte da, besitzt aber den notwendigen Kundenstamm. Möglich wäre aber auch, dass Premiere aufgekauft wird. Da auch nach Ansicht von Premiere-Chef Georg Kofler kaum Platz ist für mehrere Pay-TV-Anbieter in Deutschland, würde ein Zusammengehen von Kabelnetzbetreibern mit Premiere sinnvoll sein.
Was all dies für ProSiebenSat.1 bedeutet, ließ de Posch heute offen. Er nannte es schon einen Fortschritt, dass Stabilität zumindest für die nächsten Monate sicher sei. Es gilt in der Branche aber als ausgemacht, dass die Besitzer um den US-Milliardär Haim Saban nach dem Springer-Debakel einen anderen Käufer suchen und nicht langfristig engagiert bleiben. "Saban sucht eifrig nach neuen Investoren und hofft, das sich die neuesten Zahlen sprichwörtlich auszahlen", sagte ein Branchenkenner mit Blick auf den Rekordgewinn bei ProSiebenSat.1. (Axel Höpner, dpa) / (anw)