Plädoyer für die Hacker-Gemeinde
Wer weite Teile seines geistigen Eigentums mit Nutzern, Kunden oder Wettbewerbern teilt, kann sich des Beifalls von Ökonomen gewiss sein. Zumindest von jenem handverlesenen Kreis, den Sun-CEO McNealy zu einer Podiumsdiskussion eingeladen hatte.
- Steffan Heuer
- Dr. Wolfgang Stieler
"Ökonomie des Teilens” war die Debatte überschrieben – dritte Folge in einer Serie zum Thema Teilhabe im digitalen Zeitalter, die Sun vergangenen Juni an den Vereinten Nationen gestartet hatte. McNealy, für seine bärbeißigen Einzeiler bekannt, steckte gleich zu Beginn der Gesprächsrunde ab, dass er nicht den Siegeszug von Open-Source-Software zelebrieren wollte. "Worum es geht, ist der Aufbau einer Gemeinschaft und von Vertrauen. Linux ist dabei ein kleines und grundsätzlich unbedeutendes Element, für die Thematik des Teilens fast irrelevant.”
Sun, der an Markt und Börse seit geraumer Zeit angeschlagene Pionier der Netzwelt, verfolgt ein halb-offenes Modell. Linux, Open-Source-Anstrengungen und Intel-Prozessoren sind dabei zu einem Bestandteil des Geschäfts mit Servern und Software geworden, da Kunden nicht mehr bereit sind, einen Aufpreis für Suns proprietäres Solaris-Betriebssystem und hauseigene SPARC-Chips zu zahlen.
Nach McNealys Vorstellung ist der beste Weg aus dieser Nische die Flucht nach vorne. Ein Technologieunternehmen sollte seine Stärken mit einem weit gespannten Netz von Partnern teilen und gemeinsam fortentwickeln. Als Beispiele führte der Sun-Chef mehrere Meilensteine aus der Firmengeschichte an: das von Bill Joy, seinen Mitstreitern an der Universität Berkeley entwickelte Betriebssystems BSD-Unix, der Einsatz des damals relativ wenig verbreiteten TCP/IP-Protokolls und das Network File System (NFS), die Förderung einer weltweiten Gemeinde von Java-Programmierern und vor kurzem die Offenlegung der Architektur von Suns neuesten SPARC-Chips namens Niagara.
Was einige Kritiker als verzweifelte Strategie interpretieren, um nicht den Wettbewerb gegen preiswertere Server auf Microsoft- oder Linux-Basis zu verlieren, sieht McNealy als lohnenden, wohl kalkulierten Schachzug für die Zukunft. So richteten viele Unis bereits an ihren Informatik-Fakultäten neue Kurse ein, in denen sich Studenten mit der Implementierung des SPARC-Designs beschäftigen. Seit Mitte Februar haben Hacker auch Linux auf dem neuen Chip zum Laufen gebracht – Beweis für das Tempo innovativer Bastelfreude, wenn man den Blick unter die Motorhaube erlaubt. "Wir hätten die Fehler, die wir in unserer Geschichte begangen haben, ohne unsere Gemeinde nicht überlebt”, sagte McNealy mit dem Verweis auf Programmierer, Kunden und Partner.
Seine Vision der IT-Branche, in der Patente neben Open Source überleben, erhielt Schützenhilfe von Timothy Bresnahan, Ökonom sowie Technologieexperte von der Universität Stanford und ehemaliger Chefökonom des US-Justizministeriums zu Zeiten des Kartellverfahrens gegen Microsoft. Teilen und gemeinsames Entwickeln sind ihm zufolge Organisationsmodelle, die weit über die Grenzen der IT-Branche hinaus Anziehungskraft besitzen.
Vielfältige Talente aus aller Welt für sich gewinnen zu können, sei ein Vorteil für kleine wie große Unternehmen – "aber es ist nicht für jede Computerfirma der Weg in die Zukunft” sagte der Ökonom, ohne Namen zu nennen. Spätestens seit dem PC klaffe eine schmerzliche Lücke zwischen dem, was technisch möglich sei und dem, was die großen Anbieter auf den Markt bringen. In jüngster Zeit hätten Sun und IBM jedoch erkannt, dass sie mit einem kollaborativen Modell, das Wissen von der Basis integriert, besser fahren und besser verdienen können.
Die vehementesten Argumente, warum das Offenlegen und Teilen bestimmten geistigen Eigentums bares Geld wert ist, brachte Philip Evans von der Boston Consulting Group vor. Der Unternehmensberater sagte, die Ideen der Open-Source-Bewegung seien "zutiefst relevant für traditionelle Industrien.” Als Beispiel verwies er darauf, dass ein Brand bei einem japanischen Zulieferer Toyotas gesamte Logistikkette lahm zu legen drohte. Stattdessen setzten sich alle Zulieferer zusammen, poolten Ressourcen und geistiges Eigentum, um die drohende sechswöchige Arbeitspause nach acht Tagen zu beheben. Das sei ähnlich der gemeinsamen Anstrengung von Hackern, eine Sicherheitslücke bei einem Programm zu schließen, so Evans.
Das wichtigste Element der "Ökonomie des Teilens” ist die kontinuierliche Abfolge kleiner Verbesserungen über eine Vielzahl von Transaktionen. Aus dem ständigen Lösen gemeinsamer Problemen ergebe sich wie bei Toyota ein Bestand an offen zugänglichem Prozesswissen. Die daraus schrittweise erwachsende Innovationskraft ist ein "massiver Wettbewerbsvorteil" gegenüber dem geschlossenen Festungsmodell von Monopolisten, so Evans.
Wer seine Innovationen richtig unters Programmierer- oder Kundenvolk bringt, baut Standards auf, die mit wachsender Nutzerzahl erheblichen Mehrwert und Umsatz bringen können. Selbst ein Start-up kann das Selbstbewusstsein entwickeln, etwas zu verschenken, weil sich aus der größeren Nutzerbasis langfristig mehr Wert herausholen lässt, so der Venture Kapitalist Raman Khanna von Diamondhead Ventures. Open Source sei zwar zum Herdentrieb unter Financiers geworden, aber der Grundgedanke sei richtig. "Die meisten klugen Köpfe finde ich immer außerhalb meines eigenen Unternehmens. Diese Ressource muss ich mir zunutze machen.” Wer mit einigen wenigen Großkunden ein Ökosystem angelegt habe, könne den Rest der Entwicklergemeinde und potenziellen Nutzer einer Technologie ohne weitere Kosten miteinbeziehen.
Dieses Modell hat indes oft einen Haken. Programmierer, die Innovationen zu kommerziell wertvollen Projekten beisteuern, werden in den meisten Fällen nicht entlohnt. Geld und Aufmerksamkeit fließen an das kleine Gründerteam, während die anonyme Entwicklergemeinde im Schatten bleibt. Wie man die Basis an den Früchten der Arbeit teilhaben lässt, ist deswegen eine brisante Frage, mit der nicht nur Software-Geeks ringen. Diskussionsteilnehmerin Elisabeth Rhyne, renommierte Expertin für Mikrokredit in der Dritten Welt, zeichnete eine erstaunliche Parallele zur Welt ländlicher Armut und der Open-Source-Bewegung.
Der Quellcode bei Mikrokrediten sei über Jahre hinweg entwickelt worden, so Rhyne, indem sich die Frauen an der Basis austauschten und die Hilfsorganisationen sowie Experten daraus lernten und bestimmte Prozesse herausdestillierten. "Das ist der Kern unseres geistigen Eigentums." Der Erfolg und die hohe Rückzahlungsrate von 97 Prozent bringen nun unerwartete Konkurrenz. Heute sehen normale Banken wie Citibank das Gewinnpotenzial bei Kleinstkrediten in Entwicklungs- und Schwellenländern – sie vereinnahmen das Prozesswissen aus dem gemeinnützigen Bereich für ihre Geschäfte.
Von Steffan Heuer (wst)