Alles nur geklaut
Wie kommt man zu neuen Ideen? Man hebt sie einfach auf.
Wie kommt man zu neuen Ideen? Man hebt sie einfach auf.
Der Fantasy-Schriftsteller Terry Pratchett vertritt die amüsante Idee, dass es Inspirationspartikel gibt. Das sind Teilchen des Genialitätspotentials, die durch das Multiversum fliegen wie Neutrinos durch die Galaxie. Und wenn die auf ein aufnahmebereites Gehirn treffen, entsteht eine gute Idee. Man muss sie nur einsammeln.
Man kann das für komplett albernen Bullshit halten. Allerdings ist der Realitätsgehalt der Antworten, die die aktuelle Kognitionsforschung zu diesem Thema bereit hält, auch nicht viel größer. Aber weniger witzig.
Womit wir beim Thema wären: der Wissenschaftsministerin und der Wissenschaft. Unabhängig davon, ob Annette Schavan nun zurücktritt oder nicht (während ich diesen Text schreibe, ist sie noch im Amt), dazu zwei Anmerkungen.
1) Wolfgang Münchau schreibt auf Spiegel Online über Plagiate bei Doktorarbeiten „Zunächst gibt es auch in Deutschland das Problem nicht in den 'harten' Disziplinen wie Mathematik oder Physik, sondern fast nur in den Sozial-, Geistes- und Rechtswissenschaften.“ Das glaube ich nicht.
Eigentlich hatte ich ja schon nach der Affäre Guttenberg versprochen, nichts mehr zu dem Thema zu sagen. Deswegen zitiere ich mich kurz selbst: „Als ich noch an der Uni gearbeitet habe, war sonnenklar, dass eine Formulierung wie 'typische Messergebnisse sehen Sie hier' mindestens euphemistisch gemeint war – natürlich enthielt die Präsentation liebevoll von Hand sortierte Messergebnisse, die besonders gut zur Theorie passten. Und natürlich kommt der Arbeitsgruppenleiter mit auf die Autorenliste der Veröffentlichung, auch wenn er eigentlich nichts für das Paper getan hat. Hat sich das wirklich radikal geändert? Würde mich wundern. Auch Wissenschaftler sind nur Menschen. Sie sollten also ein bisschen aufpassen, dass sie nicht von dem hohen Ross fallen, das sie jetzt reiten wollen.“
Anders gesagt: Ich vermute mal, dass mindestens ein Drittel aller Doktorarbeiten in Deutschland den formalen Kriterien guter, wissenschaftlicher Arbeit nicht genügt. Dass beispielsweise Autoren Primärliteratur, die sie angeben, oft nicht wirklich gelesen haben, ist ein offenes Geheimnis. Es gibt sogar wissenschaftliche Untersuchungen darüber, wie sich Zitierfehler durch blindes Abschreiben fortpflanzen.
2) Mir geht das krampfhafte Festhalten am „eigenen geistigen Beitrag“ des betreffenden Forschers auf die Nerven. Wissenschaft lebt vom Austausch von Wissen und Ideen. Geniale Beiträge, die niemand anders vorher jemals formuliert hat, sind äußerst selten. Eigentlich wissen das alle, aber jeder hütet eifersüchtig sein kleines Fleckchen Eigenleistung. Der Kollege Honsel erzählt, dass die Studienanfänger in der Germanistik in den ersten zwei Semestern „wie die Meerschweinchen“ auf die Einhaltung von Zitierregeln dressiert würden. Hat mal jemand darüber nachgedacht, wie viel Zeit und Kraft dadurch verschwendet wird? (wst)