Wiederbegegnung mit Verne
Vor 150 Jahren erschien Jules Vernes erster Roman. Wie hat er sich gehalten?
Vor 150 Jahren erschien Jules Vernes erster Roman. Wie hat er sich gehalten?
Jules Verne war einer der Helden meiner Kindheit und Jugend. Vor 150 Jahren, am 31. Januar 1863, erschien sein erster Roman „Fünf Wochen im Ballon“, der ihm den Durchbruch verschaffte und gleichzeitig das Genre des Science-Fiction-Abenteuerromans begründete. Ich habe das Buch nun mit einigen Jahrzehnten Abstand nochmal gelesen. Wie hat es sich gehalten?
Zunächst einmal der technische Aspekt: Vernes dreiköpfige Reisetruppe fährt mit einem Ballon von Ost nach West durch Afrika. Um dem Ballon Auftrieb zu verleihen, erzeugt eine Batterie per Elektrolyse Wasserstoff. Unterwegs müssen die Protagonisten zwar regelmäßig Wasser nachtanken, um die Batterie brauchen sie sich aber nicht zu kümmern – die liefert offenbar unendlich viel Energie. Das ist für einen Autoren wie Verne, der immer Wert auf eine technisch plausible Begründung seiner Geschichten legte, natürlich ziemlich dahingehuddelt. Aber geschenkt: Wahrscheinlich verhält es sich mit Vernes „Knallgas-Gebläse“ so wie mit dem überlichtschnellen Warp-Antrieb bei Raumschiff Enterprise: Diese Kröte muss der Leser einfach schlucken, denn sonst gäbe es nichts zu erzählen.
Auch ansonsten war die Wiederbegegnung mit Verne eher ernüchternd. Diese verschwurbelte Sprache! Diese hölzernen Dialoge! Diese platten Charaktere! Und am schlimmsten: Dieser Chauvinismus und Rassismus! Von der Gondel ihres Ballons aus machen sich die drei Engländer lustig über Eingeborene, die bei ihrem Anblick in Panik verfallen. Die Bevölkerung ist – das diagnostizieren die Herren aus sicherer Höhe – einfältig, brutal, verschlagen, kannibalisch oder alles zugleich. Wilde Untermenschen halt, wie sie im Buche stehen.
Nun ist Verne ein Kind seiner Zeit, und was wir heute als Rassismus empfinden, war damals offenbar Common Sense. Ist es also unfair, ihn an heutigen Maßstäben zu messen? Vielleicht. Dennoch habe ich geglaubt oder zumindest gehofft, eine Geistesgröße wie Verne würde aus dem Bodennebel der zeitgenössischen Ressentiments herausragen. Schade. Für wirklich gefährlich halte ich diese Entgleisungen zwar nicht. Als Kind habe ich das Buch ja auch – so hoffe ich wenigstens – ohne bleibende Schäden überstanden. Trotzdem ist „Fünf Wochen im Ballon“ aus heutiger Sicht schwer erträglich und außerdem ziemlich langweilig.
Doch wenn selbst ein brillanter Kopf wie Jules Verne offenbar außerstande war, bestimmte Vorurteile seiner Zeit zu hinterfragen – wie sieht es dann heute aus? Was sind unsere Ressentiments, über die kommende Generationen verständnislos den Kopf schütteln werden? Eine Antwort darauf können wohl nur Zeitreisende geben. Science-Fiction-Autoren, selbst die besten, offenbar nicht.
(grh)