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Was war. Was wird.

Was ist schon Zukunft - auch nur die idealisierte Vorstellung einiger Analysten, die die Gegenwart prolongieren. Bleiben wir also im Hier und Jetzt, das ist schon aufregend genug - in jedem Sinne, findet Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Dies ist ein Trauer-WWWW. Eines, das eigentlich mit einem fetten schwarzen Rand erscheinen müsste. Vor ein paar Wochen beschrieb ich meinen Einstand im Journalismus, der an eine Hörfunksendung namens Radiothek gebunden ist. Nun haben wir alle, die diese Sendung liebten, bei der bekannten Frage "Hit oder Niete?" die größte anzunehmende Niete gezogen: In dieser Woche starb Mal Sandock. Viele Leser dieser kleinen Wochenschau sind offenbar um die 50 Jahre alt und weise genug, über Blödsinn wie die Generation 64 oder den Villenviertel-Jan zu lächeln. Ihnen wie uns brauche ich nicht die Bedeutung dieses großartigen DJ erklären, der nun "in Rente" geht und heute nochmal zu hören ist.

*** Verpasst, verpasst. Glaubt man nicht daran, dass die Erde eine Scheibe ist, die von vier Elefanten getragen wird, die auf einer Schildkröte stehen, so bleibt eine nicht hohle, leicht verdellte Kugel übrig, mit Australien "auf der anderen Seite". Dort gab es diese Woche den "National Change Your Password Day", mit dem die Woche der nationalen elektronischen Sicherheit eingeleitet wurde. Alle Australier wechselten ihre Passwörter, aus jesus1 und christ wurden jesus2 und 1christ und ein wildes Land wurde nochmal ein bisschen sicherer – die große Porno- und Terrorsperre wird ja schon erprobt.

*** Ein nationaler Passworttag, an dem von Kanzlerin bis Kerner alle an der IT-Sicherheit schrauben, ist doch sympathischer als der Flag Day, den die USA heute begehen. Flagge zeigen? Das ist ein Fall fĂĽr das Museum, die Erinnerungen sind nicht dazu angetan. Vor 70 Jahren wurde am 6. Juni in Deutschland fĂĽr die Kriegsverbrechen der Legion Condor geflaggt.

*** Auch Deutschland hatte diese Woche sein P-Thema. Die Piratenpartei wurde in auffällig dummen Artikeln kleingeschrieben und belächelt. Als Beispiel muss die Süddeutsche Zeitung herhalten, deren oberster Journalist bekanntlich mit offenen Armen Blogger und andere Internet-Gestalten empfängt. Ein Feuilleton-Artikel spricht vom politischen Zusammenschluss der Raubkopierer und macht sich über eine "kaum 21-jährige Wirtschaftsstudentin" Anna Torberg lustig. Als vor 9 Jahren die 21-jährige Wirtschaftsstudentin Ilka Schröder als Jüngste für die Grünen nach Brüssel ging, war dies noch ein Sieg der Demokratie. Was ist mit dieser Partei bloß los, dass sie bereits mit den Grünen verglichen wird oder als Aufstand der technischen Intelligenz herhalten darf? Deren Erfolg, wenn man nach den Ergebnissen der Juniorwahl geht, keine Eintagesfliege ist.

*** Eine Erklärung mag in der auffällige Ignoranz der schwedischen Verhältnisse liegen, aus denen die Partei entstammt. Es ist mitnichten nur das Land, in dem die Pirate Bay liegt, die mit der Piratenpartei gerne in einen Topf geworfen wird. Da haben wir ein Land, das zwar seit 1766 die Pressefreiheit kennt, aber erst 1991 in einem Multimediagesetz die Meinungsfreiheit für CD-ROM-Inhalte (bzw. heute DVD) und Computertechnologie eingeführt hat. Ein Land, in dem der Staat alle Telefongespräche und jegliche Internet-Kommunikation anzapfen darf. Ein Land, in dem erst 2008 mit "Skiddet för den personliga integriteten" über den Schutz der Privatsphäre nachgedacht wurde. Das alles hat mit "Raubkopieren" herzlich wenig zu tun, mit modernen Bürgerrechten umso mehr. Haben wir denn keine solche Partei? Wer den Initiativantrag gegen Internet-Sperren für den heutigen SPD-Parteitag liest, möchte es fast glauben. Doch halt, der Pressestelle ist der Livestream von Facebook viel, viel wichtiger, heißt es dort mit der Bitte, diesen Text hier zu veröffentlichen. Sozialdemokratische Tradition und Facebook, das hat doch was:

"Mit dem Informations- und Mitmachangebot können alle das Geschehen in Berlin live verfolgen - und mitreden. Das gilt natürlich auch für Gehörlose: In den Live-Stream ist eine gebärdensprachliche Übersetzung integriert und knüpft damit an die sozialdemokratische Tradition der barrierefreien Kommunikation an. Mit dem Angebot zeigt die SPD, dass sie konsequent und mit innovativen Angeboten auf die sozialen Netzwerke setzt - und wie wichtig die Online-Community für eine aktive Beteiligung am Whlkampf ist."

Vorwärts und nicht vergessen, wofür eine Netzsperre steht – dieses alte Kampflied der SPD wird wohl noch kräftig gesungen werden oder in alter gebärdensprachlicher Tradition aufgeführt, besonders am 18. Juni, wenn der Kampf gegen die Kinderpornografie die Kenntnislosen einigt: Die Partei der Berufsverbote steht eben für die deutsche Kontinuität.

Was wird.

Doch damit bin ich eigentlich schon mitten in der nächsten Woche, die mit einem echten Kracher beginnt: Am Montag wird in den USA über das Schicksal der SCO Group beraten – Liquidation oder nicht. Gespannt wartet alles auf den Weißen Ritter namens Gulf Capital Partners, der da heranjagen soll. Bis jetzt ist er noch nicht zu sehen, nur eine Liste von Bittbriefen von Firmen aus Russland und iXorg-Mitgliedern.

Passend zum Anspruch dieser Firma, die Welt der Open Source tributpflichtig zu machen, wird in London das erste Auto vorgestellt, das zumindest in den Bauplänen zur Open Source hin orientiert sein soll. Riversimple, die Firma des Porsche-Enkels Sebastian Piech, will ein Wägelchen mit einer Brennstoffzelle vorstellen, das 20 Jahre lang geleast werden kann. Noch klingt das Projekt so realistisch wie ein Sieg von SCO, aber Journalisten sind bekanntermaßen überaus aufnahmefreudig und zu jeder Korrektur fähig – wie Blogger.

Dann haben wir da noch die Kieler Woche. Nein, das ist keine Sommer-Veranstaltung der rührigen Datenschützer, sondern die größte Segelregatta der Welt. Erstmals wird hier das Lexxwar-System der Bundeswehr getestet. Es soll so genau sein, dass es Schlauchboote und Speedboote ermitteln kann, ist damit also ein ideales System gegen böse Piraten und noch bösere Migrations-Aggressoren. Die Bremer Firma Atlas Elektronik hat Lexxwar entwickelt, die benachbarte OHB Technology das System SAR-Lupe. Wie gut, dass es nicht in die Hände von Schurkenstaaten gelangen kann. Das bisschen Grenze ist egal, man hat das Gerät ja nur zur Verfügung gestellt.

Im Zuge des Verfahrens gegen den stets braun gebrannten deutschen Manager Thomas Middelhoff ist viel von seinem AOL-Coup die Rede, als er billig Anteile an einem Online-Dienst erwerben konnte, der einstmals (wie Microsoft) glaubte, das Internet ignorieren zu können. Bis zur allgemeinen Verbreitung von WLAN habe auch ich mich auf die Dial-in-Nummern verlassen, die AOL weltweit zur Verfügung stellte. Nun wird gesplittet und gespaltet, dass die Späne fliegen. Was von AOL übrig bleibt, sind Angebote wie Black Voices, die eine heftige Kampagne gegen Disneys nächste Produktion "Küss den Frosch" fährt, weil die schwarze Prinzessin Tiana im Lande Obamas halt einen Frosch küssen muss, der sich als Inder entpuppt. Hätte es nicht wenigstens eine unermüdlich rackernde Ente sein können und nicht dieser Frosch? Was bleibt, was wird, das ist eine unendlich schöne Geschichte über einen Online Award, die Disney einstmals vertricksen wird, mit einem langsam erhitzenden Gefäß voller Frösche:

Arcandor engagiert sich für den Grimme Online Award, weil wir Qualität fördern wollen und weil wir glauben, dass es an der Zeit ist, dem täglichen Einerlei in den elektronischen Medien entgegen zu treten. Wer könnte das besser als das Grimme-Institut? Der Arcandor Konzern als Muttergesellschaft von Thomas Cook, Primondo und Karstadt hat sich seit Jahren dem Netz selbst zugewandt – natürlich vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten. Wir sind aber davon überzeugt, dass nicht nur die kommerzielle, sondern auch die publizistische Bedeutung des Netzes signifikant zunehmen wird. Umso wichtiger ist es, jetzt Content zu stärken, der Qualität bietet und Innovation fördert. Das Netz bietet dafür unendliche Möglichkeiten, man muss sie nur finden und fördern. Deswegen unser Engagement für den Grimme Online Award – jetzt und für die Zukunft.

(Hal Faber) /blos (jk)