Back in the USA

Billige asiatische Arbeitskräfte haben das letzte Jahrzehnt in der Güterproduktion bestimmt. Das ändert sich nun.

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Von
  • Antonio Regalado

Billige asiatische Arbeitskräfte haben das letzte Jahrzehnt in der Güterproduktion bestimmt. Das ändert sich nun.

Im vergangenen Jahr holte General Electric seine Fertigung von Heizgeräten und Kühlschränken aus Asien zurück in die USA. Einer der wichtigsten Gründe für diese Entscheidung war, die Gerätedesigner wieder nahe bei der Produktion und den Ingenieuren zu haben. "Heutzutage, da die Geschwindigkeit der Produkteinführung alles ist, hat es keinen Sinn mehr, Design und Entwicklung von der Herstellung zu trennen", erklärte CEO Jeffrey Immelt kürzlich. "Outsourcing nur aufgrund der Lohnkosten ist ein Auslaufmodell."

Um das Jahr 2000 betrugen die Fertigungslöhne im südlichen China nur 58 US-Cent pro Stunde, ganze zwei Prozent des US-Lohnniveaus. GE und viele andere Hersteller in den USA und Europa überschlugen sich dabei, diesen Lohnunterschied durch Verlagern der Fertigung ins Ausland zu nutzen. 2004 erklärte die Boston Consulting Group ihren Klienten, sie hätten keine Wahl mehr, ob sie ins Ausland gehen, sondern nur noch "wie schnell".

Die Strategie, Kapital durch billige Arbeitskraft zu ersetzen, war simpel: Warum in eine Maschine zum Zusammenbau eines iPhone investieren, wenn chinesische Firmen eine halbe Million Arbeiter darauf ansetzen konnten? Mit Internet, Telefon sowie gĂĽnstigen FlĂĽgen war es ein Leichtes, Arbeit aus der Ferne zu koordinieren. Hinzu kamen die niedrigen Frachtkosten fĂĽr den Warentransport.

Dies hat mit dazu geführt, dass die USA zwischen 2000 und 2010 rund sechs Millionen Produktionsarbeitsplätze – ein Drittel aller Fabrikjobs – verloren. China überholte die USA als weltgrößter Güterproduzent. Aber die Wirkung geht über die makroökonomische Statistik hinaus. Gary Pisano und Willy Shih nennen in ihrem Buch "Producing Prosperity" das Auslagern der Produktion "ein groß angelegtes Experiment der Deindustrialisierung".

Sie und andere Ökonomen glauben, dass die wahren Folgen noch weit nachteiliger sind als die reinen Jobverluste nahelegen, da Innovationen in technisch anspruchsvollen Branchen nur schwer von der Herstellung zu trennen seien. Mit der Zeit gerieten die Kernkompetenzen in Gefahr – Produktdesign und Materialkenntnis. Ohne die Details der Produktion zu verstehen, könne man nicht die wettbewerbs-fähigsten Produkte entwerfen.

Neuerdings haben sich die wirtschaftlichen Trends gedreht. Die Stundenlöhne im Süden Chinas könnten bald sechs Dollar erreichen, ungefähr das Niveau von Mexiko. Die Boston Consulting Group – eben jene Beratungsfirma, die Klienten zur Eile in Richtung Übersee riet – sagt nun, es sei an der Zeit, China "neu zu bewerten". Das Unternehmen schätzt jetzt, dass der Kostenvorteil der dortigen Herstellung für einige Produkte bis 2015 verschwinden könnte. Zudem machten Naturkatastrophen wie der Tsunami in Japan und die Überschwemmung in Thailand die Risiken langer Lieferketten in letzter Zeit besonders deutlich. Außerdem lassen höhere Ölpreise in aller Stille die Frachtkosten steigen, während unerwartete Erdgasfunde die USA zu einem relativ preiswerten Standort für chemische Grundstoffe machen.

Produkte, bei denen die Arbeitskosten im Mittelpunkt stehen, werden wohl niemals aus den Niedriglohnländern zurückkehren. Der Zusammenbau von fünf Millionen iPhones für einen Produkt-Launch ist nach wie vor nur in China möglich. Aber die jüngsten wirtschaftlichen Verschiebungen geben den Unternehmen die Möglichkeit, ihren Kurs zu korrigieren.

Ein Leitgedanke ist dabei, dass die USA sich auf die Verbesserung der Fertigungstechnik selbst konzentrieren sollten. Anspruchsvollen Technologien wie Simulation, digitales Design, Robotik, selbstfahrende Lastwagen, Big Data und Nanotechnologie können wertvolle Beiträge zur Gestaltung neuer Produktionsprozesse liefern – und nicht nur neuer Produkte. Je höher die Kapitalinvestition in Automation, desto geringer wird die Rolle der Arbeitskosten. (bsc)