IT-Messies

Big Data ist das neue, ganz große Ding. Oder ist es einfach nur ein anderer Ausdruck für Sammelwut und die Unfähigkeit, sich von Altem zu trennen?

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Von
  • Christian Kirsch

Hier ein Joghurtbecher, da die Tageszeitungen der letzten Woche, dort ein noch fast funktionsfähiger iPod – nach und nach wächst die Wohnung von den Rändern her zu. Schließlich gibt es nur noch schmale Durchgänge, gesäumt von Gebirgen aus Dingen, die man „irgendwann mal brauchen“ könnte. Im wirklichen Leben heißt das Phänomen „Messietum“ und gilt als psychische Erkrankung.

Wer hingegen in der IT behauptet, man müsse gesammelte Daten aufbewahren, weil sie später irgendwie nützlich sein könnten, sieht sich zurzeit auf dem Gipfel des Fortschritts. Er darf sich hinter der Sau „Big Data“ einreihen, die gerade durchs Dorf getrieben wird.

Was damit eigentlich gemeint ist, weiß so recht keiner. Es hat irgendwie irgendwas mit NoSQL, Cloud, In-Memory und Column Stores zu tun – je nachdem, wen man fragt. Beispiele für den vorgeblichen Sinn des zwanghaften Sammelns gibt es zuhauf, auch jenseits von Google, Facebook und Co.

Wäre es nicht schön, alle Brücken mit Sensoren auszustatten, die das Bauwerk überwachen und rechtzeitig vor dem drohenden Einsturz warnen? Lasst uns Standort und Geschwindigkeit aller Navigationssysteme samt den jeweiligen Start- und Zielorten speichern! Wie könnte die Energiewende gelingen, ohne den Stromverbrauch jedes Haushalts im Viertelstundentakt in eine Datenbank zu packen?

Brücken stürzen hierzulande allerdings ohnehin fast nie ein, weil Menschen ihren Zustand regelmäßig kontrollieren. Dass am ersten Ferienwochenende die nordrhein-westfälischen Autobahnen verstopft sein werden, ist bekannt. Ebenso weiß man, dass Berlins Verkehr schon bei zwei Zentimetern Neuschnee zum Erliegen kommt. Der darüber hinausgehende Erkenntnisgewinn aus den Daten der TomToms dieser Welt dürfte gering sein. Und wozu braucht man heute noch den Stromverbrauch von Erwin Müller am 3. April 2005 um 12:15 Uhr?

Wissen die Big-Data-Fans noch nicht. „Aber wenn wir die Frage kennen, brauchen wir diese Daten.“ Frei nach Douglas Adams: Die Antwort hätten wir schon mal, fehlt nur noch die Frage.

Aber was ist mit Target? Nur weil die US-Supermarktkette so viele Daten gesammelt hat, kann sie schließlich heute Schwangere rechtzeitig erkennen, sodass die ihr Geld in der kauffreudigen Zeit nach der Niederkunft in den eigenen Filialen lassen. Allerdings: Das dortige Marketing hat keineswegs wahllos unstrukturierte Daten auf seine Festplatten gekippt. Im Gegenteil, der Konzern sammelt nach wie vor gezielt alles Relevante über seine Kunden – und fragt sich, was das sein könnte (s. „Alle Links“).

Big-Data-Vorreiter wie CERN und Genetiker wissen genauso, wonach sie suchen und was sie tun. Das unterschiedslose Sammeln von allem und jedem ist jedoch keine Strategie, sondern informationstechnisches Messietum.

Alle Links: www.ix.de/ix1304003 (ck)