Hartnäckige Ereignisarmut

Moderne Videokameras können die Wirklichkeit praktisch lückenlos dokumentieren. Es wäre schön, wenn sich die Wirklichkeit nun etwas mehr Mühe geben würde.

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Moderne Videokameras können die Wirklichkeit praktisch lückenlos dokumentieren. Es wäre schön, wenn sich die Wirklichkeit nun etwas mehr Mühe geben würde.

Neulich am Fahrradständer: Ein Kollege befestigte etwas am Rahmen seines Bikes, das wie eine Taschenlampe aussah. Doch tatsächlich war es eine kleine Videokamera. Er werde von nun an jede Fahrt dokumentieren, erklärte er mir. Erst kürzlich sei wieder ein Kollege von einem Auto abgedrängt worden. Da sei es doch praktisch, sofort bewegte Bilder als Beweismaterial zur Hand zu haben. Außerdem habe man beim Meteoriten in Russland ja gesehen, wozu eine dauernd mitlaufende Kamera gut sein könne. All die spektakulären Ereignisse auf hannoverschen Radwegen – er wird sie künftig nicht mehr ungefilmt entkommen lassen, auf dass sie Renner bei YouTube werden mögen.

Was kommt da nun an aufsehenerregenden Aufnahmen auf uns zu? Der erste Nachweis des legendären Eilenriede-Wolfs (Lupus Listus)? Der Yeti im niedersächsischen Exil? Eine Supernova am Kröpcke? Thomas Pynchon beim Brötchenholen?

Eines ist jedenfalls klar: Es gibt zwar wachsende filmische Möglichkeiten, die Wirklichkeit abzubilden – doch die Wirklichkeit weigert sich durch ihre hartnäckige Ereignisarmut, diesen Möglichkeiten gerecht zu werden. Findige Dauerfilmer schaffen sich deshalb ihre eigenen Ereignisse. Beim letzten Skiurlaub schien mir beispielsweise, dass die Leute mit Kamera am Helm besonders üble Pistensäue sind. Ist ja auch verständlich: Kein Mensch will sich die verwackelten Mitschnitte ihrer Abfahrten später ansehen, nicht einmal sie selber – es sei denn, sie nieten jemanden um. Die Videos davon bringen dann Klicks bei YouTube und erfreuen die Anwälte des Unfallgegners. (grh)