Emil Berliner: "Die Schallplatte hat mir viel Kummer bereitet"

Schallplatte, Grammofon und Mikrofon gehen zurück auf den deutsch-amerikanischen Autodidakten Emil Berliner.

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Schallplatte, Grammofon und Mikrofon gehen zurück auf den deutsch-amerikanischen Autodidakten Emil Berliner.

Berliner wird am 20. Mai 1851 in Hannover geboren. 1870 wandert er in die USA aus, um der Einberufung zu entgehen. 1877: Berliner verkauft das Patent für ein verbessertes Telefon-Mikrofon für 75.000 Dollar an die Bell Telephone Company. Vier Jahre später gründet er die erste deutsche Telefonfabrik mit seinen Brüdern in Hannover. 1887 erhält er ein Patent für Grammofon und Schallplatte und sechs Jahre später gründet er die United States Gramophone Company, aus der später die Musikkonzerne RCA und EMI hervorgehen. 1897 ersetzt Schellack das Hartgummi als Rohstoff für Platten. 1907: Berliner organisiert die erste Milch-Konferenz der USA. Zwei Jahre später erfolgt der erste bemannte Flug des Helikopters; Berliner gründet daraufhin die Gyro Motor Company, die Motoren für die Luftfahrt herstellt. Am 3. August 1929 stirbt Berliner mit 78 Jahren in Washington D.C.

Technology Review: Herr Berliner, lassen Sie uns über Ihre Erfindung reden...

Emil Berliner: Gern, Sie kommen gerade richtig. Gestern ist ein Mitarbeiter von mir zum ersten Mal damit abgehoben.

TR: Abgehoben?

Berliner: Er hat sich ein paar Yard mit einem Motorgerät in die Lüfte erhoben, man nennt es Hubschrauber. Oder dachten Sie jetzt an das Mikrofon?

TR: Eigentlich dachte ich an die Schallplatte. Immerhin haben Sie damit die Grundlage für eine ganz neue Branche gelegt. Ist Ihnen das Mikrofon oder der Hubschrauber wichtiger?

Berliner: Ohne all diese Dinge wäre die Welt wahrscheinlich auch nicht schlechter. Darf ich Ihren Lesern einen Rat geben?

TR: Nur zu.

Berliner: Kochen Sie die Milch für Ihre Kinder ab! Und anschließend muss sie abgedeckt und kühl gelagert werden.

TR: Wie kommen Sie jetzt plötzlich auf Milch?

Berliner: Wussten Sie, dass selbst hier in den Vereinigten Staaten immer noch jedes dritte Kind an Krankheiten stirbt, die unter anderem von unsauberer Milch übertragen werden? Auch meine jüngste Tochter Alice starb daran. Seit Jahren predige ich deshalb landauf, landab: Kocht die Milch ab! Die meschuggene American Pediatric Society hat mich deshalb sogar angegriffen und behauptet, abgekochte Milch würde Skorbut und Rachitis verursachen. Aber langsam beginnen die Leute, auf mich zu hören.

TR: Sie widmen sich also kaum noch dem Schallplattengeschäft?

Berliner: Ach, die Schallplatte – sie hat mir viel Kummer bereitet und menschliche Enttäuschungen. Der Mammon ist mächtiger als die Musik. Mein ehemaliger Geschäftspartner hatte doch tatsächlich die Chuzpe, mich wegen angeblicher Rechtsverletzungen zu verklagen – und ist damit vor Gericht sogar durchgekommen. Plötzlich durfte ich meine eigenen Schallplatten und Grammofone nicht mehr in den USA verkaufen. Ich hatte mehr mit Anwälten und Kaufleuten zu tun als mit Künstlern.

TR: Die Künstler müssten aufSie doch auch schlecht zu sprechen sein. Statt ins Konzert zu gehen können Musikfreunde nun eine Aufnahme wieder und wieder zu Hause anhören.

Berliner: Aber eine einzige Schallplatte kann auch viel mehr Menschen erreichen als noch so viele Konzerte – und sie kann Musiker reich und berühmt machen.

TR: Zum Beispiel?

Berliner: Es gibt da diesen italienischen Tenor, den wir aufgenommen haben, als ihn noch kaum jemand kannte. Eigentlich wollte er uns zu viel Honorar haben: Hundert Pfund für zehn Arien – ich bitte Sie! Aber unser Manager Fred Gaisberg hat ihn einfach eigenmächtig ins Studio geholt. Fred hatte mal wieder den besseren Riecher, wie so oft – heute liegt die ganze Welt diesem Sänger zu Füßen. Ich weiß nicht, ob sein Name Ihren Zeitgenossen noch etwas sagt – er heißt Enrico Caruso.

TR: Oh ja, seine Aufnahmen haben heute einen astronomischen Sammlerwert.

Berliner: Sie sehen: Schallplatten können Menschen unsterblich machen. In einer Aufnahme von zwanzig Minuten lässt sich ihr ganzes Leben für die Nachwelt erhalten: je fünf Minuten Gebrabbel des Kindes, Jubel des Jungen, Reflexionen des Mannes und die letzten Worte des Greises auf dem Totenbett.

TR: In der Zukunft werden das nicht alle so positiv sehen. Der Philosoph Walter Benjamin wird beispielsweise schreiben, ein Kunstwerk verliere durch die technische Reproduzierbarkeit seine Aura.

Berliner: Eine Schallplatte wird niemals ein Konzert ersetzen, allein schon wegen des Klangs. Das brauchen Sie mir als alten Konzertgänger und Musiker nicht zu sagen.

TR: Sie musizieren auch selbst?

Berliner: Nun ja, sagen wir so: Ich bin Amateur, aber ein begeisterter – Bariton im Oratorien-Chor, Piano und Geige. Deshalb ärgert mich auch der scheußliche Raumklang in vielen Sälen, Kirchen und Synagogen. Also habe ich akustische Fliesen entwickelt – man klebt sie einfach an die Wand, und schon hört sich ein Raum an, als sei er komplett mit Holz vertäfelt.

TR: Sie haben mit 14 die Schule verlassen, viele Gelegenheitsjobs gemacht und sich Ihre Kenntnisse in Elektrotechnik nachts selbst angelesen. Trotzdem konnten Sie zwei der berühmtesten Erfinder Ihrer Zeit übertrumpfen – Sie haben Alexander Bells Mikrofon verbessert und Thomas Edisons Tonwalzen aus dem Markt gedrängt. Wie schafft ein Autodidakt so etwas?

Berliner: Die Frage ist doch eher: Warum sind andere nicht schon viel früher auf die gleichen Ideen gekommen? Als ich von Bells Telefon erfahren habe, war mir sofort klar, wo die Schwächen waren. Und beim Grammofon ist doch offenkundig: Nur einen flachen Tonträger kann man mit einer Presse beliebig oft vervielfältigen – einen Zylinder, wie ihn Edison verbreiten wollte, nicht.

TR: Ihre Platten pressen Sie sowohl in Amerika als auch in Europa. Fühlen Sie sich eher als Deutscher oder als Amerikaner?

Berliner: Ich bin froh, dass ich hier in Amerika leben darf. Dafür wollte ich mich mit meinem selbst komponierten Lied "The Columbian Anthem" bedanken. Es war zeitweise sogar als Nationalhymne der USA im Gespräch, was mich sehr stolz macht. Außerdem liebe ich amerikanische Musik, auch den Jazz. Meine eigenen Leute werfen mir schon vor, unser Repertoire sei viel zu amerikanisch für den Weltmarkt.

TR: Was sind Ihre nächsten Pläne?

Berliner: Um die Schallplatten sollen sich andere kümmern, das Geschäft ist mir mittlerweile zu anstrengend. Ich möchte gemeinsam mit meinem Sohn Henry den Hubschrauber richtig zum Fliegen bringen. Wir brauchen vor allem leichtere Motoren. Ich habe schon ein paar Ideen, aber über die möchte ich noch nicht sprechen. In meinem Leben habe ich schon genug Patentprozesse geführt.

TR: Vielen Dank für das Gespräch – und guten Flug! (grh)