IG-Metall-Vize: In "Industrie 4.0" darf nicht nur Technik dominieren
Die zunehmende Vernetzung der Industrie wird nach Dampfmaschine, Massenproduktion und Automatisierung als die vierte historische Revolution der Branche gefeiert. Das könnte die Arbeitswelt bereichern, aber auch Schattenseiten haben.
Die zunehmende Vernetzung der Industrie wird nach Dampfmaschine, Massenproduktion und Automatisierung als die vierte historische Revolution der Branche gefeiert. Doch die "Industrie 4.0" treibt nicht nur Änderungen in den Fabriken voran, sondern wird auch Teile der Arbeitswelt verändern. Stärker verzahnte Abteilungen und neue Schnittstellen verlangen den Fachkräften mehr übergreifendes Wissen ab. Das könnte die Arbeitswelt bereichern. Doch die Revolution könnte auch Schattenseiten haben, warnt IG-Metall-Vize Detlef Wetzel.
Was kann die "Industrie 4.0" der Arbeitswelt an Vorteilen bringen?
Wetzel: "Auch in der Produktionsarbeit können für die Beschäftigten wieder größere Handlungsspielräume und Kommunikationsmöglichkeiten entstehen. Es ist aber noch nicht ausgemacht, ob sich das so entwickelt. Wenn wir es schaffen, bessere Produkte mit besseren Prozessen zu verbinden und Arbeitsschritte fachlich anreichern, ist das gut für die Beschäftigten und fördert gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit."
Und was sind die erkennbaren Gefahren?
Wetzel: "Eine Gefahr sehe ich darin, zu sehr auf die Technik abzuheben und nicht die Arbeitsorganisation und damit die Menschen mit einzubeziehen. Wer an extremer Zergliederung von Arbeit festhält, wer Beschäftigte nicht systematisch qualifiziert, verschenkt Potenziale. Die Möglichkeiten der Produktionstechnologien erfordern eine innovations- und lernförderliche Arbeitsorganisation. Also, nach der vielfach festzustellenden Dequalifizierung von Produktionsarbeit brauchen wir jetzt einen Schub an Requalifizierung."
Was müsste die Politik anschieben, um im Sinne der Beschäftigten Leitplanken für den Wandel aufzustellen?
Wetzel: "Vor allem muss die Politik die Forschungsförderung so umstellen, dass neben den technischen auch die sozialen, ethischen und gesellschaftlichen Aspekte dieser Neuorientierung umfassend einbezogen werden. Welche konkreten Entwicklungen wird das auf Beschäftigung, auf Arbeitsgestaltung, auf Bildung und Qualifikation haben? Das müssen wir erforschen, nicht im Elfenbeinturm, sondern im engen Austausch mit den Betrieben und Betriebsräten, sowie der IG Metall. Und weil auf die Betriebsräte vieles zukommt, müssen wir auch deren Mitspracherechte stärken, genauso wie ihre Möglichkeiten, sich externen Sachverstandes zu bedienen."
Mehr Aktuelles von der Hannover Messe und zur Fabrik der Zukunft finden Sie in einem Special von Technology Review. (anw)