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Was war. Was wird.

Aus der Schlacht in die Knechtschaft, die den Mammon bringt, das kann man als Schilderung des heutigen Deutschland durchgehen lassen: Für Hal Faber geht das Sommermärchen 2008 weiter.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Das Sommermärchen ist zu Ende. Spanien spielte den besseren Fußball, hat Ferran Adrià und sowieso die schönere Fahne. Wer das Knechtschaftsschwarz von der 'Schlandfahne abriss, konnte mitfeiern. Dabei geht das Sommerspäßchen weiter. Wie ein echtes Meme ist Rot-Schwarz-Gold, geboren aus einer Kombination von technischem und menschlichem Versagen dabei, die Herzen der Menschen zu erobern. Vexillologisch ergibt das Späßchen sogar Sinn: Aus der Schlacht (rot) in die Knechtschaft (schwarz), die den Mammon (Gold) bringt, das kann man als Schilderung von Deutschland im Sommer 2008 durchgehen lassen, einem Land, das technische Versager liebt. Passend zu der gerade startenden Tour de France kann man den Lappen weiter benutzen und Alejandro Valverde aus Spanien bejubeln, den letzten großen Kunden des Blutarztes Fuentes. Wer will da noch die dopingfreien US-Jünglinge vom Garmin-Team anfeuern, die mit sauberen Navis antreten?

*** Die USA, vom Unabhängigkeitstag ganz ermattet, können den Geburtstag eines großen Journalisten begehen. Während diese kleine Wochenschau in der sengenden Hitze der Niedersachsengeti entsteht, bietet das Wiegendatum von Phineas Taylor Barnum reichlich Anlass zum Lobe des Journalismus als Beruf, in dem ein Rückgrat als schwere Behinderung gilt. Ja, Barnum war es gewesen, der in New York die angeblich 161 Jahre alte Nanny von George Washington ausstellte. Über die Ausstellung veröffentlichte er unter Pseudonym lange Artikel, in denen er den Betrug mit dieser Frau anklagte. Unter seinem eigenen Namen erschienen lange Artikel, in denen er die Echtheit der alten Frau verteidigte. Die inszenierte Presseschlacht tobte bis zum Tod des Ausstellungstücks und Barnum Tickets für die Autopsie verkaufen konnte – bei der der Betrug ans Licht kam. So lernen wir, dass Journalismus vor allem eine grandios inszenierte Show ist und wer das Gegenteil behauptet, hat wahrscheinlich zu viel Blödsinn über kämpferische Reporter gelesen. Was gelebte innere Pressefreiheit ist, hat P.T. Barnum gezeigt.

*** Wer das Rückgrat los ist, hat auch Schwierigkeiten mit der Identität. Sehr lobenswert ist daher der ministerielle Eifer, dem Volk einen neuen Personalausweis zu geben, der deutschen Identitäten vor allem einen Halt im bösen Internet gibt. Bei den Netzpolitikern kann man das Grobkonzept für einen elektronischen Personalausweis lesen. Wer das genau tut, findet nicht nur reichlich Hinweise darauf, dass der biometrische Fingerabdruck völlig überflüssig ist, obwohl ihn angeblich jeder Zweite in den Ausweis packen will, um seine volksdeutsche innige Verbundenheit mit seinem Ausweis zu bekunden. Im Grobkonzept findet man auch en passant die verblüffende Bemerkung, dass die "kontaktlose Multifunktionskarte des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr" ein erfolgreiches Referenzprojekt für den deutschen ID-Ausweis ist, jedenfalls in Hinblick auf den kontaktlosen Chip. Et hätt noch immer jot jejange bei den Jecken, jaja. Hier sollte man sich an die Diskussion besagter Multifunktionskarte erinnern, die ein Blogger hier aufgezeichnet hat: "Theoretisch wäre das Erlangen von Bewegungsbildern bei flächendeckenden Kartenkontrollen möglich", aber praktisch leben wir ja in Deutschland, da könnte ja jeder kommen und das haben wir nie so gemacht.

*** Beruhigt, dass bei einer Ausweiskontrolle im echten Leben nichts schief gehen kann, wenden wir uns dem virtuellen Leben zu, in dem der neue Ausweis eine wichtige Rolle spielen wird. Der digitale Identitätsnachweis kann vom Ausweis weg besonders Berechtigten zugestellt werden, wenn der Ausweisinhaber das mit Eingabe seiner PIN bestätigt. Wahrscheinlich wird diese Technik freudig von jenen zweiten Deutschen begrüßt, die sich über den biometrischen Fingerabdruck auf ihren Ausweisen freuen. Die andere Hälfte wird dem Verfahren misstrauen, weil auf dem neuen Ausweis eine Karten-Zugriffsnummer aufgedruckt wird. Angeblich wird sie für Sonderfälle benötigt, in denen man beweisen muss, tatsächlich im Besitz des Ausweises zu sein – das Spielchen kennt man von den Kartenprüfnummern der Kreditkarten. Dann aber heißt es in einer Auskunft der Ausweis-Fachleute: "Der hoheitliche Zugriff ist immer über die Kartenzugriffsnummer möglich." Ein Staatsschlüssel für unsere elektronischen Identitätsdaten, nein wie ist das doch praktisch beim Single-Sign-On, für den man doch den tollen neuen Ausweis benutzen sollt.

*** Zum höchstratlich abgenickten Bundestrojaner und seinen etwas schärfer zupackenden wie Türen eintretenden Bayerntrojaner bekommen die Ermittlungsbehörden ein hübsches Säckchen voller Zugangsschlüssel auf geschützte Bereiche im Internet. Stramm steht da das Volk vor seinem Bürgerportal. Lustig klirren die Fahnen dort, wenn sich alle Bürger pünktlichst einzufinden haben beim Abtransport in die totalüberwachte Gesellschaft. Die Letzten ihrer Art, die Uneinsichtigen und Vorvorvorgestrigen ohne Fingerabdruck und elektronischer ID (man darf den ID-Unsinn beim Ausweisantrag auskreuzen) werden bei P.T. Barnum 2.0 ausgestellt.

*** Die gelben Seiten der Hunnen sind nicht jedermanns Geschmack, doch einer hätte sie ohne Umschweife als Ausdruck dieser neuen digitalen Kultur verteidigt. Doch der größte deutsche Erotiker ist tot, der Mann, der die Aufklärung immer auch als ein erotisches Projekt verstand und als Fellow des Berliner Wissenschaftskollegs den Prostituierten von Berlin ein Denkmal gesetzt hat, schreibt nicht mehr. Keine neue "rumänische Reise" voller Sexperimente, lieber Nico Sombart, du oller Salonanarchist. Noch einflussreicher waren nur die Bücher der großen Simone Ortega, die 1080 Rezepte, ohne die niemand überleben kann, der gegen den Terrorfraß der Zeit ein Zeichen setzen will.

*** Der Tod der großen Kochphilosophin wird nur von einem Abschied überragt: Am Tag, als meine vorige Kolumne erschien, starb Don S. Davis, vielleicht nicht der allergrößte Schauspieler der Welt. Als Generalmajor George Hammond verkörperte er in Stargate die Vaterfigur zahlloser Geeks, die diese doofe Erde liebend gern verlassen hätten. Er spielte auch den Major Briggs in Twin Peaks, der angeblich am Project Blue Book mitgearbeitet hatte. Wird Bielefeld ihm ein Denkmal setzen oder wieder nur diese langsam langweiligen Big Brother Awards verleihen, während in der Stadt über Implantate als ethische Alternative zur elektronischen Fußfessel diskutiert wird?

*** So richtig gelöst hat es keiner, das erste Einstiegsrätsel in die Zeit der Sommerrätsel. Aber ein gewisser Lehnsherr von Bravenleut weiß offenbar, dass ich mich ständig wiederhole und hat eigentlich alle Hinweise gegeben, ohne jedoch den wahren Namen des Computersystems zu nennen. Golym war es, das 1972 olympische Rekorde brach und das eine Olympiade zur Entwicklung brauchte. Der unbekannte Adelige mit einem fast bekannten Namen vergaß nur, die 262.144 Zeichen Arbeitsspeicher zu nennen, mit denen damals gerechnet wurde. Mehrere hunderttausende Datensätze in einer frei indizierbaren Datenbank auf einem 7 MByte großen Plattenspeichersystem, das war ein echter olympischer Rekord. Soviel zur Technik, während in der Woche eine ganz andere Debatte ausgebrochen ist, die rätselhafte Fragen stellt.

Was wird.

Auf Wunsch eines Forumsteilnehmers gebe ich hiermit gerne bekannt, dass ZZ Top in der nächsten Woche nach Bonn kommen werden, auch wenn ich große Zweifel habe, dass gerade Assembler-Programmierer Fans dieser Band sind. Denn wenn man wirklich seinen Idolen nacheifert, dürften ZZ-Topler Schwierigkeiten mit der Tastatur haben. Ach was, gute Assembler-Programmierer brauchen nur einen Hammer, würde Obi Bahr jetzt sagen.

Aber es gibt nicht nur den hammerharten Sound, auch der große Tusch will zu seinem Recht kommen. Wenn Afghanistan schon eine Fahne nach deutschem Vorbild bekommen hat, muss auch die richtige Musike ran. Schließlich schicken wir bar jeder Kontrolle genug Kanonenfutter in die Gegend. Wenn es eine Nummer großdeutscher und prächtiger sein soll, darf der Hinweis auf Bayreuth nicht fehlen. Mit 10.000 kostenpflichtigen Videostreams und einer Übertragung auf der Fanmeile am Festplatz sollen die Meistersinger das junge Publikum ordentlich aufmischen, damit es sich in 20, 30 Jahren noch daran erinnert und einen auf große Kultur macht. Jaja, die Meistersinger, das war die Oper, mit der die Operette von der echt deutschen Sommerzeit begann. Wir drücken die Daumen und hoffen, dass niemand auf die Idee kommt und mit einem T-Shirt aufkreuzt, auf dem ein Foto der nazifizierten Meistersinger-Aufführung zu sehen ist, wie weiland auf der Einladung, die eine gewisse Web 2.0 Klitsche namens StudiVZ aus dem Völkischen Beobachter zusammensetzte. (Hal Faber) / (anw)