Anreise gestern. Stop.

Der Fortschritt macht alles immer schneller? Das Beispiel Telegramm zeigt, dass es auch anders laufen kann.

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Der Fortschritt macht alles immer schneller? Das Beispiel Telegramm zeigt, dass es auch anders laufen kann.

Neulich, bei einem guten Glas Wein, fragt mein Kumpel ganz unvermittelt: Sag‘ mal, gibt es eigentlich noch Telegramme? Damals, als der Onkel das Zeitliche segnete, sei der Telegrammbote gekommen. Und noch am selben Tag sei man angereist, um den Trauernden unter die Arme zu greifen.

Damals - in den siebziger Jahren. Für die Computer-Teenager von heute ist das gefühltes Mittelalter. Damals, wie gesagt, wurde so ein Telegramm im Inland innerhalb von zwei Stunden zugestellt.

Es gibt ein Theorem in der Kommunikationssoziologie, nach dem alte Medien nie vollständig durch neue Medien abgelöst werden, sondern immer nur ergänzt werden. Tatsächlich gibt es immer noch Telegramme. Na ja, sagen wir mal, es gibt noch die leere Hülle davon. Auf www.deutschepost.de kann man die online aufgeben.Man muss also nicht mehr zum Schalter, und sich anstellen. Oder anrufen, und dem schwerhörigen Telegraphisten alles ins Ohr brüllen.

Der technische Fortschritt hat die Nachrichtenübermittlung aber drastisch langsamer gemacht: „Die Zustellung der Telegramme, die innerhalb der Annahmezeiten aufgegeben werden, erfolgt grundsätzlich immer erst am folgenden Werktag an den Empfänger persönlich“, heißt es in der FAQ. „Ist der Folgetag ein Sonn- oder Feiertag, ist eine Zustellung gegen einen Aufpreis von 10,50 Euro (inkl. gesetzlicher Umsatzsteuer) möglich.“

Und ins Ausland geht gleich gar nichts. Da muss man auf telegrammservice.eu zurückgreifen. Die Website des Unternehmens sieht aus, wie in den frühen Neunziger Jahren programmiert. Dafür sind die Zahlungsmodalitäten und der Preis genau geregelt. Wenn ein Wort mehr als 11 Zeichen hat, zählt es wie zwei Worte. Ich frage mich, wie die reagieren, wenn man mit SMS-Kürzeln anfängt.

Wann das Telegramm ankommt, verraten die Betreiber aber leider auch nicht. „Mit der Übergabe an das internationale Netz endet die Sorgfaltspflicht des Telegrammservices, so ist es nicht möglich Garantien für die Art und Weise der Zustellung in den jeweiligen Empfängerländern zu geben, da die Zustellung landesspezifisch gehandhabt wird und nicht mehr dem Einfluß des Telegrammservices unterliegt“, heißt es in der AGB. Vielleicht hatte meine Oma doch Recht. „Immer was Neues“, hat sie oft gesagt. „Und nie was Gescheites“.

(wst)