Mehr Monotasking wagen

Während eines Vortrags ständig an seinen Gadgets herumzufingern ist eine grobe Unhöflichkeit gegenüber dem Referenten.

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Während eines Vortrags ständig an seinen Gadgets herumzufingern ist eine grobe Unhöflichkeit gegenüber dem Referenten.

Wer in der digitalen Welt zurechtkommen will, heißt es oft, müsse Multitasking beherrschen. Ich behaupte: Im Gegenteil, Monotasking ist viel wichtiger. Auf der re:publica haben einige Leute während eines dreiviertelstündigen Vortrags ungefähr 44 Minuten und 60 Sekunden lang ihre iPhones befingert. Soll mir doch niemand erzählen, er könne gleichzeitig zuhören und lesen. „Sobald zwei Dinge gleichzeitig gemacht werden, leidet die Qualität“, sagte etwa der Psychologe Mark Vollrath in einem TR-Interview. „Jüngere machen zwar häufiger mehrere Dinge gleichzeitig, können es aber auch nicht besser als ältere. Es gibt genügend Unfälle junger Fahrer, die dachten, sie könnten beim Autofahren SMS schreiben – ein gefährlicher Irrtum.“

Auf Vorträgen herrscht diese Gefahr zwar nicht, und einige Beiträge hatten durchaus ihre Längen. Der geistige Verlust, bestimmte Passagen nicht mitzubekommen, hielt sich entsprechend in Grenzen. Umgekehrt gilt aber auch: Was auch immer die Leute die ganze Zeit mitzuteilen oder nachzuschlagen hatten – wäre die Welt wirklich ärmer, wenn sie das in der Pause tun würden? Entweder hört man sich einen Vortrag an, oder man lässt es bleiben. Sich permanent über sein Gadget zu beugen ist eine grobe Unhöflichkeit gegenüber dem Referenten.

Zugegeben: Ich selbst bin ebenfalls kein Großmeister des Monotasking. Im Kino fand ich Filme von Aki Kaurismäki immer toll. Aber ob ich sie heute noch ansehen könnte, ohne nebenbei per StreetView durch Helsinki zu spazieren? Ich glaube kaum. Filme unterhalb einer bestimmten Schnittfrequenz ertrage ich einfach nicht mehr. Dies ist vermutlich eine Folge meiner Angewohnheit, ständig zwischen fünf Browserfenstern hin- und herzuwechseln.

Wie soll das erst mit den Google Glasses werden? Deren Träger müssen doch irgendwann zu wandelnden Aufmerksamkeitsstörungen mutieren. Ich sehe diese Multitasking-Zombies schon mit starren Blicken und unsicheren Schritten durch die Straßen wanken, ständig von inneren Dialogen durchhallt wie: „Linkes Auge an rechtes Auge – ich sehe was, was Du nicht siehst.“

Wir sollten uns den Luxus des Monotaskings gönnen, solange wir noch können. Vorträge wären ein guter Anfang. Und wenn das klappt, stecken wir auch auf Konzerten die Fotohandys weg und hören einfach mal Musik. (grh)