Was war. Was wird.
Es ist Sommer in der norddeutschen Tiefebene. Radsportkünstler Hal Faber vertreibt sich die Zeit bis zur Eröffnung der Embedded Olympics mit Einbürgerungstests und ein bisschen Heimatkunde. Alles ist schön, wäre nur dieser bittere Geschmack nicht.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Einen bitteren Geschmack kennt man aus der schönen Literatur, wenn eine große Liebe zu Ende geht oder aus dem Restaurant, wenn der Koch das Steak mit Ohrenschmalz gebraten hat. Eine neue Variante kennen seit dieser Woche die Bewohner der norddeutschen Tiefebene, dem schönsten deutschen Landstrich mit der bezaubernden Stadt Hannover innen drinne. Im niedersächsischen Ergänzungsfragebogen zur staatsbürgerlichen Eingliederungsvereinbarung der Menschen wird nach dem Ammerland, dem Rhein-Sieg-Kreis, Nordfriesland und dem Vogtlandkreis gefragt, nicht nach dem ganzen großen Epizentrum, in dem das Herz von't Ackerbo en Veehtucht slagt und diese kleine Wochenschau entsteht. Sage dabei niemand etwas gegen die Ammerländer, aufrechte Menschen der Tiefebene, die ihre Hände in Korn waschen, wo andere dat nur'n Onschuld tun.
*** Merkwürdig ist es um Nordfriesland bestellt. Ob Baden-Württemberg, ob Nordrhein-Westfalen, Thüringen oder eben Bayern, überall ist der Kreis, in dem man Sønderysk, Petuhtantendeutsch und Friesisch schnackt, eine Einwanderungstestfrage. Hier, wo die dänisch-deutsche Freundschaft Slogans wie "fisch verliebt" produziert, scheint das geheime Herz von Deutschland zu schlagen. Bei ausses Licht Leuts fragn, wiescha inne komm, is voll Sünde, eh? Neben Nordfriesland müssen Bewerbungsbürger in Bayern mit dem Rhein-Sieg-Kreis, Prignitz und Altötting rechnen, wenn sie den Chris Kaman-Gedächtnispreis gewinnen wollen, sonst heißt es Kick it like Beckstein. Alles andere sind nämlich schlimme Holzwege, auf denen man sich sonstwas holen kann.
*** Der bittere Geschmack ändert sich auch dann nicht, wenn im Hauptteil die Eingliederbürgerermittler in Frage 26 nach unserer kapitalistisch-sozialen Monarchie fragen. Die korrekten Antworten lassen wir hier einmal weg, es muss der Hinweis genügen, dass in der Bucht zum Stichwort Monarchie einiges gehandelt wird, während Angebote unter Demokratie schlicht nicht laufen. Dabei ist die gekaufte Demokratie bei uns der Standard, um es mit Günter Wallraff zu sagen: Schröder, Clement und Schily haben nicht nur die SPD ruiniert, sondern mit ihren Beatifikationen bei verschiedenen Firmen auch das Ansehen der Politiker. Dass sich alle nunmehr "nüchtern-abwägend" zur Atomkraft äußern, das macht das Milieu. Zum Mitschunkeln, Kinners zum Sommer: Denn wie man sich bettet, so liegt man, es deckt einen gar keiner zu.
*** Doch warum griesgrämig sein? Der Sommer ist da, die EPO-leptiker radeln wieder über die Hügel Frankreichs, dass es eine einzige intravenös vermittelte Freude ist. Als eingeschworener Fan der Radsportkunst, der diese kleine Wochenschau natürlich radelnd zum Parkplatz mit der schwarzen Stretch-Limousine bringt, von der aus der Newsticker gefüttert wird, läuft ein Liveticker auf meinem Thinkpad. An den magischen Mont Ventoux hat sich ein Viehtreiber wie Sloterdijk versucht und sich dabei an die Christen erinnert, die einstmals bei Brot & Spielen das Brot spielen durften: "Auch deswegen erinnert die Situation der Anti-Doping-Partei an die der Christen in der römischen Arena. Sie werden zwar weiterhin zum Vergnügen des Publikums von den Löwen gefressen, aber aus dem Maul des besten Löwen hängt schon ein Arm mit erhobenem Zeigefinger heraus – mit einer unangenehmen Botschaft: Wenn ihr so etwas sehen wollt, dann seid ihr moralisch am Ende!"
*** Sommer ist's in den Städten, und wenn da noch ein fast vernaschter Christenarm irgendwo aus einem Kofferraum schlenkert, dann hält er wohl die Hand nach dem Arbeitslosengeld II auf. Das freilich nur, weil deutsche Eingliederungsvereinbarer der fleißig Datenlisten verlierenden Bundesanstalt für Arbeit viel strenger mit den erlaubten Ortsabwesenheitsmeldungen umgehen, wie Urlaub bei Hartz IV-Empfängern heißt. Wir sind moralisch längst am Ende und müssen es nur noch vom Data Warehouse gemeldet bekommen, aber wer diese Agenda der Entsolidarisierung für ein erfolgreiches Arbeitsmarktprogramm hält, für den ist auch der Atomstrom eine saubere Sache. Aber es ist ja Sommer und wir bleiben für immer jung, ganz am Ende. Es ist ja alles easy, wenn man genug Kinder hat.
*** Ratzfatz rockig klingt der Sommer, wie bei Hitachi, wo der Einstieg in die Tera-Ära gefeiert wird, komplett mit hottenden Blumen und kurzen Röckchen. Immer jung und immer weiter tanzen kann man im Sommer, wenn man nicht gerade ein verspießter Direktor einer obsoleten Landesmedienanstalt ist und im Namen der ominösen Kinderpornografie das Internet wie in China zensieren will. Kinderpornografie, da war doch was? Als diese unsere Republik noch jung war und frei atmen lernte, gab es Zeig mal!, ein wunderbares Buch über Kindersexualität, herausgegeben von der evangelischen Kirche. Heute wird es als Kinderpornografie gehandelt. Das Vorwort zu Zeig mal! schrieb Helmut Kentler, Hannoveraner Professor für Sozialpädagogik, der den Spielcharakter der kindlichen Sexualität verteidigte. Später musste Kentler als Gutachter die Schrift "Sexualinformation für Jugendliche" verteidigen, mit der in der SPD verdruckste Jugendliche aufgeklärt wurden, noch später gab es Hetzkampagnen von Zeit bis Emma gegen ihn, als er den Magnus Hirschfeld Preis bekommen sollte. Am 9. Juli ist der große Hannoveraner im Alter von 80 Jahren gestorben. Zu seinen Ehren darf Respect! von Otis Redding nicht fehlen, natürlich in der Version von Tina Turner aus dem alten Beat Club.
*** Wer Respekt für Kinder hat, wird ernsthaft auf ihre Fragen eingehen, auch denen zur Sexualität der Menschen oder solchen zur Ausspähung der Menschen in ihrem Privatleben. Wer in dieser Woche verfolgen konnte, welch einen Unsinn ein Innenminister Kinderreportern erzählt, wird sich über deutsche Politiker keine Illusionen mehr machen. Die Langfassung des Märchens vom braven Mädchen und den bösen Buben ist auch nicht viel besser, komplett mit dem Hinweis, dass US-Geheimdienste die bösen Buben der "Sauerländer Terror-Zelle" enttarnten. Womit wir wieder beim Thema sind. Denn sowohl die Gewerkschaftszugehörigkeit, als auch Daten zum Sexualleben und Informationen zur Rasse oder ethnischen Herkunft einer Person können in Ausnahmefällen von Relevanz für die Bekämpfung des internationalen Terrorismus sein, meint unsere Regierung. Wenn ausgerechnet eine Tochterfirma des führende deutsche Spitzelkonzerns gegen einen Telefonkartenverkäufer mit dem Argument vorgeht, er fördere die Vorbereitung terroristischer Handlungen, dann ist das bei so viel Terror eigentlich einen Telefon-Tyrannen wert.
Was wird.
Doch, hey, es ist Sommer und die flotten ct-Girls tanzen und stimmen uns auf die tollen olympischen Spiele ein, die wir gespannt verfolgen werden. Die eingebetteten Blogger sind schon da, die eingebetteten Journalisten sowieso und alle sind gut drauf. Nehmen wir nur Atos Origin, die das Sicherheitsystem für die olympischen Sommerspiele entwickelt haben und sich nun zusammen mit Sagem Sécurité freuen können, mit dieser Erfahrung die Fingerabdrucksysteme für die französischen biometrischen Pässe liefern zu dürfen. Die Klagen über die Berichterstattung wirken da nur kleinlich und verbittert. Wo bleibt die Großzügigkeit einer Firma wie Microsoft? Die Firma steckt als offizieller Ausrüster der olympischen Spiele viele Millionen in ein chinesisches Forschungszentrum und freut sich trotzdem, dass ihr ältliches Windows XP das offizielle Betriebssystem wird. Hätte ja auch schlimmer kommen können, mit Windows for Workgroups. Freuen wir uns also auf tolle Wettbewerbe, in denen rotbehoste Hammerwerferinnen die Bildschirme von Big Brother zerschmettern, auf schöne Männer beim iPhone 3G-Weitwurf und auf den Beginn des Sommerrätsels. (Hal Faber) / (vbr)