Vitamingabe kann Gendefizite ausgleichen

Forscher bringen Folsäuremangel und bestimmte Enzymvariationen in Verbindung.

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Forscher haben neue genetische Variationen entdeckt, die ein bestimmtes Enzym beeinträchtigen, dessen Fehlfunktion zu Herzkrankheiten oder Geburtsfehlern führen kann. Das Spannende daran: Nehmen Betroffene bestimmte Vitamine ein, können sie den Effekt umkehren. Die Entdeckung könnte ein wichtiger Schritt für das aufstrebende Forschungsfeld der so genannten Nutrigenomik sein, die untersucht, wie unsere Ernährung und unsere Gene miteinander in Verbindung stehen. Wissenschaftler hoffen, dass Erkenntnisse aus der Nutrigenomik eines Tages dazu führen, dass Menschen mit genetisch bedingten Leiden über einen speziell angepassten Vitamin- und Mineraliencocktail geholfen werden kann, berichtet das Technologiemagazin Technology Review in seiner Online-Ausgabe.

Die vom US-Landwirtschaftsministerium empfohlenen Vitaminmengen basierten auf Studien, die vor 60 Jahren durchgeführt wurden und gingen von der Annahme aus, dass jeder Mensch biochemisch gleich sei, kritisiert Nick Marini, Biologe an der University of California in Berkeley, der die aktuelle Untersuchung zusammen mit dem Berkeley-Biologen Jasper Rine durchführte. "Wir glauben außerdem, dass Menschen sich eher an ihre Medikation halten, wenn sie wissen, dass sie persönlich von diesem oder jenem Vitamin profitieren können."

Das menschliche Genom erzeugt rund 600 Enzyme, die mit Vitaminen oder Mineralien interagieren, um den Körper gesund zu erhalten. Forscher wissen seit Jahren, dass einige seltene und schwere Stoffwechselkrankheiten durch genetisch bedingte Enzymfehlfunktionen verursacht werden, die sich durch die Gabe von Vitaminen behandeln lassen. Doch Untersuchungen, die solche genetischen Variationen mit subtileren Gesundheitsproblemen in Verbindung bringen, die größere Bevölkerungsteile betreffen, stehen erst am Anfang.

In der Pilotstudie der Berkeley-Forscher, die im Juni publiziert wurde, konzentrierten sich die Wissenschaftler auf ein Enzym namens MTHFR, das Folsäure (auch Vitamin B9 genannt) von einer Form in eine andere umwandelt. Folsäure spielt bei der menschlichen Gesunderhaltung eine vielfältige Rolle – Fehlfunktionen werden hier mit Frühgeburten und Geburtsfehlern in Verbindung gebracht, haben aber auch Einfluss auf Herzkreislaufprobleme, Herzinfarkte und kolorektalen Tumore. Die US-Gesundheitsaufsicht FDA hat deshalb 1993 beschlossen, dass das Vitamin unter anderem Cerealien beigemischt werden muss.

Marini und seine Kollegen sequenzierten das MTHFR-Gen bei 564 Personen verschiedener ethnischer Herkunft und fanden schließlich vier neue Variationen, die die Enzymfunktion einschränken können. Dann nahmen die Forscher Messungen vor, um zu ermitteln, wie effizient unterschiedliche Formen des Enzyms ihr molekulares Produkt herstellen können.

Die menschliche Gensequenz wurde dazu Hefezellen beigegeben. Ihre Wachstumsrate hing anschließend von der Funktionsweise des Enzyms ab: Je besser es arbeitete, desto stärker vermehrten sich die Hefezellen. Drei der Sequenzen gaben ein schlechtes Bild ab: Die Hefezellen wuchsen bei gleicher beschränkter Folsäuremenge langsamer als die Kontrollgruppe. Das Wachstum kehrte aber wieder auf ein Normalmaß zurück, wenn man der Hefe mehr Folsäure gab. Das legt nahe, dass höhere Folsäuremengen Menschen mit genetisch bedingten Problemen in diesem Bereich helfen könnten.

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(bsc)