Nicht wirklich

Die Fotobranche steht vor einem Umbruch. Während Normalnutzer von der Kompaktkamera aufs Smartphone umsteigen, verzichten einige Profis bereits ganz auf einen Fotoapparat: Sie erzeugen ihre Bilder digital.

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Die Fotobranche steht vor einem Umbruch. Während Normalnutzer von der Kompaktkamera aufs Smartphone umsteigen, verzichten einige Profis bereits ganz auf einen Fotoapparat: Sie erzeugen ihre Bilder digital.

Der Gegner soll kein leichtes Spiel mit den Fußballern des FC Rhenania haben – das strahlen schon die Spielerfotos aus: Kontrastreich, mit zurückgenommener Farbigkeit zeigen sie kernige Typen mit entschlossenem Gesichtsausdruck. Hier stand offenbar ein Profi hinter der Kamera. Doch wie kann sich ein Verein, der in einer Kölner Hobby-Liga spielt, das leisten?

Die Antwort gibt der Fotograf Joachim Rieger auf einem Vortrag während der Photokina. "Hoffentlich klingelt meine Kamera jetzt nicht", witzelt er, als er sein Arbeitsgerät aus der Tasche zieht: ein gewöhnliches iPhone 4S. "Damit kann ich ganz neue Kundenkreise bedienen", sagt der Profi – zum Beispiel Hobby-Kicker, die er zu einem Bruchteil der üblichen Kosten porträtierte. Auch andere Berufsfotografen greifen mittlerweile zum Smartphone. Pulitzer-Preisträger Damon Winter etwa fotografierte damit Soldaten in Afghanistan. Selbst die renommierte National Geographic Society, ein Hort gediegener Fotokunst, hat einen Bildband mit dem Titel "iPhone-Fotografie" herausgebracht.

Wird das Smartphone also konventionelle Kameras verdrängen – so wie zuvor bereits die MP3-Player? Über diese Frage streiten Fotofreunde erbittert: "Es gibt KEINE gute Handykamera! Das ist doch Irreführung!", erregt sich etwa der Nutzer "reinbau" im Forum von Heise Foto. "Eines geht auf jeden Fall verloren: die Kunst der Fotografie", pflichtet ihm ein anderer User bei.

Die Smartphone-Befürworter sehen das entspannter. Sie schätzen an der Immer-dabei-Kamera, dass sie so unauffällig und diskret ist. "Mit einer Spiegelreflex ist sofort eine gewisse Distanz da", sagt Joachim Rieger. "Ein Smartphone schüchtert mein Gegenüber viel weniger ein." Noch wichtiger ist ihm aber ein weiterer Vorzug von Smartphones: Sowohl Android- als auch Apple-Geräte lassen sich mit einer kaum noch zu überschauenden Anzahl an Apps aufwerten. Die kleinen Zusatzprogramme laden Fotos automatisch in soziale Netzwerke hoch, versehen Urlaubsbilder mit Kommentaren, verschönern oder verunstalten Porträts oder bedienen schlicht den Spieltrieb der Nutzer.

Die Lieblings-App von Joachim Rieger und Damon Winter heißt "Hipstamatic". Sie erzeugt mit wenigen Fingertipps eine einheitliche Bildsprache – zum Beispiel einen nostalgischen Look mit pastelligen Farben im Quadratformat. "Ich bekomme sofort ein fix und fertiges Ergebnis, ohne nachher noch an den Rechner zu müssen", sagt Rieger. Entsprechend schnell und preiswert kann er arbeiten: In der einen Hand das iPhone, das in einem Griff aus dem Zubehörhandel steckt, in der anderen eine flache 55-Watt-Leuchte, mehr brauchte er nicht für die Fotosession beim FC Rhenania.

Seine kiloschwere Spiegelreflex-Ausrüstung will Rieger deshalb aber nicht ausmustern: "Fotografieren aus der Hand oder mit der Kamera am Auge ist etwas völlig Verschiedenes." Zudem hätten die Smartphones auch gravierende Nachteile – etwa dass ihre Akkus beim exzessiven Fotografieren schnell in die Knie gehen und sich dann nicht einmal austauschen lassen. Rieger hat sich deshalb zur Sicherheit noch ein zweites iPhone angeschafft.

Die meisten Gelegenheitsknipser dürften sich allerdings tatsächlich die Frage stellen, wozu sie noch eine separate Kamera brauchen, wo doch das Handy auch schon recht passable Bilder liefert. Einer Umfrage der US-amerikanischen Consumer Elec-tronics Association zufolge fotografieren bereits 18 Prozent der tausend befragten Erwachsenen hauptsächlich mit dem Smartphone – dreimal so viele wie noch vor zwei Jahren. Und die Handyhersteller greifen Canon & Co immer aggressiver an: Nokia hat beispielsweise einen Bildchip von sagenhaften 41 Megapixeln in sein Modell "808 PureView" eingebaut.

Den etablierten Kameraherstellern bricht dadurch vor allem das Einstiegssegment weg. "Kompaktkameras ohne Wechselobjektiv haben weltweit unter den Einflüssen der Mobiltelefone gelitten", meldete die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im September. Nach ihren Zahlen sind die Verkäufe in der Preisklasse unter 150 Euro im ersten Halbjahr 2012 um 16 Prozent zurückgegangen.

Die meisten Kamerakonzerne suchen ihr Heil deshalb in höheren Preislagen. Lieferten sie sich früher ein Rennen darum, möglichst viele Megapixel für möglichst wenig Geld in ein Plastikgehäuse zu quetschen, setzen sie inzwischen wieder mehr auf Qualität. Kompaktkameras wie die Fuji FinePix X100 kommen nun mit edlem Nostalgie-Look und hochwertigem Bildchip daher – mitunter zu Preisen, für die man auch schon eine Spiegelreflexkamera bekäme. Tatsächlich scheinen die Hersteller mit dieser Strategie einen gewissen Erfolg zu haben: Der Durchschnittspreis von Digitalkameras ist laut GfK im letzten Jahr um acht Prozent gestiegen, sodass der Umsatz trotz sinkender Verkaufszahlen stabil geblieben ist.

Ob die etablierten Hersteller es tatsächlich schaffen, aus der Kamera wieder ein bestaunens- und begehrenswertes Gut zu machen, ist allerdings fraglich – schließlich unterliegen auch Fotoapparate dem schnellen Preisverfall aller Elektronikprodukte. Die GfK ist dennoch optimistisch – nicht trotz, sondern gerade wegen der Smartphones: "Die Mobiltelefone sind nicht nur als Ersatzprodukt beziehungsweise Konkurrenz zur Kamera zu sehen, sie fördern vielmehr das Interesse an der Fotografie und ermöglichen so den Zugang zu einer erweiterten Konsumentenschicht."