Wieso, weshalb, warum?
Warum ist der Himmel blau, warum brennt die Kerze? Weil niemand ihren wissbegierigen Kindern Antworten geben konnte, nahmen Heike Schettler und Sonja Stuchtey die Sache selbst in die Hand – und gründeten ein einzigartiges bundesweites Netzwerk.
Warum ist der Himmel blau, warum brennt die Kerze? Weil niemand ihren wissbegierigen Kindern Antworten geben konnte, nahmen Heike Schettler und Sonja Stuchtey die Sache selbst in die Hand – und gründeten ein einzigartiges bundesweites Netzwerk.
Dass Sonja Stuchtey gut mit Kindern umgehen kann, nimmt man ihr sofort ab: Sie lacht gern und hält ständig Blickkontakt. Dass die sechsfache Mutter gleichzeitig noch eine Firma und einen gemeinnützigen Verein leitet, mit Investoren spricht, Spenden einwirbt, Konzepte entwickelt, Bedenkenträger überzeugt, Wissenschaftler einbindet, Vorträge hält, Mitarbeiter schult, Interviews gibt – das zu glauben fällt schwerer, denn dazu wirkt die 41-Jährige viel zu entspannt und fröhlich.
Vor elf Jahren gründete sie in Starnberg die Science-Lab GmbH – und füllte damit eine große Lücke im Bildungssystem: Sie vermittelt Kindern zwischen vier und zehn Jahren Spaß an Naturwissenschaft und Technik. Seit Jahren klagen Firmen und Verbände, dass ihnen der Nachschub an Ingenieuren ausgeht. Eine Initiative wie Science-Lab kommt da gerade recht. Doch es war nicht die Frage "Woher soll die Wirtschaft künftig ihre Fachkräfte nehmen?", die Sonja Stuchtey im Frühjahr 2002 dazu bewegte, ihre gerade erst gegründete Unternehmensberatung aufzugeben. Es waren viel grundlegendere Fragen: "Warum ist der Himmel blau?" oder "Warum brennt die Kerze?". Gestellt hatten sie ihre Kinder.
Der Nachwuchs ihrer Bekannten Heike Schettler war ähnlich wissbegierig. Also trafen sich die beiden Mütter, um gemeinsam mit ihren Töchtern und Söhnen ein wenig herumzuexperimentieren, mit Luft, Wasser oder Backpulver. Die Nachbarn erfuhren davon, brachten ihre eigenen Kinder mit und waren begeistert. Zwei, drei Wochen später hatte sich das bis nach Frankfurt und Berlin herumgesprochen. Befreundete Eltern riefen an und fragten, ob es in ihrer Stadt denn auch so etwas gebe. Schnell ist Stuchtey und Schettler klar: Hier existiert ein riesiger Bedarf, den niemand befriedigt. "Wir haben uns tief in die Augen geschaut und uns gefragt: Sollen wir das machen?", erinnert sich Stuchtey. Sie waren sich schnell einig: "Wenn ja, dann richtig."
Also gründeten sie eine gemeinsame Firma und hängten ein halbes Jahr später ihre alten Jobs an den Nagel. Stuchtey bringt dabei die kaufmännische Kompetenz ins Team ein. Sie hat Unternehmensführung an der WHU Koblenz studiert und war drei Jahre lang als Management-Consultant für Booz Allen Hamilton weltweit unterwegs, bis sie sich 1999 als Beraterin selbstständig machte. Heike Schettler, die Frau fürs Fachliche, ist promovierte Chemikerin, zweifache Mutter und hat unter anderem bereits für das Max-Planck-Institut für Festkörperforschung, für BMW und für Kabel New Media gearbeitet.
Die beiden bringen also reichlich Berufserfahrung mit, doch was Didaktik betrifft, sind sie absolute Neulinge. Aber sie haben aus ihren eigenen improvisierten Kursen schon viel gelernt – zum Beispiel, welche Fragen Kinder in welchem Alter stellen. Auf dieser Grundlage arbeiteten sie ein Konzept aus. Dessen zentraler Gedanke ist, Kindern keine vorgefertigten Antworten zu geben. Stattdessen sollen sie die Lösung selbst herausfinden. Indem sie beispielsweise den Strom einer Batterie durch verschiedene Materialien leiten, lernen sie, welche leitfähig sind und welche nicht. Filterpapier, Tennisbälle, Einmachgläser, Stofftiere, Luftballons, Kerzen, dazu noch ein abwaschbarer Tisch und acht Papphocker – viel mehr Ausstattung braucht ein Science-Lab-Kurs nicht.
Um ihr didaktisches Konzept ans Kind zu bringen, werben die Gründerinnen deutschlandweit Kursleiterinnen an, bilden sie aus und unterziehen sie einer Lehrprobe. Meist sind dies Frauen mit naturwissenschaftlichem Werdegang, die nach der Elternzeit wieder eine Beschäftigung suchen. Zunächst organisierten die beiden ihre Firma nach dem Franchise-Prinzip. Kursleiterinnen können auf eigene Rechnung Nachmittagsveranstaltungen anbieten und zahlen dafür eine gewisse Gebühr an Science-Lab. Doch unter zehn Euro für jedes Kind und jede Stunde war das Angebot nicht möglich. Damit kamen sie nur für Besserverdienende infrage – trotzdem erlösten die meisten der 70 Kursleiter zu wenig, um die Gebühren zahlen zu können. Wer sich daran wagte, waren – meist hochqualifizierte – Überzeugungstäterinnen wie Stuchtey und Schettler. Im vergangenen Jahr hat Science-Lab ihr Franchise-System daher wieder abgeschafft.
Stattdessen verlegten sich Schettler und Stuchtey stärker darauf, Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer zu schulen. Inzwischen bestehen nur noch rund 20 Prozent der Science-Lab-Aktivitäten aus Kursen, die durch Teilnahmegebühren getragen werden. 40 Prozent machen Projekttage, Projektwochen oder regelmäßige Arbeitsgemeinschaften an Schulen und Kindergärten aus, weitere 40 Prozent bestehen in Fortbildungen für Pädagogen, jeweils durchgeführt von den Science-Lab-Kursleitern. Damit verbunden war ein administrativer Kraftakt: Um als Weiterbildungsträger arbeiten zu können, mussten sie sich in jedem einzelnen Bundesland zertifizieren lassen. Daneben begleitet sie ein weiteres Problem: "Gerade im frühkindlichen Bereich gibt es extrem wenig Mittel für Fortbildungen", sagt Stuchtey. Also müssen sie immer wieder in der Wirtschaft nach Sponsoren suchen.
Bei ihrer Argumentation gegenüber potenziellen Geldgebern dringt die berufliche Vergangenheit der beiden deutlich durch: "Wo uns unsere Erfahrung definitiv geholfen hat, ist bei der Qualitätssicherung", sagt Schettler. "Erst braucht man ein gutes Produkt, dann kann man damit auf den Markt gehen." Deshalb werden Kursteilnehmer regelmäßig befragt und Kursleiter geschult. Auch Stuchtey kann virtuos zwischen Kinder- und Managerlogik hin und her schalten: "Normalerweise wird in der Industrie viel in die Entwicklung und in Prototypen investiert, bevor es in Serie geht", sagt sie. "In der Bildung ist es umgekehrt." Soll heißen: Die Wirtschaft gibt viel dafür aus, um Schulabgänger in Vorbereitungskursen "ausbildungsfähig" zu machen. Dabei wäre das Geld bei der frühkindlichen Bildung viel besser angelegt, weil die Weichen für ein naturwissenschaftliches Interesse meist schon in Kindergarten- und Grundschulalter gestellt werden.
Mehr als 150 Aktivitäten umfasst der Jahresbericht 2012 – von Kursen mit Kindern bis hin zu Weiterbildungsmaßnahmen für Pädagogen. Das Geld dazu stammt fast vollständig von Spendern und Sponsoren. Viele Firmen, die sich bei der Nachwuchsförderung engagieren, haben laut Stuchtey erkannt, welch ein Aufwand dahinterstecke. "Bei uns", sagt Stuchtey, "bekommen sie ein Rundum-sorglos-Paket."
Die Sponsorensuche bedeutet viele Reisen und Trennungen von der Familie. Geld für die Gründerinnen selbst bleibt dabei kaum übrig. "Wir leben auf Stipendium unserer Ehegatten", sagt Stuchtey. Und woher nimmt sie diese Energie? Stuchtey lacht. "Gute Frage. Natürlich gibt es oft Zeiten, wo ich gern mehr Zeit für meine Familie oder mich hätte", gibt sie zu. "Ich habe aber auch immer viel zurückbekommen." Und sie erzählt von einem Kurs in einem Münchener Problemviertel: "Gerade Kinder, die die Gesellschaft schon abgeschrieben hat, sind oft mit Feuereifer dabei. Dann denke ich immer: Das ist so wichtig, da dürfen wir nicht aufstecken." Sie legt Wert darauf, neben der ganzen Büroarbeit regelmäßig noch selbst Kurse zu geben. "Das braucht man, um das Feuer zu behalten."
Doch kann es wirklich Aufgabe eines privaten Unterneh-mens sein, die Lücken des staatlichen Bildungssystems zu stopfen? "Darüber hatten wir viele Diskussionen", sagt Stuchtey. "Doch nirgendwo steht, dass es Aufgabe des Staates ist, für die Wirtschaft auszubilden." Skepsis sei anfangs auch aus dem Bildungsbereich gekommen, ergänzt Schettler. "Da hieß es: Müssen Kinder denn jetzt schon im Kindergarten Abitur machen?" Doch mittlerweile habe sich das gelegt, und die Akzeptanz sei hoch.
Heikel ist das Modell von Science-Lab dennoch, das weiß auch Stuchtey. Schließlich üben Unternehmen damit Einfluss auf pädagogische Inhalte aus. Die Interessen von Wirtschaft und Pädagogen auszubalancieren sei mitunter eine Gratwanderung, gibt die Science-Lab-Gründerin zu. Ohne Absprache mit Lehrern und Erziehern geschehe aber gar nichts. "Wir sind keine Vollstrecker des Firmenziels", betont Stuchtey. "Es sollen junge Menschen heranwachsen, die Dinge hinterfragen und innovative Ideen produzieren können." Darin läge der Mehrwert für Unternehmen – und nicht in der Gelegenheit, eine plakative Werbebotschaft loszuwerden. (grh)