Kurskorrektur in der Krebstherapie?

Die Indizien häufen sich, dass Krebstumore genau wie ganz gewöhnliches Körpergewebe aus Stammzellen entstehen – allerdings aus entarteten. Auch die Pharmaindustrie zeigt sich höchst interessiert, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe.

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Die Indizien häufen sich, dass Krebstumore genau wie ganz gewöhnliches Körpergewebe aus Stammzellen entstehen – allerdings aus entarteten. Auch die Pharmaindustrie zeigt sich höchst interessiert, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 08/08 (seit dem 24. 7. am Kiosk oder portokostenfrei online zu bestellen).

Der Kampf gegen Krebs muss Ärzten und Patienten zuweilen vorkommen wie der Kampf des griechischen Helden Herakles gegen die neunköpfige Hydra: Viele Tumore kommen nach anfänglichen Erfolgen durch Operationen, Medikamente oder Bestrahlung wieder – und lassen häufig noch Jahre später an neuen Stellen im Körper weitere Tumore entstehen. Als Folge ist Krebs trotz immer zielgenauerer Gegenmaßnahmen noch immer eine der häufigsten Todesursachen.

Einer der Gründe dafür dürfte sein, dass bislang weitgehend an den Symptomen herumgedoktert wurde, anstatt das Übel an der Wurzel zu packen: Es gibt Indizien dafür, dass Krebstumore genau wie ganz gewöhnliches Körpergewebe aus Stammzellen entstehen – entarteten in diesem Fall. Diese Krebs-Stammzellen aber sprechen anders als die von ihnen gebildeten Tumore auf die bislang verfügbaren Therapien nicht an, was das häufige Wiederaufkeimen der Krankheit erklären könnte. Mittlerweile finden Forscher immer neue Belege für die Stammzell-Theorie, und auch die Pharmaindustrie zeigt sich höchst interessiert.

"Es wurden schon vor 25 Jahren Hinweise dafür gefunden, dass sich aus den Stammzellen im Knochenmark Blutkrebs entwickeln kann. John Dick in Toronto konnte es vor etwa zehn Jahren das erste Mal schlüssig zeigen. Nur war man lange der Meinung, das ist ein Sonderfall", sagt Professor Otmar Wiestler, Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. "Wahrscheinlich entstehen viele Krebserkrankungen aus Körperstammzellen oder Vorläuferzellen, zum Beispiel die Gehirntumore", fasst Wiestler den Stand der Forschung zusammen. Denn seit Dicks Veröffentlichung vor elf Jahren wurden Stammzellen auch bei anderen Krebsarten gefunden, zum Beispiel bei Gehirn-, Brust-, Dickdarm-, Prostata-, Knochen- und Lungenkrebs.

Aus Tierversuchen gibt es demnach Hinweise dafür, dass die Krebsstammzellen sich noch besser schützen als ihre ausdifferenzierten Abkömmlinge: Beide verfügen über molekulare Pumpen, die Zellgifte nach außen befördern, und über DNA-Reparaturmechanismen gegen die Folgen von Bestrahlung. Die Krebsstammzellen aber siedeln sich zusätzlich – genau wie gesunde – in bestimmten Körpernischen an, wo ein engmaschiges Eiweißnetzwerk das Eindringen von Zellgiften erschwert.

Die Blockbuster-hungrige Pharmaindustrie interessiert sich jedenfalls für das junge Gebiet: Direkt aus der Wissenschaft hat der US-Forscher Michael Clarke vor vier Jahren das Unternehmen OncoMed Pharmaceuticals gegründet, das bislang noch kein Medikament in klinischen Test hat. Trotzdem konnte es im Dezember 2007 einen lukrativen Deal mit GlaxoSmithKline abschließen. Der zweitgrößte Pharmakonzern der Welt zahlt bis zu 1,4 Milliarden Dollar für die Rechte an vier Antikörpern, die OncoMed gegen Krebsstammzellen entwickelt und in die klinische Prüfung führen soll. (wst)