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Was war. Was wird.

Genau, unsere Pässe sind sicher, da schneidet niemand einen Finger ab. Und der Gutmensch ist eine zum Aussterben verurteilte Art. Angesichts der jüngsten Jubelanten bekommt Hal Faber aber so seine Zweifel, ob das alles so seine Richtigkeit hat.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ooh, stöhn, hechel. Wie geil war der Geiz! Fünf lange Jahre forderte der G-Spot deutsche ITK-Konsumenten zum Rubbeln auf. Doch nun ist die Orgie vorbei. Geiz produziert keinen Ständer mehr, nur die lüsterne Räkelei ist noch geblieben. An seine Stelle ist der Hass getreten, der Hass auf Alles, was gut und teuer ist. Während "Geiz ist geil" immer noch den Gesetzen der deutschen Sprache entspricht, langt die Rede vom Lieben und Hassen ordentlich daneben und bedient sich beim "das kostet teuer" der Kanakensprache. "Wir lieben Technik – wir hassen teuer", und das auch noch vorgetragen von einer lüstern sich räkelnden Veronika Hugo, die ihre implantierten RFID-Chips aus der Haut popelt und mit dem Zeigefinger den bleichen Schirm zum Platzen bringt. Entfernt erinnert das Platzen an ein großes Werbevideo, das mit seinem Hammerwurf wiederum an den berühmtesten Knochen der Filmgeschichte erinnert, womit ich natürlich bei meinem Lieblingsthema bin: Es gibt eben Maschinen wie Hal 9000, die denken. Glücklicherweise gibt es andere. Und über alle wölbt sich der rechnende Raum von Konrad Zuse, nacherzählt von Steven Wolfram. Wenn die technologische Singularität hinter uns liegt, werden diese Filmchen zu den Klassikern der Computerbildungsfilme gehören.

*** Bildungsfilme sind geil, denken wir nur an den Knaller über die Herzklappen des Hausschafes. Gut trifft es sich, dass die UNESCO heute den World Day of Audiovisual Heritage (PDF-Datei) ausgerufen hat, an dem wir alle der Archive gedenken, in denen unser kollektives visuelles Wissen gespeichert ist. Leider trifft es sich, dass gerade in den Köpfen deutscher Bildungslenker der Slogan "Geiz ist geil" besonders stark verankert ist, "Wir lieben Technik" dagegen nicht. Denn anders ist es nicht zu erklären, warum ausgerechnet das IWF Wissen und Medien aufgelöst wird, eine einzigartige Einrichtung, die mit ihren Campusmedien erfolgreich ist. Das Aus an den Rändern der norddeutschen Tiefebene kommt trotz landesfürstlicher Fürbitte. Gegen die mächtigen Herrscher der Bund-Länder-Komission hätte es wohl nur gereicht, wenn die UNESCO ihr Zeichen für schützenswertes Kulturgut an die Wände des IWF gebappt hätte.

*** Seit dem Wörterbuch des Gutmenschen von Klaus Bittermann ist "der Gutmensch" mit "dem 68er" verwachsen wie der bärtige Beck mit der SPD. Dabei ist der Gutmensch historisch älter. Die Nazis benutzten ihn im Dritten Reich für die Geistlichen, die sich gegen die Euthanasie aussprachen. Wer will, kann den Begriff bei Nietzsche finden, der sich in seiner Genealogie der Moral über die vermoraliserenden guten Menschen lustig macht und den Herrenmenschen predigt. Nun hat der Chef eines Boulevardblattes mit dem Hang zu fehlerhaften Meldungen ein Buch herausgebracht, in dem er auf 254 Seiten über den Gutmensch herzieht und ihn für alles Schlechte in Deutschland verantwortlich macht, inklusive der vielen Hundehaufen in Berlin. Gutmenschen, das waren Dutschke und die Studentenbewegung, die Solidaritätskaffeetrinker und die Mimosen, die gegen die Verwanzung in der Abhöraffäre um Klaus Traube protestierten, aber gleichzeitig ihre Toilettentüren aushängten, wegen dieser Privatsphäre. Ein Gutmensch hat sich dieser Verantwortungsdiffusion angenommen und eine Welt voller Rätsel gefunden.

*** Eine Diffusion erfuhr in dieser Woche ein Haftbefehl gegen einen kritischen Soziologen, der nach einer Google-Suche ins Visier der Polizei geriet: Der Haftbefehl löste sich auf, doch gegen den Wissenschaftler wird weiterhin nach dem Paragrafen 129a ermittelt und beschattet, der zur Bekämpfung der RAF ins deutsche Recht gehievt wurde. Damals wurde der Ausnahmezustand zur Regel. Das bei allem ehrenden Gedenken an die Opfer der RAF diese Erbschaft der bleiernen Zeit kaum noch erwähnt wird und 129a zum Normalzustand geworden ist, ist auch ein deutsches Vergessen.

*** Als schöner Erfolg des BKA wird die Festnahme eines mutmaßlichen Kinderschänders gefeiert, obwohl gerade die Fachleute davon alles anders als begeistert sind. Entgegen allen Vereinbarungen unter den Ermittlern wurde nicht nur das errechnete Fahndungsbild gezeigt, sondern auch die verstrudelte Variante. Das Mitteilungsbedürfnis, das stolz die Technik präsentiert, ist gleichzeitig ein lautes Signal an die Täter, die Bilder besser zu bearbeiten. Bleibt zu hoffen, dass die Technik der heimlichen Online-Durchsuchung ähnlich schnell die Runde macht, wenn es denn solche Trojaner geben sollte. Merkwürdig nur, dass von unseren mitteilungsbedürftigen Behörden kein einziger Treffer aus dem Datenverhau namens Anti-Terror-Datei gemeldet wird. Während in einigen Landeskriminalämtern die besonders geschützten Räume wieder abgebaut werden, aus denen Anfragen an die Datenbank geschickt werden dürfen, erfreut sich der Innenminister am GIZ. Der Unsinn in der amtlichen Pressemitteilung sei an dieser Stelle noch einmal wiederholt: "Das Internet hat sich in den letzten Jahren zum entscheidenden Kommunikationssystem für die menschenverachtenden Machenschaften von Terroristen entwickelt. Es dient als Informationsbörse, Kommunikationsplattform, Gemeinschaftsraum, Bibliothek des terroristischen Wissens und Ausbildungslager." Uh, uhuh Baby, its a wild world, sang einstmals Cat Stevens, so ein parkatragender Gutmensch, der jetzt unter anderem Namen – auch nicht ganz unbehelligt – lebt.

Was wird.

Wer teuer hasst, der wird die schönste Stadt in der wundervollen norddeutschen Tiefebene nicht besuchen, wenn die CeBIT grün wird. Das jedenfalls verkündeten die Messemacher vor geladenen Journalisten in der zweitschönsten Stadt nach Hannover, in Paris, wo das Moulin Rouge mit historisierendem Kitsch von vergangener Größe zehrt und ein kleiner Macho seiner lieben Freundin Angela nicht das Vergnügen einer CeBIT-Eröffnung im Duett mit Steve Ballmer überlassen will, während Vélo und Liberté zusammen schwer in Mode gekommen sind. Wer stilecht zur neuen CeBIT will, nehme ab Hannover Hauptbahnhof ein deutsches Bahnbike, nur fahrbar mit der entsprechenden Altersverifikation durch die Bahncard. Und eine Handkurbel für den Handystrom muss auch mit, wenn die Hotel-Preise speziell für Technikliebhaber anziehen wie die Notierungen von Kupfer.

Doch nicht nur Kupfer, auch Alu hat eine große Zukunft. In der nächsten Woche gelangen die tollen, noch neueren Reisepässe in den Umlauf, nur echt mit den gespeicherten Fingerabdrucken auf dem RFID-Chip. Besonders feierlich werden sie am Ausläufer der norddeutschen Tiefebene in Lübeck eingeführt. Die ehrwürdige Hansestadt startet gemeinsam mit dem unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz eine besondere Aktion. Wie heißt es so schön in der Pressemeldung: "Zur Erhöhung der Sicherheit wird von der Hansestadt und dem ULD eine Alu-Schutzhülle (Faraday'scher Käfig) angeboten, mit der das heimliche Auslesen des Reisepasses verhindert werden kann." Unsere Pässe sind sicher, soso. Immerhin ist die deutsche Bevölkerung anders drauf als die rundumüberwachten Briten, besonders in der Ausführung als britische Politiker. Deren Angst vor Fingerabdrucklesern und besonders vor terroristischen Fingerkuppenabhackern zeigt, wie konsequent der Kampf gegen den Terror geführt werden muss.

Was in Zukunft noch geil sein kann, ist schwer teuer die Frage. Ein Fingerzeig ist vielleicht, dass gerade Viva Maria im Fernsehen läuft. Der Film, der 1966 Dutschke und Co. beeinflusste, der Film, bei dem jener Volker Schlöndorff als Assistent arbeitete, der später zu den RAF-Kofferträgern gezählt wurde, weil er gegen die Haftbedingungen protestierte und sich um den früheren Bildungsfilmer Holger Meins kümmerte. Die Lehre aus der fröhlichen Bomberei von Maria und Maria ist klar: Für Frauen gibt es keine Winterzeit. Mit der neuen Geschlechterzeit wird alles viel einfacher. Oder müsste es geiler heißen? (Hal Faber) / (jk)