Provozierende Thesen zur "Green Card"
Der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz hat sich auf der CeBIT für eine allgemeine Entbürokratisierung in Deutschland ausgesprochen.
Der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz hat sich auf der CeBIT für eine allgemeine Entbürokratisierung in Deutschland ausgesprochen. Dies müsse eine Internationalisierung des Bildungsprozesses an den Universitäten und eine einfachere Erteilung von Arbeitserlaubnissen für ausländische Computer-Experten beinhalten.
Seine teilweise provozierenden Thesen äußerte Glotz in einem Vortrag auf dem Stand der Telekommunikationsfirma Talkline. "Zwei erstklassige Software-Entwickler leisten mehr als 100 durchschnittliche", so Glotz. "Fünfzigjährige arbeitslose Maschinenbauingenieure werden nicht plötzlich zu geschäftshungrigen Start-up-Unternehmern." So müsse den Forderungen des Bundeskanzlers Gerhard Schröder nach vereinfachten Zuzugsmöglichkeiten für ausländische Computer-Experten nachgegeben werden. "In Deutschland sind drei Mitarbeiter des Arbeitsamtes einen Monat lang damit beschäftigt, statt dringend benötigten Fachkräften schnell eine Arbeitserlaubnis zu erteilen, zu schauen, ob man diese Stelle nicht mit Leuten aus Castrop-Rauxel oder Pinneberg besetzen kann." Mit der in Deutschland vorherrschenden Bürokratie sei man international kaum noch wettbewerbsfähig. Das Grundgesetz bezeichnete Glotz in diesem Zusammenhang als "langsamste Verfassung Europas".
Insbesondere die deutschen Universitäten müssten von Bürokratie befreit werden, forderte Glotz. Dann erst könne der Bedarf von Fachkräften am Technologie-Arbeitsmarkt aus dem eigenen Bildungssystem heraus befriedigt werden. "Ein deutscher Student studiert heute am liebsten dort, wo die Waschmaschine seiner Mutter steht, und nicht an der bestmöglichen Universität." Auch dies müsse sich ändern. Das deutsche Manko sei kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem, so Glotz. Die CeBIT-Rede des Bundeskanzlers sei genauso richtig gewesen wie die Ansprache des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog im Berliner Hotel Adlon. "Auf den damals geforderten Ruck warten wir in Deutschland noch heute."
Glotz hatte die Gründung und den Aufbau der Universität in Erfurt als Rektor und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt maßgeblich vorangetrieben und lehrt heute als Gastprofessor des neugegründeten Lehrstuhls für Medien und Gesellschaft im Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. Von 1981 bis 1987 war er Bundesgeschäftsführer, von 1995 bis 1996 bildungs- und forschungspolitischer Sprecher der SPD. (cp)