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Was war. Was wird.

Es wird mal wieder ein letztes Gefecht geschlagen, aber es führt doch nur zum nächsten letzten Gefecht. Genießen wir lieber den Frühling, meint Hal Faber, der sich zudem an acht Diagrammen erfreut.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Hei, wie pfeift es frühlingsluftig durch die norddeutsche Tiefebene. Ob Kerstin, ob Emma, jeder Brausewind ist willkommen, die Ausdünstungen der CeBIT wegzupusten und den Laden auzulüften, solange Hal Faber weg ist im Karurlaub. Hallo allerseits, ich bin die Vertretung, eine sogenannte Testkopie, ein paar E-Mails und Notizen von Hal mal eben auf CD gezogen, was ist schon groß dabei, pfeift unsere Flachlandpolizei. Bremen ist schon immer das Gegenteil von Schämen gewesen.

*** Als Testkopie freue ich mich besonders über die Leipziger Buchmesse und die Tatsache, dass mit "Sick of Sick?" von André Meinunger der mittlerweile unsäglich stinkende Zwiebelfisch in der ruhmvollen Heise-Tradition des Fischrüberreichs eine Retourkutsche bekommt. Oder muss das korrektdeutsch "rückfahrendes fischtransportierendes Pferdegespann" heißen? Egal, eine "Testkopie" ist ja auch nicht eine rundum gelungene 1:1-Kopie, da dürfen die Bits schon mal kippeln. Man stelle sich nur die Sickness vor, die sich darin verbeißt, dass Doctorows neuer Roman "Upload" heißt, gebildet aus dem schönen deutschen Tuwort upgeloadet. Ja, das ist der, der eine große Wahrheit gelassen ausspricht: Kopieren ist gut für Autoren. Leider endet das verlinkte Interview etwas düster: "Aber in der Sekunde, in der Computer dazu benutzt werden, uns zu kontrollieren, geht alles den Bach hinunter."

*** Die einen oder anderen Computer werden benutzt, um uns zu kontrollieren, wenn nicht beim automatischen KFZ-Kennzeichen-Scanning, dann spätestens bei der Kontrolle der Bürgerehrlichkeit, die ganz bald auch jede Monade erfasst, auch wenn sie sich nicht mehr in die überwachten Städte wagt, kein Auto hat und nicht im Traume daran denkt, die USA zu bereisen, die bald bestens über Demonstrationsteilnehmer informiert ist. Ein ganz schnell in trockene Tücher gebrachtes Abkommen hat uns diese Woche beschert, weil der USA-freundliche Herr Frattini für Herrn Berlusconi Wahlkampf machen muss, und der Frattinis Amt mit übernehmende Senor Barroso so unfreundlich ist, was das Land der glorreichen Transzendenz anbelangt. Komisch nur, dass Cyberpunk-Ikone William Gibson offenbar einen p.c.-eingelegten Zwiebelfisch verspeist hat und sein Werk "Quellcode" nennt. Hat das die Quelle-Stadt Leipbschg verdient? Zur Erinnerung: Das ist die Stadt, die gestützt auf ein neues Urteil des Bundesgerichtshofes, ein Gesetz durchexerziert, mit dem sich einstmals das Häuflein Juden von den Ägyptern abgrenzte.

*** Angeblich spielt sich ja auf dieser Buchmesse das letzte Gefecht ab. Als verhältnismäßig junge Teilkopie bin ich über den Unsinn erstaunt, den gestandene vom Quellenforscher (ha!) zum Elchkritiker mutierte Menschen verzapfen, komplett mit verlogenen Bildvergleichen. Doch Bücher sind geduldig und Menschen bekanntlich evolutionsgedichtlich zwischen Esel und Elch angesiedelt. Denken wir nur an den ersten Literatur-Nobelpreisträger Sully Prudhomme, der heute Geburtstag hat und 1901 über Leo Tolstoi triumphierte.

*** Der Mist, aus dem dumpfe Vergleiche zwischen Dutschke und Goebbels entweichen, ist übrigens keine deutsche Spezialität. Locker kann da Österreich mithalten, wenn ein österreichischer Kaisersohn davon fabuliert, dass Hitler in Wien ein harmloses Spektakel wie bei einem Fussballmatch ablieferte. Doch es war nicht einfach Jubel, sondern die typisch österreichische Mischung aus Sentimentalität und Brutalität, meint Egon Schwarz als Zeitzeuge. Freuen wir uns also auf die Europameisterschaft in den Alpen, wo sich die jubelnden Matchmassen in der gut überwachten Fancity zusammenfinden. Ein jeder sei gezählet und verdatet, wenn die Umwelt am Ball ist, ganz ohne umweltverschmutzenden Chip in der Pille.

*** Wenn schon 68er, dann aber richtig: Heute vor 40 Jahren unternahm ein Trupp junger bewaffneter Amerikaner einen dreistĂĽndigen Ausflug nach Pinkville. Das Massaker muss im Zusammenhang mit der Tet-Offensive gesehen werden, die zuvor die Verletzbarkeit der US-Armee zeigte. Unamerikanisch wird heute die Darstellung der englischsprachigen Wikipedia genannt, die Namen nennt. FĂĽr einige nach Schweden geflĂĽchtete amerikanische Kriegsdienstverweigerer interpretierte der Gitarrist Jimi Hendrix, der selber in der US-Armee gedient hatte, die Nationalhymne. Mit ihr katapultierte sich Hendrix beim Woodstock-Konzert in die Ewigkeit. Zu seinem Gedenken verlinkt eine echte Testkopie natĂĽrlich auf Chantel McGregor, der derzeit besten Hendrix-Interpretin.

*** Wer die auf totem Holz ausgelieferten Texte unserer Leitmedien in dieser Woche verfolgte, bei dem dürften es zwei Anzeige-Kampagnen ins Kurzeitgedächtnis geschafft haben. Da war einerseits die Serie der Firma Acer, die ein völlig neues Blau versprach, aber am Ende nicht einmal Yves Klein präsentierte. Stattdessen wurde in New York ein Monstrum vorgestellt, komplett mit Schnickschnackschnuck-Sätzen wie dem von der ausgeklügelten Linienführung bei mehr als 4 Kilo Gesamtgewicht. Dann vielleicht doch lieber der Sprung ins Leere? Andererseits sollen es 10 Thesen sein, die in der FAZ (PDF-Datei) stehen, über die auch noch die Junge Welt berichtet. Das alles zum fünften Jahrestag des Irak-Krieges. Natürlich gibt es Zusammenhänge zwischen My Lai und Abu Ghraib. Aber diese sind journalistischer Natur. Wobei jeder Journalist fast ein Terrorist ist. Oder so.

*** Das mag sich auch mancher aus den Lobbyvereinigungen der Modeindustrie denken, die ja doch alle, die nicht dazugehören, schon mal für verdächtig hält. Ist nicht eigentlich genug gesagt über diese Branche, deren Chefs in ihren schönsten Träumen immer noch in den seligen Zeiten von Tin Pan Alley leben, als Komponisten und Texter Songs im Akkord für die Musikverleger ausspuckten – und dabei doch das "Great American Songbook" schufen? Von irgendeinem "Great Songbook", amerikanisch oder nicht, sind wir heute weit entfernt, derweil die Zukunft der Branche in den Händen von Guy Hands liegt, der nicht nur einen Major unter seine Kontrolle bringen, sondern allen Labels seine Vorstellung von einer Musikbranche aufdrücken will, die durch die Renditevorstellung von Investmentfirmen bestimmt ist. Kein Wunder, dass Leuten wie Dieter Gorny, die sich immer noch für die Propheten der Popkultur halten, auch nur Hilfssherifftätigkeiten der Provider gegen die Musikhörer einfallen, um die Rendite zu steigern. Mir kleiner Testkopie geraten da doch alle Bits durcheinander, übrig bleibt als Wort zum Sonntag nur ein herzhaftes "Wenn eines auf der Welt kein Jazz ist, dann ja wohl Pilze!", das einige furchtlose Menschen durch die Straßen tragen. Ein Glück, dass gerade die jüngste CD vom Wu-Tang Clan eingetrudelt ist. Auch kein Jazz. Aber näher dran als Pilze. Jetzt kann Ostern kommen. Und der Frühling.

Was wird.

Denn was soll sonst in der Karwoche schon groß passieren? Ein Come Beck hier und da, aber sonst eher ein großes Räuspern, während allüberall die Osterfeuer aufgeschichtet werden, veritable Scheiterhaufen allerorten. Friedliebender sollte es auf der Brainshare in der Mormonenstadt Salt Lake City zugehen. Und das, obwohl im Vorfeld heftig über das Novell Entropy Department gestritten wird. Das ist eine Abteilung, in der die Marketiers auf strunzdumme Gedanken kommen, die die Evangelisten tapfer verteidigen müssen. Jede größere Software-Firma kennt solche Spielchen. Wer keine Eier hat, muss halt Eier suchen gehen. Ja, wer das Grauen sucht, findet den Dämonen der Dummheit und der Lüge. Irrtümer strikt ausgeschlossen.

Damit verschwinde ich Testkopie aus dem Arbeitsspeicher, kratze die letzten Cache-Reste zusammen. Ich könnte noch den fünfjährigen Geburtstag der Agenda 2010 besprechen, doch dann müsste ich erbrechen ohne Ende, und das wäre nicht O. K. Ein Bit mag kippen, aber doch nicht der gesamte Mageninhalt. (Hal Faber) / (jk)