Rätselraten über winzige Partikel
Aerosole sind ein entscheidender Faktor für die Vorhersage des Klimas. Doch je mehr Forscher darüber in Erfahrung bringen, desto unübersichtlicher wird die Datenlage, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe.
Aerosole sind ein entscheidender Faktor für die Vorhersage des Klimas. Doch je mehr Forscher darüber in Erfahrung bringen, desto unübersichtlicher wird die Datenlage, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 08/2008 (seit dem 24. 7. am Kiosk oder portokostenfrei online zu bestellen).
Obwohl Aerosole nur zwischen einem Millionstel und einem Hundertstel Millimeter groß sind, haben die winzigen Partikel gewaltige Auswirkungen: Denn an ihnen kondensiert der Wasserdampf in der Atmosphäre zu kleinen Tröpfchen – den Wolken. Die bringen nicht nur Regen, sondern können uns auch vor Sonnenstrahlung aus dem All schützen, indem sie das Licht dorthin zurückstreuen. Der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC) nimmt für seine Prognosen an, dass der kühlende Effekt der durch den Menschen verursachten Aerosole einem „negativen Strahlungsantrieb“ von etwa minus einem Watt pro Quadratmeter entspricht. Der Anstieg der Treibhausgase führt demgegenüber zu einer Erwärmung mit einem positiven Strahlungsantrieb von geschätzten plus 2,5 Watt pro Quadratmeter.
„Der kühlende Effekt der Aerosole ist aber nur eine Hypothese, die durch ein paar Computerspiele untermauert wird“, sagt Jost Heintzenberg, Direktor des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung in Leipzig. Nach seiner Einschätzung sind die derzeitigen Klimamodelle so ungenau, dass die tatsächliche Auswirkung der Aerosole auch zehnmal so stark sein könnte, wie vom IPCC angenommen. Genauso gut sei es möglich, dass sie in Wirklichkeit selbst einen Beitrag zur Erwärmung leisten, statt sie abzumildern. „Das ist eigentlich eine unerträgliche Situation“, sagt Heintzenberg.
Die Ungewissheit, welchen Einfluss welche Art von Aerosolen auf das Klima hat, ist durch neue Forschungsergebnisse aus Leipzig, Wien oder Hamburg eher größer als kleiner geworden. So haben Wasserwolken eine abkühlende Wirkung, Eiswolken aber eher eine erwärmende. Schwefelsäure kann Wasserdampf in Wolken verwandeln, Ruß in unterkühlten Wasserwolken für Regen sorgen – es sei denn, auf ihm hat sich Schwefelsäure angelagert. Und auch ganz ohne Wolken wirken die Aerosole auf das Klima: Ruß etwa reflektiert das Sonnenlicht und sorgt so für Abkühlung am Boden. Gleichzeitig nimmt er aber auch Strahlung auf und erwärmt sich und damit auch die ihn umgebende Luftschicht. Der europäisch-japanische Satellit EarthCARE könnte mehr Klarheit für die Forschung bringen. Er hat unter anderem ein Lichtradar an Bord und startet voraussichtlich in drei bis vier Jahren. (wst)