Wirtschaftsmedien auf der Jagd nach der lukrativen Zielgruppe

So viel Umbruch gab es lange nicht in der Welt der Wirtschafts- und Business-Medien: Rupert Murdoch kauft Dow Jones, Thomson und Reutes wollen finanzieren, zahllose Finanzseiten im Internet revolutionieren den Zugang zu Wirtschaftsinformationen.

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Von
  • Roland Freund
  • dpa

So viel Umbruch gab es lange nicht in der Welt der Wirtschafts- und Business-Medien. Die Finanzinformationsriesen Reuters und Thomson wollen fusionieren, Medienmogul Rupert Murdoch kauft den US-Traditionskonzern Dow Jones, und zahllose Finanzseiten im Internet revolutionieren den Zugang zu Wirtschaftsinformationen. Motor der rasanten Veränderungen ist wie fast immer in der Wirtschaft die englischsprachige Welt – mit Folgen für Medien rund um den Globus. Und überall geht es dabei um milliardenschwere Märkte.

"Die Landschaft verändert sich gewaltig", stellte Reuters-Manager Devin Wenig auf einer internationalen Business-Medienkonferenz in New York fest. Weitere Fusionen in der Branche würden sicher folgen. "Dieses Jahr ist der Damm gebrochen", sagte Wenig, der nach dem Kauf von Reuters durch Thomson einer der Topmanager des Konzerns sein wird.

Schillerndste Figur im aktuellen Poker der Businessmedien ist der gebürtige Australier, Wahlamerikaner und ausgewiesene rechte Konservative Rupert Murdoch (76), dem weltweit Zeitungen, TV-Sender und Online-Angebote gehören. Den Segen der Kartellwächter vorausgesetzt, übernimmt seine Gesellschaft News Corp. für fünf Milliarden Dollar (3,5 Mrd Euro) Dow Jones mitsamt dem traditionsreichen Flaggschiff Wall Street Journal. Murdoch will die Wirtschaftszeitung mit einer täglichen US-Auflage von rund 1,7 Millionen Exemplaren weltweit zur Nummer eins ausbauen – eine Kampfansage an die britische Financial Times (Auflage rund 440.000) auf deren Heimatmarkt Europa. Journal-Herausgeber Gordon Crovitz betont: "Wir sehen enorme Chancen für Dow Jones und das Wall Street Journal außerhalb Amerikas." Derzeit zählt die WSJ-Europaausgabe täglich rund 80.000 Exemplare.

Die zur britischen Pearson-Gruppe gehörende Financial Times will umgekehrt die USA und – wie das Wall Street Journal – Asien erobern. In Deutschland aber sucht die lachsrosafarbene FT gerade einen Käufer für ihre 50-Prozent-Beteiligung an der Financial Times Deutschland, deren andere Hälfte Gruner + Jahr gehört. Und auch über die Zukunft der FT bei Pearson spekulieren Experten: "Irgendetwas muss mit der FT passieren", sagt Medien-Analystin Lauren Rich Fine. Business-Publikationen zählen grundsätzlich noch immer zu den lukrativsten unter den Medien. Ihre finanzstarke Zielgruppe ist für Werbetreibende hoch attraktiv. Gerade erst startete der Verlag Condé Nast in den USA das Hochglanz-Businessmagazin Portfolio – als Konkurrenz zu Klassikern wie Forbes, Fortune und BusinessWeek.

Immer mehr Inhalte der klassischen Wirtschaftsmedien sind im Web frei verfügbar und nicht Abonnenten vorbehalten – ein allgemeiner Medientrend. Die FT kündigte Schritte in diese Richtung an, Murdoch dachte bereits laut über ein kostenloses WSJ-Online nach. Zwar hat die Internetausgabe fast eine Million zahlende Online-Abonnenten. Doch die Rechnung ist simpel: Für ein größeres Stück vom wachsenden Internet-Werbekuchen muss viel mehr Reichweite her. Konkurrenten sind die Finanzseiten großer Onlineportale wie Yahoo, AOL und MSN. Schon vor der Dow Jones-Übernahme startete Murdoch kürzlich in den USA einen neuen Wirtschafts-TV-Sender: Fox Business News. Der Ableger des Murdoch-Nachrichtenkanals Fox News soll Platzhirsch CNBC und Spartensender Bloomberg TV Konkurrenz machen, die beide auch in Teilen Deutschlands zu empfangen sind. Das Fox-Profil: Business nicht nur für Profis, sondern für die Masse – und klar patriotisch.

Noch weit mehr Geld als mit dem gewöhnlichen Verbraucher ist mit Wirtschaftsdaten jeder Art für Profis in der Finanzindustrie zu machen. Die künftigen Partner Reuters und Thomson sind zwei der größten Anbieter in diesem Markt. Die Kartellbehörden prüfen den Kauf derzeit, die EU lässt sich wohl bis nächstes Jahr Zeit. Kein Wunder, das Geschäft ist Thomson fast 13 Milliarden Euro wert. Wie viel Geld sich in diesem Markt verdienen lässt, hat auch der dritte große Mitspieler eindrucksvoll bewiesen. Der heutige New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg baute das nach ihm benannte Unternehmen vor gut 25 Jahren aus dem Nichts auf – heute zählt der 65-Jährige laut Forbes-Liste zu den 25 reichsten Amerikanern. (Roland Freund, dpa) / (jk)